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ZEITGESCHICHTE: Ehre, wem Ehre nicht gebührt

Kaum zu glauben, aber wahr: Würde Adolf Hitler noch leben, könnte er mit dem Omnibus kostenlos durch Stettin fahren und käme auch ohne Ticket ins Stadion. Seit 1943 ist der Diktator Ehrenbürger der Stadt.

Die kommunistische Vergangenheit ist in Polen schon lange vorbei. Nach der demokratischen Wende im Jahr 1989 kam es zur großen Säuberungswelle der Stadtplaner. Leninalleen erhielten vorzugsweise die Gewerkschaft Solidarität oder den »polnischen« Papst Johannes Paul II. als Namenspaten. Die Leninhütte in Krakau, eines der größten Stahlwerke des Landes, wurde nach dem polnischen Ingenieur Tadeusz Sendzimir benannt, die legendäre Leninwerft in Danzig (Gdansk) heißt nur noch Danziger Werft. Nun aber scheint es, als sei in mancher polnischen Stadt im Rahmen der »Vergangenheitsbewältigung« eines vergessen worden - der Bruch mit dem nationalsozialistischen Geschichtserbe.

Fundstelle: Stadtarchiv

Sechs Ratsabgeordnete aus Stettin (Szczecin) wollen diesen Versäumnissen jetzt zu Leibe rücken. Sie haben beantragt, Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Denn was vermutlich kaum einer der jetzigen polnischen Einwohner der früher deutschen Landeshauptstadt Pommerns wusste, fand das Ratsmitglied Janusz Modrzejewski kürzlich im Stadtarchiv heraus. Danach gehört der nationalsozialistische Diktator seit 1943 zu den Ehrenbürgern der Stadt - und auch nach 1945, als der größte Teil der deutschen Ostgebiete an Polen fiel, änderte sich an diesem Status nichts.

Anspruch auf Ehrenbegräbnis

Für Modrzejewski ist es schlicht »sträflich, dass so ein Verbrecher noch heute auf der Liste der Ehrenbürger steht«. Es sei höchste Zeit, Hitler seine Privilegien abzuerkennen. Dabei handelt es sich größtenteils um Vorrechte, die zu Lebzeiten gelten, etwa die kostenlose Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und freier Eintritt bei städtischen Sport- und Kulturveranstaltungen. Aber auch der Anspruch auf ein Ehrenbegräbnis scheint wie Hohn angesichts der 6,5 Millionen Polen, darunter drei Millionen Juden, die während des Zweiten Weltkrieges ums Leben kamen.

Doch Stettin ist keineswegs ein Einzelfall - auch in den Archiven anderer ehemals deutscher Städte im Osten schlummern Altlasten, die erst jetzt aufgespürt werden. So fand die liberale polnische Zeitung »Gazeta Wyborcza« in diesem Sommer heraus, dass das in den 30-er Jahren eröffnete Stadion der oberschlesischen Industriestadt Zabrze, einst Hindenburg, in den offiziellen, wenn auch eingestaubten Unterlagen noch immer »Adolf-Hitler-Stadion« heißt. Jahrzehntelang war dies niemandem aufgefallen, weil in Zabrze jeder nur vom Stadion spricht oder den Vereinsnamen »Gornik-Stadion« nennt.

Auch in Breslau Ehrenbürger

Auch in der niederschlesischen Großstadt Breslau (Wroclaw) ist Hitler, seinem Reichsmarschall Hermann Göring und lokalen Nazigrößen niemals die Ehrenbürgerschaft abgesprochen worden. »Unserer Meinung nach haben die faschistischen Verbrecher alle mit der Ehrenbürgerschaft verbundenen Rechte durch die Entscheidungen des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals verloren«, betont Zbigniew Magdziarz, der stellvertretende Ratsvorsitzende. Obendrein hat der Breslauer Rat 1993 einen dicken Strich unter die vergangenen Ehrungen gezogen und »Civitate Donatus Wratislaviensis« als neuen Ehrentitel eingeführt.

In Stettin fühlt sich der Ratsvorsitzende Dominik Gorski nicht so recht zuständig. »Es scheint mir unangebracht, dass wir uns mit rechtlichen Dingen befassen, die nicht unsere Urheberschaft haben«, erinnerte er daran, dass ein deutscher und nicht polnischer Rat damals die Ehrenbürgerschaft ausgesprochen hat. Gleicher Meinung ist der Historiker Tadeusz Bialecki. »Welche Bedeutung hat das nach so vielen Jahren? Stettin gehört heute zu einem ganz anderen Staat.«