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Wehrbeauftragter: Bundeswehr-Exzesse in zahlreichen Truppenteilen

"Jukebox" oder "Rotarsch": Erniedrigende Rituale für Bundeswehr-Rekruten gibt es nicht nur bei den Gebirgsjägern. Seit die Exzesse in Mittenwald bekannt geworden sind, melden sich beim Wehrbeauftragten des Bundestags immer mehr Soldaten aus allen Truppenteilen.

Die Affäre um entwürdigende Aufnahme-Rituale bei der Bundeswehr zieht immer weitere Kreise. Der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Reinhold Robbe, legte dem Verteidigungsausschuss Zuschriften 23 ehemaliger Soldaten vor, die von Exzessen in zahlreichen Truppenteilen von der Marine bis zur Luftwaffe in den vergangenen vier Jahrzehnten berichten. Die vor zwei Wochen enthüllten Rituale der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald dürften damit bei weitem kein Einzelfall sein. "Mittenwald ist nur die Spitze des Eisbergs", heißt es in einer Zuschrift.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg versprach erneut zügige Aufklärung. "Es ist jedem einzelnen Fall vernünftig nachzugehen und auch mit Nachdruck nachzugehen", sagte der CSU-Politiker am Dienstag in Berlin. Gegebenenfalls müssten Konsequenzen gezogen werden. Guttenberg schloss einzelne Disziplinarverfahren nicht aus, verwahrte sich aber gegen Pauschalurteile.

Vorgesetzte angeblich im Bilde

Robbe wird voraussichtlich an diesem Mittwoch vor dem Verteidigungsausschuss zu den neuen Erkenntnissen Stellung nehmen. "Das Ziel muss sein, diese Dinge nicht nur abzustellen, sondern für die Zukunft auszuschließen", sagte er dem Fernsehsender N24. Der Wehrbeauftragte hatte den Ausschuss bereits Mitte Februar über die Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald informiert. Dort mussten Neulinge den "Fuxtest" über sich ergehen lassen, zu dem das Essen roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen gehört. Die Enthüllung hatte für großes Aufsehen gesorgt und zu staatsanwaltlichen Ermittlungen geführt.

Als Reaktion erhielt Robbe insgesamt 54 Zuschriften, von denen er nun 23 an die Abgeordneten weiterleitete. Die Exzesse in Mittenwald wurden in einigen Schreiben bestätigt. In anderen E-Mails aus den Jahren 1993/94 und 2003/2004 wird darüber berichtet, dass es ähnliche Rituale auch in Bischofswiesen-Strub, nur wenige Kilometer von Mittenwald entfernt, gab: "Es werden ein paar Bier um die Wette getrunken, man muss um die Wette unter Stühlen durchrobben, zwischendurch erneut ein paar Bier trinken. Und muss aus einer ekligen Suppe (Stichwort: Rohe Leber) was trinken", schreibt ein Reservist. In einem anderen Schreiben heißt es, dass es die Gebirgsjäger-Rituale "bis vor einiger Zeit" auch in Bad Reichenhall gegeben habe.

Die Vorgesetzten wussten nach Angaben der Reservisten davon: "Bezogen auf die Dienstgrade muss ich sagen, dass ich davon ausgehe, dass so gut wie jeder Unteroffizier und Feldwebel, der eine Weile dabei ist, weiß was passiert und auch in welchem Umfang", heißt es in einer Mail. Ein anderer Absender berichtet: "Zu meiner Zeit hatte nahezu jeder Soldat, der in einem der Gebirgsjägerbataillone Dienst tat, zumindest andeutungsweise von den Dingen gehört, nicht nur die Hochzügler."

Erniedrigende Rituale

Ein ehemaliger Obergefreiter, der zwischen 1996 und 1998 als Zeitsoldat an verschiedenen Standorten in Süddeutschland eingesetzt war, berichtet aus seiner Zeit im baden-württembergischen Ellwangen (Jagst) über verschiedene "Spiele". Bei der "Jukebox" werde ein Soldat in seinen Spind eingeschlossen und darin umgestoßen, während er bestimmte Lieder singen müsse.

Ein anderer Soldat, der vor 20 Jahren auf einem Marine-Zerstörer eingesetzt war, schilderte ein sogenanntes "Rotarsch-Ritual": "Eine Bohnermaschine (eine mobile Maschine mit einer großen elektrisch betriebenen Borstenscheibe) wurde in Betrieb gesetzt und dem Rekruten an den nackten Hintern gehalten, bis dass dieser rot war."

Bei einem Fernmeldebataillon im baden-württembergischen Bruchsal soll es in den 70er-Jahren ebenfalls Aufnahmerituale gegeben haben: "Aus der Küche gab es ausgehöhlte, mit allem Denkbaren aus der Küche angefüllte riesige Zwiebeln, die man "Essen" musste. Spätestens jetzt haben sich bereits fast alle übergeben müssen."

Die Linke forderte die Etablierung von Kontrollmechanismen bei der Bundeswehr, um Exzesse zu verhindern. "Der Fehler steckt nicht im Verhalten Einzelner, sondern im System Bundeswehr", erklärte Verteidigungsexperte Paul Schäfer.

DPA / DPA