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Zwischenruf: Hinkend zum Duell

Gerhard Schröder kann den Machtkampf gegen Angela Merkel nicht mehr wenden - das Gerede von vielen unentschlossenen Wählern ist ohne Substanz. Aus stern Nr. 36/2005

Die Legende welkt. Je näher der Wahltag rückt, desto vernehmbarer raschelt sie, die Fama von den sagenhaft vielen unentschlossenen Wählern - so viele wie nie! -, die im letzten Moment noch für ein Wunder sorgen könnten. Die Wen de. Den Sieg. Zwei, drei Wochen lang war sie aufgeblüht in oberflächlichen Analysen, in vertrauensseligen Leitartikeln, in glaubensstarken Wochenmarktparolen, hingebungsvoll benetzt von den Gärtnern aus dem Weinberg des Herrn, des Kanzlers: die Mär von den 50 Prozent unentschlossenen Wählern, die auch die verheerendsten Prognosen zur Lotterie machten. Wurzeln in der Wirklichkeit hatte die wuchernde Selbstsuggestion nie.

Nun überzieht, rasend schnell und Kampfgeist verschlingend, ein ganz anderes Gewächs den Garten der Sozialdemokratie: Panik. Die Panik vor der Katastrophe, die solcher Täuschung, solch auswegloser Wahlkampfstrategie folgen kann.

Es gab und gibt diesmal keine größere Verunsicherung der Wähler als bei der Bundestagswahl 1998, als Gerhard Schröder den überständigen Helmut Kohl stürzte, urteilt der Meinungsforscher Manfred Güllner, über Jahre der Volksdeuter des Kanzlers. Gut 25 Prozent der Menschen seien wirklich unentschlossen, doch die allermeisten von ihnen seien Versprengte, Verlorene, die sowieso nicht zur Wahl gingen. Die Wahlbeteiligung erreicht ja nicht 100 Prozent, sondern wenn es gut geht um die 80. Weitere 25 Prozent seien sich, so der Chef des Forsa-Instituts, noch nicht vollkommen sicher, aber längst nicht alle überlegten es sich wirklich noch anders, und die Bewegungen in dieser Gruppe ergäben unterm Strich ein "Nullsummenspiel".

Als Helmut Kohl davongejagt wurde, 1998, grassierte die Verunsicherung im Lager der Union. Diesmal, so Güllners Feinanalyse, ist die SPD vom Virus des Zweifels infiziert. Weniger als die Hälfte jener Wähler, die ihr 2002 die Stimme gegeben hatten, sind heute entschlossen, noch einmal so zu votieren. 25 Prozent sind zu anderen Parteien übergelaufen, ein weiteres Viertel ist unsicher, ob es erneut SPD wählen soll. Selbst wenn sich diese Schwankenden am Ende alle doch noch dazu durchringen könnten, bilanziert Güllner, käme die SPD bestenfalls auf 33 Prozent.

Dies aber bringt die SPD in eine verzweifelte, weil schier aussichtslose Lage. Das erklärte Wahlziel, das Franz Müntefering unverdrossen verkündet ("Wir wollen stärkste Partei werden, Gerhard Schröder soll Kanzler bleiben und mit Rot-Grün regieren"), wird von den Wählern mit zunehmender Klarheit als unrealistisch erkannt. Ein erreichbares Wahlziel aber ist Voraussetzung dafür, um die Anhänger zu motivieren. Umgekehrt gilt: Erscheint die eigene Sache als verloren, bekennen sich nur die Treuesten der Treuen, während die Deprimierten versucht sind, im letzten Augenblick auf den Zug der Sieger aufzuspringen. 1987 fabulierte der Kanzlerkandidat Johannes Rau von der "eigenen Mehrheit" ohne Koalitionspartner, bis ihm Willy Brandt mit der Bemerkung, 43 Prozent wären auch schon ein schönes Ergebnis, die Luft abließ. Diesmal versuchen andere, der Erosion der geplatzten Träume vorzubeugen: Sigmar Gabriel durch eine Ampelkoalition mit Grünen und FDP, Wolfgang Clement, Otto Schily und Hans Eichel durch die große Koalition. Rot-Rot-Grün mit dem Erzfeind Oskar Lafontaine ist in jeder Hinsicht undenkbar.

Alle Koalitionsspielereien jenseits von Rot-Grün aber untergraben den Wahlkampf der SPD, weil sie die Angriffe auf den Gegner unglaubwürdig machen. Und: Ein Not-Bündnis mit den verhassten (Neo-)Liberalen, einzige Alternative zur Rettung der Kanzlerschaft Schröders, wird von den Beteiligten angeekelt ausgeschlossen. Die große Koalition unter Führung der Union aber ist nicht gezielt herbeizuwählen, sie wäre ein Zufallsergebnis, nur durch eine starke Linkspartei erzwungen, die Schwarz-Gelb die Mehrheit raubt. Welcher Sozialdemokrat brächte es über sich, dafür rein taktisch bei Lafontaine sein Kreuz zu machen?

Die SPD sitzt in der Falle ihrer Neuwahl-Operation: Mit dem Verzicht auf die Macht, vor allem der Begründung - mangelnde Unterstützung des Kanzlers durch die eigene Partei - hat sie Rot-Grün das Kreuz gebrochen und dem Wunsch nach Rückkehr an die Macht in ebendieser Koalition die Überzeugungskraft genommen.

Das Volk hat verstanden: Die können nicht mehr, die wollen nicht mehr. Es sucht das Neue, wenn auch wenig begeistert. Bei "Sabine Christiansen" interessierten sich 700000 Zuschauer mehr für Angela Merkel als für den Charmebolzen Schröder, bei Maybrit Illner gar eine Million. Das direkte Fernsehduell zwischen Schröder und Merkel ist deshalb von vornherein ein unechtes, ein hinkendes. Die Wähler wissen: Der hat keine Chance mehr. Sie interessiert nur eines: ob und wie sie sich gegen ihn behauptet. Der scheidende Kanzler ist meisterhafter Sparringspartner der kommenden Kanzlerin.

Hans-Ulrich Jörges / print