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Wahlsieger in Baden-Württemberg: Winfried Kretschmann: Der etwas andere Grüne

Winfried Kretschmann schreibt Geschichte. Er wird erster grüner Ministerpräsident. Das passt, denn er ist genauso konservativ der Rest von Baden-Württemberg.

Von Maike Rademaker, Stuttgart

Ohrenbetäubender Jubel brandet auf. Der Mann mit der weißgrünen Krawatte zum grauen Anzug kämpft sich durch die Menge der Parteifreunde, die sich im Glastrakt des Kunstgebäudes in Stuttgart versammelt haben. Als Winfried Kretschmann auf die kleine Bühne steigt und die Arme hebt, kann er minutenlang nichts anderes machen als lächeln und winken.

"Wir haben so etwas wie einen historischen Wahlsieg errungen", sagt er dann. Die Grünen sind zweitstärkste Kraft im baden-württembergischen Landtag, eine grün-rote Regierungskoalition mit Kretschmann an der Spitze ist in greifbarer Nähe. Doch so richtig Euphorie mag beim Grünen-Chef nicht aufkommen, fast ein wenig süßsauer wirkt sein Lächeln, als das Klatschen einfach nicht aufhören will.

Brav bedankt sich der Spitzenkandidat schließlich bei seinen Wählern "besonders bei denen, die uns zum ersten Mal gewählt haben." Dann jubeln sie wieder im Kunstgebäude, jubeln nach jedem Satz, den er sagt. Also wiederholt er noch einmal sein Wahlversprechen: "Wir werden in diesem Land einen Politikwechsel einleiten", sagt der 62-Jährige. "Wir freuen uns, wir feiern und wir fangen dann gleich morgen an zu arbeiten."

Mit Gefühlsaufwallungen tut sich der Mann schwer, der sich anschickt, grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu werden - und damit zum ersten Landeschef in der Geschichte der Grünen. Große Emotionen zeigt Kretschmann sonst höchstens, wenn es um die Atomkraft geht, um Stuttgart 21 oder um ortsfremde Pflanzen, die er auf seinen Wanderwegen findet. Im Alltag wäre er eine ganz andere Art Landesvater: ziemlich nüchtern, sachlich. Wie die meisten im Ländle.

Auch wenn es am Ende für den historischen Wahlsieg reicht: Den großen Knall wird es mit Kretschmann nicht geben. Er will "die Menschen zusammenführen und sie hinter den klaren Zielen versammeln, um in eine grüne Richtung zu gehen".

Bevor er von der Wahlparty zum Landtag läuft, muss er erst noch seine Frau küssen und umarmen, die ihm am Rand der Bühne, mit lila Lederjäckchen und weißer Bluse um den Hals fällt und übers ganze runde Gesicht strahlt. Werden sie bald Umziehen in die Villa, die dem Landeschef im Südwesten zusteht?, fragt ein Reporter. Ach, winkt Gerlinde Kretschmann ab. "Haben wir noch nicht drüber geredet, und unser Haus ist doch schön!" Schließlich ist der Lehrer für Ethik, Chemie und Biologie fest verwurzelt. Kommt vom Land, aus dem kleinen Dorf Laiz bei Sigmaringen. Dort lebt er mit seiner Familie im Bauernhaus der Eltern seiner Frau, mit er seit 40 Jahren verheiratet ist und drei Kinder hat. Bodenständig ist Kretschmann, bedächtig, langsam. Mit einem Wort: konservativ. Damit hat er die Schwaben für sich gewonnen, die nach 20.979 Tagen CDU-Herrschaft zwar den Wechsel wollen - aber keine Abenteuer.

Der grüne Schützenkönig

Kretschmann ist der andere Grüne. Nicht nur, weil er in der Öffentlichkeit prinzipiell Anzug und Krawatte trägt. Oder weil er erst nachdenkt, bevor er redet - und das dann immer ein wenig dauert. In den wilden Jahren Ende der 60er, als viele seiner altgedienten Parteifreunde erste politische Erfahrungen sammelten, hat Kretschmann seinen Grundwehrdienst geleistet, statt zu verweigern. Heute noch ist er im Schützenverein und war schon mal Schützenkönig.

Geschämt hat sich Kretschmann dafür nie, entschuldigt schon gar nicht - unangenehm ist ihm da schon eher sein Ausflug zu K-Gruppen während der Studentenzeit, den er inzwischen als fundamentalen politischen Irrtum bezeichnet. Ex-K-Gruppen-Mitglied Jürgen Trittin ist derlei Reue fremd.

Kretschmann haben die Wähler ihre Stimme gegeben, obwohl er sich anfangs eher gesträubt hat. Als im Herbst 2010 der Streit um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 aufflammte, wurde der Oppositionspolitiker von den guten Umfragewerten für die Grünen überrascht. Aus dieser Zeit stammt das Gerücht, dass der "Kretsch", wie sie ihn in seiner Partei nennen, eigentlich gar nicht Ministerpräsident werden wollte.

Es dauert halt, bis er Feuer fängt für eine Idee. Aber dann glaubt er an sie, und im Glauben ist Kretschmann stark. Er glaubt nicht nur an den Erfolg der Grünen, die er mitgegründet hat, und für die er trotz aller Turbulenzen in den vergangenen 30 Jahre immer wieder auf der Oppositionsbank saß.

Er ist zudem überzeugter Katholik: Mitglied im Verein der Freunde der Erzabtei St. Martin zu Beuron, Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, Mitglied im Diözesanrat der Erzdiözese Freiburg, und Mitglied im Kirchenchor Laiz. Mehr Kirche geht nicht. Da vergleicht er sich schon mal mit Moses, der seinen Grünen den Weg zur Regierung weist, aber selbst am Ende nicht mehr dabei sein wird. Oder sagt, wenn es um das Personal für sein neues Kabinett geht, der Papst habe ja auch immer ein paar Kardinäle in der Hinterhand. "In pectore heißt das", sagt er - und die Nichtchristen googeln los. Im Ländle heißt es, er habe die Partei mehr verändert als sie ihn. Und weil Kretschmann eigentlich ein Schwarzer ist, hat er im Wahlkampf auch kaum um die Stimmen der Schwachen geworben, etwa die der 500.000 Hartz-IV-Empfänger in Baden-Württemberg. Oder bei den hier mächtigen Gewerkschaften.

Er bemüht sich um die Konservativen

Bemüht hat Kretschmann sich vor allem um die konservativen Wähler. "Niemand braucht Angst haben", hat er jenen zugerufen, die 58 Jahre lang nichts anderes wählen mochten als die CDU. Es werde neue Ideen geben, aber das Rad müsse man nicht neu erfinden."Wir sind orientiert, wir wissen was wir wollen. Wir können Orientierung geben." Und damit auch alle wissen, wer auch so ist wie er, zitiert er gerne mal einen anderen Politiker: den Ex-Ministerpräsidenten Erwin Teufel, CDU.

Jetzt aber hat er so viele Konservative für sich gewonnen, dass er vielleicht schon bald die Geschicke Baden-Württembergs bestimmen kann. Denn die langjährige Regierungspartei, der sich der Stuttgarter Grünen-Chef lange so nahe fühlte, hat sich von vielen ihrer Stammwähler in den vergangenen Wochen entfernt: Sie mögen einer Partei nicht mehr folgen, die für Atomkraft und das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist und vom Hardliner Stefan Mappus geführt wird.

Problem EnBW - Mappus Erbe

Einfach wäre es für den Wahlsieger von Stuttgart dennoch nicht, Mappus' Nachfolge anzutreten. Weder kann er die Atomkraftwerke im Land morgen abschalten noch Stuttgart 21 stoppen. Versprochen hat er daher nur einen besonnenen Politikstil, zuhören, nachdenken und mit der Bürgergesellschaft entscheiden. Beim Energiekonzern EnBWhat ihm Mappus ein riesiges Problem hinterlassen: Der Konzern lebt hauptsächlich von der Atomkraft - und braucht dafür voraussichtlich den Meiler Philippsburg, der gerade für das Moratorium abgeschaltet wurde. Den Aufsichtsrat hat Mappus noch schnell nach seinen Vorstellungen besetzt. Kretschmanns Einfluss ist so begrenzt.

Die Zukunft von Stuttgart 21 könnte schon in Koalitionsverhandlungen mit der SPD zum Knackpunkt werden. Die SPD will den unterirdischen Bahnhof bauen, die Grünen sind dagegen. Einig ist man sich über einen Volksentscheid. Fällt der für den Neubau unter der Erde aus, könnte es für Kretschmann schnell eng werden.

FTD