Welthungerhilfe "Jeden Tag verhungern 10.000 Kinder"

Zwölf Jahre stand Ingeborg Schäuble an der Spitze der Welthungerhilfe. Auf zahlreichen Reisen in die Länder der dritten Welt hat sie Hunger und Armut gesehen - und mit ihrer Organisation versucht, Menschen eine Chance zu verschaffen. Im stern.de-Interview zieht sie Bilanz ihrer Arbeit und gibt ihrer Nachfolgerin noch einen Rat mit.

Frau Schäuble, eine Milliarde Menschen müssen jeden Tag hungern auf dieser Welt. Praktisch jeder siebte Mensch. Die Zahl der Hungernden steigt. Hat Sie das nie entmutigt, Frau Schäuble, in den zwölf Jahren, die sie an der Spitze der Organisation Deutsche Welthungerhilfe standen?

Entmutigt nicht, zuweilen aber deprimiert, weil alle wissen, wie man Hunger und Armut bekämpfen könnte. Und doch gibt es immer wieder Rückschläge. Sehen Sie in den Kongo, was dort gerade passiert. Hunderttausende werden vertrieben, müssen hungern. Und die Weltgemeinschaft sieht zu, weil sie den Menschen dort nicht helfen kann.

Gibt es nicht ein Menschenrecht auf Nahrung?

Das gibt es, und viele Regierungen haben sich darauf verpflichtet. Leider werden diese Versprechungen vielfach nicht eingehalten, weder von den Industrie- noch von den Entwicklungsländern. Oft werden Bauern einfach ohne Entschädigung enteignet. Neues Land bekommen sie nicht. Das wird dann an Agrargroßbetriebe überschrieben.

Kann man sagen: Die Hungerkrise ist viel schlimmer als die derzeitige globale Finanzkrise?

Richtig. Denn es geht um Menschenleben. Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Jedes Jahr wächst die Menschheit um 80 Millionen und damit auch die Zahl der Hungernden.

Die Bundesregierung gibt derzeit nur etwa 12 Milliarden Euro im Jahr aus für Entwicklungshilfe. Sie hat jetzt aber ein 500-Milliarden-Paket zur Rettung des Finanzsystems geschnürt. Akzeptieren Sie das?

Bei den Banken wird blitzschnell denen zu helfen versucht, die die Misere angerichtet haben. Aber man muss die Rettungsaktion akzeptieren, denn wenn die Weltwirtschaft zusammenbricht, kann den Hungernden auch nicht geholfen werden. Das Problem des Hungers auf der Welt ist leider immer wieder verdrängt worden. Wenn die globale Hungerkrise so ernst genommen würde wie die Krise der Finanzmärkte, hätten wir längst eine Lösung. Dann würde sich die Bundesregierung auch nicht sperren, nicht genutzte Gelder aus dem EU-Agrarhaushalt in Höhe von einer Milliarde in die Entwicklungsländer umzuleiten. Was leider energisch verdrängt wird: Es sterben jeden Tag 10.000 Kinder an Hunger. Dass wir uns daran gewöhnt haben, ist eine Schande. Denn wir haben genug Lebensmittel auf dieser Erde. Wir reagieren aber nur auf große Hungerkrisen, ignorieren jedoch den stillen Hunger in vielen Ländern.

Schauen Sie doch auf Ihr eigenes Land. Tatsache ist, dass die Bundesrepublik immer noch nicht 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens in die Entwicklungshilfe steckt, wie sie zugesichert hat, sondern nur 0,37 Prozent.

Gemessen an unserer Wirtschaftskraft liegen wir gerade mal im Mittelfeld. Und das auch nur, weil wir Schuldenerlasse mit einrechnen. Sie bringen den Entwicklungsländern nichts, denn es fließt dabei kein neues Geld. Wer damit zufrieden ist, sollte sich schämen.

Fast alle Hungerländer müssen Nahrungsmittel importieren, und dies bei steigenden Preisen. Wäre es da nicht konsequent, wenn die Entwicklungshilfe sich ganz zentral auf die Unterstützung der Kleinbauern in diesen Ländern konzentrieren würde?

Wir fordern seit Jahren im Kampf gegen den Hunger, dass mehr Geld der Entwicklungshilfe in die Landwirtschaft und die ländliche Infrastruktur fließen soll. Denn drei Viertel der Menschen, die hungern, leben auf dem Land. Und sie leben von einer Landwirtschaft, die sie nicht mehr ernährt, obwohl das Potential gerade in den afrikanischen Ländern durchaus vorhanden ist.

Weshalb sperrt sich die Bundesregierung, in der auch Ihr Mann als Minister sitzt, bisher dagegen, einen viel größeren Teil der Entwicklungshilfe als bisher in die Förderung der Landwirtschaft in diesen Ländern zu geben?

Unsere Regierung muss mit den Regierungen der Entwicklungsländer zusammen arbeiten. Die Welthungerhilfe zum Beispiel arbeitet mit den Bauern zusammen. Das kann die Bundesregierung natürlich nicht. Und viele dieser Regierungen sind nicht demokratisch, nicht rechtstaatlich, sind korrupte Regimes. Daher landet viel Geld, das von Regierung zu Regierung fließt, nicht bei den Armen, sondern in Taschen, die sowieso schon voll sind.

Ist Nahrungsmittelhilfe manchmal eine humanitäre Pflicht, aber der falsche Weg, um den Hunger langfristig zu bekämpfen und damit keine vernünftige Entwicklungshilfe?

So ist es, es sei denn, man macht Nahrungsmittelhilfe für Schulkinder, die eine halbwegs vernünftige Ernährung brauchen, weil sie sonst geistig und körperlich zurückbleiben würden. Es muss schlicht mehr das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe praktiziert werden, auch in der Entwicklungshilfe von Staaten wie der Bundesrepublik. In einem Land wie Mosambik wird der größte Teil des Staatshaushalts mit Entwicklungshilfe finanziert. Das lähmt die Steuererhebung dort von vornherein. Solche Entwicklungshilfe fördert nicht gerade die Eigeninitiative.

Wer sind die Hauptopfer des Welthungers? Kinder und Frauen?

Natürlich immer die Schwächsten, die Frauen also und ihre Kinder. Hinzu kommen aber auch noch ethnische Gruppen und Minderheiten.

Könnte man gezielt den Frauen helfen, ohne dass ihre Männer sie unverzüglich wieder um den Lohn ihrer Arbeit bringen?

Ja, Organisationen wie die Welthungerhilfe geben diesen Frauen die Chance, sich neben der Landwirtschaft wirtschaftlich zu betätigen.

Was heißt das konkret?

Dass wir ihnen zeigen, wie man in der Landwirtschaft Nahrungsmittel erzeugen kann. Gerade in Afrika wirtschaften Männer und Frauen getrennt. Die Männer bauen Nahrungsmittel an, die sie verkaufen können. Von den Erlösen geben sie nichts an die Frauen weiter. Und ihre Frauen bekommen entweder gar kein Land oder nur das schlechtere. Und es sind die Frauen, die die Kinder ernähren.

Wie operiert Ihre Organisation in diesem Bereich? Geben Sie ebenfalls Mikrokredite an Frauen wie andere Organisationen?

Sie sind enorm wichtig. Die Welthungerhilfe müsste noch viel mehr als bisher mit Kleinkrediten arbeiten. Denn die Frauen zahlen sie auf jeden Fall zurück. Am wichtigsten ist dabei, dass sie sparen lernen. Und sparen ist die Voraussetzung, dass man investieren kann. Bei den Kleinkrediten steigt die Kreditsumme nach und nach. Am Anfang nehmen sie zum Beispiel den Kleinkredit, um eine teure Hochzeit zu finanzieren. Danach wird das Geld für andere Investitionen verwandt.

Über den militärischen Afghanistaneinsatz wird im Bundestag oft diskutiert, seine Ausweitung ist soeben beschlossen worden. Wie beurteilen Sie die Situation in diesem Land, wo die Welthungerhilfe schon seit 30 Jahren aktiv ist? Konzentrieren sich die Deutschen zu sehr auf den Militäreinsatz?

Ja, das beklagen wir. Militäreinsatz ist notwendig, das sehen wir ein. Aber die zivile Hilfe für die Menschen Afghanistans kommt viel zu kurz. Was nützt es Menschen, wenn sie vor Terror beschützt werden, aber nichts zu essen haben? Die Not ist so groß, dass wir uns entschieden haben, in diesem Land weiter zu helfen, obwohl wir zwei Mitarbeiter dort verloren haben. Wenn nicht mehr Unterstützung bei den Bauern ankommt, verlieren wir auch den Krieg gegen die Taliban. Das einzige, was floriert ist der Drogenanbau. Dabei könnte der Weizenanbau eine Alternative sein. Und Bauern, die wir fördern, bauen zum Beispiel Rosen an, aus denen Rosenöl gemacht und bei uns verkauft wird.

Was fühlten Sie, als in Afghanistan zwei ihrer Mitarbeiter ermordet worden sind?

Ich fühlte mich unendlich traurig. Man zweifelt am Sinn der Arbeit. Aber die Mehrheit unserer Mitarbeiter dort plädierte für die Fortsetzung unserer Arbeit.

Glauben Sie, dass die globale Finanzkrise sich niederschlägt in einem Rückgang der Spenden für die Welthungerhilfe?

Das lässt sich jetzt noch nicht beurteilen. Die wichtigsten Spendenmonate stehen jetzt erst unmittelbar bevor. Viele Menschen haben Geld verloren, den Arbeitsplatz, die Unsicherheit ist groß und das kann sich sehr wohl negativ auf den Spendenzufluss auswirken.

Sie sind nach dem Attentat auf Ihren Mann zur Welthungerhilfe gegangen. Weshalb sind Sie nicht in einer Behindertenorganisation aktiv geworden?

Nachdem wir einige Jahre nach dem Attentat mit unserer persönlichen Situation leben gelernt hatten, suchte ich eine ehrenamtliche Tätigkeit. Und die Welthungerhilfe fand ich eine wunderbare Aufgabe.

War Ihr Mann Wolfgang Schäuble Ihnen bei Ihrer Arbeit behilflich? Unterstützt er Sie bei ihrem Ruf nach mehr und besserer Entwicklungshilfe?

Er hat mich immer unterstützt. Wir sind mit unserer Arbeit auch Partner. Der Innenminister hat weniger Probleme, wenn wir beispielsweise in Afrika gute Arbeit leisten und er Flüchtlinge von dort nicht abweisen muss.

Taugt er auch als Spendensammler?

Er hat mir natürlich viele Türen geöffnet. Wo ich hinkomme, war er früher auch schon einmal. Und selbst in Nordkorea, wo ich war, kannte man sein Buch über die Wiedervereinigung und hat mir die Tür zum Außenminister geöffnet.

Was machen Sie in Zukunft? Ihr Mann macht unverändert 110 Prozent Politik, tritt noch einmal für den Bundestag an und Sie sitzen allein zuhause?

Nein, wir haben eine große Familie, auch schon Enkelkinder. Meine Mutter ist 98 Jahre alt, um die ich mich sehr kümmere. Und ich habe meinen Mann. Es gibt also genug Aufgaben. Und ich bin zwar um die ganze Welt gereist, aber ich kenne noch nicht einmal die neuen Bundesländer einigermaßen. Ein bisschen Zeit etwa für Mecklenburg-Vorpommern wird jetzt wohl bleiben.

Interview: Hans Peter Schütz

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