Wahl in Bremen Die Hoffnung sitzt links


Offiziell mag es in Bremen niemand sagen, schon gar nicht bei der SPD, und erst recht nicht vor laufenden Kameras und Mikrofonen. Aber hinter den Kulissen ist eines klar: Die Zeichen hier stehen auf rot-grün. Die große Koalition, das ist die Botschaft dieses Wahlabends, sie ist abgewählt.
Von Jan Zier, Bremen

Die SPD hat das zweitschlechteste Ergebnis ihrer jüngeren Geschichte eingefahren, die CDU ebenso. Deren Spitzenkandidat, Bürgermeister und Innensenator Thomas Röwekamp ist völlig konsterniert, als ihn kurz nach 18 Uhr die ersten Fernsehkameras mit den katastrophalen Zahlen konfrontieren. Bei den Grünen feixen sie derweil: Die Bremer CDU, die 1999 noch jenseits der 37 Prozent lag, steuere nunmehr auf das "Projekt 18" zu. Das Projekt der FDP. Die Grünen indes denken schon über zu verteilende Senatorenposten nach, wenn auch freilich nicht offiziell.

Röwekamp schob die Schuld Böhrnsen zu

Thomas Röwekamp fällt es sichtlich schwer, zuzugeben, dass die seit 12 Jahren regierende CDU überhaupt verloren hat. Selten ringt einer wie er so um seine Fassung. Und anschließend schiebt er die Schuld an den Verlusten seiner Partei der SPD zu. Sie habe sich nicht klar auf eine Fortsetzung der großen Koalition festgelegt.

Warum sollte sie auch? Jens Böhrnsen ist der alte und neue Präsident des Bremer Senates, soviel war vor der Wahl klar. Die Frage konnte nur lauten: Mit wem will er lieber regieren? Sie würden es sich aussuchen können, die Sozialdemokraten, auch soviel stand vor dem 13. Mai schon fest: Ob sie lieber mit der alten, einst von Henning Scherf stets protegierten großen Koalition - oder aber mit den Grünen koalieren wollen. Es wäre die einzige rot-grüne Koalition im Land, es wäre die Wiederbelebung des rot-grünen Projekts. Mit einem kleinen Koalitionspartner, der das beste Landtagswahlergebnis der grünen Geschichte für sich verbuchte.

In den Umfragen lag die SPD bei über 40 Prozent

An seinen früheren Ausspruch, eine große Koalition müsse der "Ausnahmefall der Demokratie" sein, wollte Jens Böhrnsen gestern nicht so gerne erinnert werden. Wie ein Wahlsieger hört er sich nicht an. "Um mal gleich eines klarzustellen", sagte er seinen lieben Genossen und Genossinnen auf der Wahlparty, "wir haben diese Wahl gewonnen." Wer 13 Prozentpunkte vorne liege, der habe ja wohl gewonnen, stellt der Spitzenkandidat fest.

Das Ziel sei gewesen, die stärkste politische Kraft zu bleiben, gab er sich bescheiden, und das habe man erreicht. Daran hat aber auch nie jemand gezweifelt. SPD-Landeschef Uwe Beckmeyer hatte vor zwei Wochen noch eine "vier vorn" als Wahlziel ausgegeben. Und die Umfragen gaben ihm recht, sahen die SPD mitunter bei 42 Prozent, also jenem Ergebnis von vor vier Jahren. Die Erwartungen waren geweckt. Am Ende sind es über fünf Prozentpunkte weniger geworden als noch 2003.

Böhrnsen will die Linke nicht, die Linke will Böhrnsen nicht

Sogleich kündigte Böhrnsen "Sondierungsgespräche" an, und dass man in den kommenden zwei Wochen mit denen sprechen werde, die in Betracht kämen - "und ich sage ganz deutlich: Das ist nicht die Linke."

Daran hat indes auch die Linke selbst kein Interesse gezeigt. Nicht einmal im ersten Siegestaumel nach ihrem fulminanten Wahlergebnis. 8,5 Prozent der Stimmen hatten bereits die ersten Wahlprognosen um 18 Uhr versprochen. Und das war mehr, deutlich mehr, als sich selbst die kühnsten Optimisten in der Linkspartei das erhofft hatten. Alle hatten sie mit einer Zitterpartie gerechnet, zumal die letzten Umfragen von nur 4,5 Prozent sprachen. "Das war gut so", sagt Axel Troost jetzt, der linke Bundestagsabgeordnete, einer der Parteigründer der WASG in Bremen. "Aufrüttelnd" sei das gewesen, für seine Partei, und "mobilisierend", für die potenziellen WählerInnen, vor allem die Unentschiedenen. Das waren zuletzt mehr als die Hälfte aller knapp 500.000 Wahlberechtigten.

Erster Einzug der Linkspartei in einen westdeutschen Landtag

Monique Trödel, die linke Spitzenkandidatin in Bremen, war "sprachlos", als auf der Wahlparty der Linken die ersten Zahlen über den Bildschirm flimmerten, begleitet von dröhnendem Jubel der versammelten Anhängerschaft. Das will viel heißen, denn die parteilose Gewerkschafterin vom "Weser Kurier" ist sonst selten um einen Kommentar verlegen. Selbst spät am Abend fällt es ihr noch schwer, ihr Wahlergebnis in Worte zu fassen.

"Die alte Bundesrepublik hat sich verändert", sagt Wahlkampfmanager Bodo Ramelow an ihrer statt. Es ist schließlich das erste Mal, dass der Linken der Einzug in einen westdeutschen Landtag gelingt. Bei der letzten Bürgerschaftswahl 2003 war die PDS noch klar an der Fünf Prozent-Hürde gescheitert - obwohl Bremen schon damals als "Brückenkopf" in den Westen galt. Schon kündigt Ramelow Kampagnen für Hessen und Niedersachsen an. Dort wird als nächstes gewählt.


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