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Zwischenruf: Manager des Sozialismus

Wer nährt die Linke? Die Zumwinkel-Affäre beweist: Es ist der real existierende Kapitalismus. Seine Exzesse, seine Gier, seine Schamlosigkeit schaffen die Ungeheuer, vor denen er sich selbst fürchtet. Und das ist auch gut so.

Während Menschen in Deutschland den Hungertod der Erniedrigung Hartz IV vorziehen, schaffen diese Menschen Millionen beiseite und würden auch Kinder lebendig begraben, wenn es die Rendite steigern tät." - "Das ist krimineller Abschaum der Gesellschaft, der auch entsprechend behandelt werden sollte." - "Wer weiß, vielleicht kommt ja wieder mal ein lustiger … ähm, Deutscher Herbst … dann kriegen diese Gesellen, was sie verdienen!" - "Welch große Hoffnung; oder es kommt ein neues 33 … und endlich wird die Todesstrafe wieder eingeführt?" - "Kinder, passt gut auf, nun erlebt ihr gelebte Geschichte. Danach wisst ihr, warum sich die RAF in den 70er Jahren gegründet hat." - "Während der Französischen Revolution sang man ‚Ah, ça ira, ça ira, ça ira, les aristocrates à la lanterne! (Ah, wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne!) … Man ersetze einfach 'aristocrates' durch 'capitalistes'."

Stimmen aus dem Volk, antikapitalistische Wutausbrüche, spontane Gewaltfantasien, aufgefangen vom Onlineportal des stern, unmittelbar nach jener Razzia, die die Republik verändern könnte, der Razzia bei Postchef Klaus Zumwinkel. 1933, zur Erinnerung, wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Im Deutschen Herbst 1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von einem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) entführt und ermordet. Protestwähler nennen Politologen, fein abstrahiert vom imaginierten Blutrausch des realen Lebens, Menschen, die so oder so ähnlich über die politische Gegenwart denken und - sofern sie überhaupt wählen - ihre Stimme rechts- oder linksaußen abgeben. Im deutschen Winter 2008, dem Winter der Empörung über kapitalistische Exzesse, stärken sie vor allem die Linke Oskar Lafontaines und Gregor Gysis.

Die Linke, eine vorübergehende Erscheinung?

Der Kapitalismus selbst schafft sich seinen Sozialismus. Die Macher der Linken, Projektionsfläche für die Leiden an der herrschenden Ausplünderungsmentalität, heißen nicht Lafontaine und Gysi, sie heißen Zumwinkel und Hartz und Pierer. Die Linke, eine vorübergehende Erscheinung? So vorübergehend wie Gier, Amoralität und Schamlosigkeit. Der "demokratische Sozialismus", ein stigmatisierter Begriff, bei Wahlen leicht zu skandalisieren? Nicht so stigmatisiert, nicht so leicht zu skandalisieren wie Rendite, Aktienoptionen und Steuerbetrug. Die Linke macht sich nicht, sie wird gemacht. Von den Managern des Kapitalismus. Sie war und sie ist nicht Subjekt der Geschichte, sie war und sie ist Objekt. Der Manchester-Kapitalismus schuf den Marxismus, die soziale Marktwirtschaft trug den Staatssozialismus zu Grabe, nun lässt der Casino-Kapitalismus den Sozialismus als Anti- Hartz-Bewegung auferstehen - zögernd, zerrissen, verstört durch seine historische Deformation. Aber er ist wieder da.

Die Skandale des realen Kapitalismus nähren ihn. Tag für Tag, zuverlässig. Die Milch des Sozialismus fließt aus den Medien. Milch - das sind die Berichte über Milliarden- Korruption bei Siemens und Mitbestimmungs-Prostitution bei Volkswagen; über die Wanderheuschrecke Nokia, die sich in Bochum satt gefressen hat und nun nach Rumänien springt; über den Banken-Versager, der mit 31 500 Euro Monatspension belohnt wird; über die politischen Amateur-Aufseher von Staatsbanken, die mit einem Fingerschnipsen 1,2 Milliarden Steuergeld in eine kippende Bank pumpen - fast zehnmal so viel wie der Kinderzuschlag für Geringverdiener und dreimal so viel wie für die Vermögensbildung der Arbeitnehmer; über den bestochenen Ex-Staatssekretär Ludwig- Holger Pfahls, der nach dem Urteil eines Verwaltungsgerichts 446 000 Euro Schmiergeld behalten darf, weil dafür schon ein Steuerbescheid ergangen ist; über Rekord-Boni für Investmentbanker - trotz Fehlspekulationen und grassierender Bankenkrise. Und, und, und. Ihren kulturellen Ausdruck findet diese aus den Fugen geratene Gesellschaft im Bohlen-Zynismus, der systematischen Demütigung Schwacher als Fernsehspektakel. Die Liechtensteiner Steuerbetrüger werden zahlen. Weit mehr aber werden Wirtschaft und Politik zahlen. Bei der nahenden Tarifrunde, wo der Aufruf zu Mäßigung nur noch als Betrugsversuch gilt. Bei der Debatte über Reformen, die bloß noch ein anderes Wort sind für die Ausplünderung von Millionen. Bei der Bahn-Privatisierung, die unmöglich wird nach Zumwinkels goldenem Schnitt bei der Post. In der Parteipolitik, wo das "bürgerliche Lager" nur noch auf 43 Prozent kommt, so wenig wie nie seit der Wahl 2005, die Linke dagegen auf 13 und das "linke Lager" auf 52.

Das ist so folgerichtig wie nützlich. Denn auf Ethos und Selbstheilung zu hoffen wäre vergebens. Der Kapitalismus ist nur durch Furcht zu zähmen - Angst vor dem Gegenentwurf, vor den Ungeheuern, die er sich selbst geschaffen hat.

Hans-Ulrich Jörges / print