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Interview

Brandenburg und Sachsen: Interview mit Wahlforscher: "Koalitionen mit der AfD wären für die Union politischer Selbstmord"

SPD und CDU haben zwar in Brandenburg und Sachsen die Wahlen gewonnen, aber unter hohen Verlusten. Der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, sieht darin eine Auflösung traditioneller Bindungen – und die drohen auch im Westen. 

stern: Bei den Wahlen in Sachen und Brandenburg haben die Regierungschefs von CDU und SPD ihre Ämter nur mit knapper Not noch einmal retten können. Beobachter sprechen von einer "Zeitenwende": Das Parteiensystem, wie wir es jahrzehntelang kannten, sei in Auflösung. Sehen Sie das genauso?  
Matthias Jung:
Wir befinden uns in einer hochvolatilen Situation. Vor allem im Osten sind die Stimmungen sehr flüchtig. Aber auch im Westen erleben wir eine Aufsplitterung des Parteiensystems, das Aufweichen traditioneller Bindungen. Der alte Kitt ist weg.   

Das heißt, im Osten wird nur eine Entwicklung vorweggenommen, die wir möglicherweise schon sehr bald auch bei Wahlen im Westen erleben werden?   
In der Tat. Lange haben wir geglaubt, irgendwann werde der Osten in die politische Normalität finden, und das überlieferte westdeutsche Parteiengefüge adaptieren. Aber genau genommen ist es umgekehrt: Im Osten wird eine Entwicklung vorweggenommen, die auch den Westen erreichen wird. Insofern ist der Osten hier so etwas wie eine politische Avantgarde. Der Westen ist das Auslaufmodell.   

Worauf müssen wir uns einstellen?
Das gesamte Parteiensystem sortiert sich neu. Der entscheidende Faktor ist die AfD, künftig wird es vor allem darum gehen, Anti-AfD-Koalitionen zusammen zu bringen. Die AfD polarisiert und mobilisiert. Aber sie mobilisiert auch ihre Gegner.   

Sind AfD und Grüne die Gewinner dieser strukturellen Verschiebungen? 
AfD und Grüne wirken wie die Pole im neuen Parteiensystem. Diese Parteien bilden die zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien ab. Die einen über das Thema Migration und Identität, die anderen über das Thema Klimaschutz und gesellschaftliche Öffnung. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Bei den Grünen sehen wir seit geraumer Zeit eine Verbürgerlichung, dadurch werden sie bündnisfähig mit der CDU. Bei der AfD erleben wir das Gegenteil: eine fortschreitende Radikalisierung.   

Vor allem die CDU tut sich nach wie vor schwer damit, die Abwanderung von Wählern zur AfD zu bremsen. Welche Strategie würden Sie empfehlen? 
Jedenfalls nicht der AfD politisch hinterherlaufen. Das war nie auch nur im Ansatz erfolgversprechend. Koalitionen mit der AfD wären für die Union politischer Selbstmord.  

"Die AfD wird nicht verschwinden"

Lange Zeit herrschte in der Union die Hoffnung, die AfD sei ein Übergangsphänomen, sie werde sich irgendwann selbst entzaubern und dann wieder in Bedeutungslosigkeit versinken. Diese Vorstellung hat sich wohl erledigt, oder?
Das ist immer eine Illusion gewesen. Dass es rechts von der Union jahrzehntelang keine Partei mit nennenswerter politischer Bedeutung gab, war eher eine historische Ausnahmesituation. Die AfD wird nicht wieder verschwinden. Aber jetzt geht es um die Frage: Richtet sie sich dauerhaft bundesweit bei sieben oder bei 20 Prozent plus x ein?  

Kann die Union dafür sorgen, dass die AfD eher bei sieben Prozent bleibt, indem sie gezielt nationalkonservative Wähler anspricht? Früher gab es in der CDU Politiker wie einen Alfred Dregger, die diese Wähler an die Partei binden konnten. 
Die Dregger-Wähler kann die CDU nicht zurückholen, denn die gibt es schlicht nicht mehr. Sie sind gestorben. Die Retro-Nummer ist zum Scheitern verurteilt. Seit 20, 30 Jahren verliert die Union pro Legislaturperiode durch Mortalität circa eine Millionen Wähler. Das bedeutet: Sie kann ihr Ergebnis nur konstant halten, wenn sie konsequent neue Wählerschichten erschließt. Die Union muss Anschluss halten an die Mitte der Gesellschaft. Wenn es hier zu einem Strömungsabriss kommt, ist sie verloren.  

Was empfehlen Sie, anstelle der "Retro-Nummer"?
Die Union hat durchaus die Chance, als einzige Volkpartei in Deutschland zu überleben. Ihr Ziel muss sein, Verluste nach rechts zur AfD zu kompensieren durch Einbrüche ins Milieu von Grünen und SPD. Sie muss vor allem anschlussfähig bleiben ans grüne Milieu. Mit dem Ziel, die Grünen dauerhaft auf Platz zwei zu drücken, damit sie, das gehört zu ihrer Identität, den Kanzler stellen kann.  

Was bedeutet all das für künftige Koalitionen auf Bundesebene?
Wir müssen uns befreien von der zwei-Lager-Theorie. Das ist Denken aus der Zeit von Franz Josef Strauß. Es wird immer häufiger Bündnisse über die ehemaligen gesellschaftlichen Gräben hinweg geben. Die Grünen sind dabei strategisch in der besten Position. Ich sehe in einem schwarz-grünen Bündnis die einzige realistische Alternative zur Großen Koalition.

tis