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Zwischenruf: John Wayne am Matterhorn

Er reitet gegen Unrecht und Steuerflucht. Sporenklirrend. Eis im Blick. Stahl in der Stimme. Seither ist Peer Steinbrück in der Schweiz zum "most hated man" geworden. Aber es braucht einen Revolverhelden, um Viehdiebe zu vertreiben.

Von Hans-Ulrich Jörges

Jetzt ist er fast so weit wie sein Vorvorgänger. Was den plötzlichen Ruhm angeht, nicht den späteren Abgang - hoffentlich. "Ist dies der gefährlichste Mann Europas?", fragte Ende 1998 das englische Massenblatt "Sun" seine Leser. Und gab die Antwort gleich selbst: "Oskar Lafontaine stellt die größte Bedrohung für die britische Lebensart seit 1945 dar." Tage später rief ihm die "Sun" ein noch unfeineres "Foxtrot Oskar!" hinterher, was die militärische Formel ist für FO: "Fuck off!" Schon damals ging es um Steuerflucht, der sozialdemokratische Finanzminister Lafontaine predigte gleiche Steuersätze in Europa. Das ging der Londoner City zu weit, ans Allerheiligste, ans Geld.

Nun gilt Peer Steinbrück als größte Bedrohung der Schweizer Lebensart seit … Ja, seit wann eigentlich? Der Furor in der notorisch von Minderwertigkeitskomplexen bedrückten Schoki-Republik lässt vermuten: seit Wilhelm Tell. Das Boulevardblatt "Blick" - erhitzt von der englischen Sonne - plakatierte ihn, neben einem bulligen Porträt, als den "hässlichen Deutschen" schlechthin, "einen der meistgehassten Menschen in der Schweiz". Das Matterhorn glüht. Zweimal wurde der deutsche Botschafter zur Außenministerin einbestellt. Ein Abgeordneter pappte Lafontaines Wiedergänger ein garstiges "Nazi" an die Stirn, ein anderer propagiert den Boykott deutscher Autos, und der Verteidigungsminister stieg von einem Mercedes auf einen Renault Espace (Raum) um - er dachte wohl, es hieße Escape (Flucht).

Denn wieder dreht sich alles um Steuerflucht. Steinbrück hat den Schwarzgeld-Oasen den Kampf angesagt - diesmal nicht allein, wie Oskar, sondern vereint mit den steuerlich ebenso klammen Amerikanern, Franzosen und Briten. Und das, wie es nun mal seine Art ist, mit aufreizenden Vokabeln. Die "Peitsche" müsse man den Schweizern zeigen. Dann drohte er mit einer schwarzen Liste, Sanktionen für die Wirtschaft: Das wirke wie "die 7. Kavallerie in Fort Yuma", deren pure Anwesenheit habe genügt, "die Indianer in Angst und Schrecken zu versetzen".

Historisch war das etwas unglücklich. Denn was immer auch die Reiterei in Fort Yuma vollbrachte - sicher ist, dass Steinbrücks 7. Kavallerie 1876 unter General Custer in der berühmten Schlacht am Little Bighorn von den Indianern niedergemacht wurde. Moralisch ist der Vergleich der Eidgenossen mit den Rothäuten nicht minder angreifbar: Die Indianer tun einem leid, die Schweizer ganz und gar nicht. Die hungernden Wilden kämpften mit allem Recht der Welt um ihre Existenz. Die satten Gnome vom Zürisee verteidigen ihr parasitäres Bankgeheimnis, das angemaßte Existenzrecht eines ganzes Landes als Schwarzgeld-Safe der Diktatoren und Zumwinkels dieser Welt - ständige Einladung zum Rechtsbruch daheim. Allein die Deutschen horten geschätzte 480 Milliarden Euro schwarz im Ausland, den fettesten Batzen von 175 Milliarden soll die Schweiz verbunkert haben. So ungestüm war zuweilen der Ansturm der Dunkelmänner auf die helvetischen Bankschalter, dass in den 60er und 70er Jahren ein Negativzins erhoben wurde. Ein Schweizer Patent: Die gierigen Gnome legten nichts drauf, sie zogen flugs etwas ab von den Guthaben.

Politisch also hat Steinbrück ins Schwarze getroffen. Das Land, das noch die Löcher im Käse zu Geld macht und nur dem Greenback unbeschränktes Asyl gewährt, will nun das Bankgeheimnis lockern - wie Liechtenstein, Luxemburg und Österreich. Unverhohlener als bei dieser Ankündigung ist organisierte Steuerflucht wohl noch nie eingestanden worden. Nur bei begründeten, konkreten Einzelanfragen soll ausländischen Steuerämtern Auskunft erteilt werden - eines Tages, nach vermutlich jahrelangen Verhandlungen über neue Steuerabkommen und einer Volksabstimmung. Und dann auch nur für frische Guthaben. Die alten, damit eingestandenermaßen schwarz deponierten Reichtümer will man weiter verstecken. Das ruft nach einem weiteren Ausfall der Kavallerie aus Fort Berlin.

Und nach einer befristeten Amnestie für Erschrockene, die sich dabei ergeben. Es muss ein John Wayne aufs Pferd steigen, um den wilden Schweizer Westen auf Trab zu bringen. Breitbeinig und sporenklirrend. Einer, der die Saloontüren ins Schwingen bringt. Einer, der jedem Bankenkongress die Leviten liest und die Herren lustvoll stöhnen lässt. Man wird ja gern ein wenig gepeitscht. Hand zum Colt, John Wayne Stone! Trompeter, Attacke! Und dann auch noch drauf auf die Hedgefonds in den Steuerparadiesen, drauf auf die Schandboni der Banker, drauf auf die Millionenpensionen für Manager! Wir Indianer reiten mit Ihnen! Yiiiiieeeeeeha!

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