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Zwischenruf: Vabanque in heikler Lage

Als in seiner Regierung die große Unordnung ausbrach, betätigte sich der Kanzler als Neuordner der Bankenwelt. Eine Operation mit interessanter Vorgeschichte. Aus stern Nr. 21/2004

"Ich werde mich auf meine Arbeit als Bundeskanzler und Regierungschef konzentrieren", sprach Gerhard Schröder am 6. Februar, als er seinen Verzicht auf den SPD-Vorsitz publik machte. "Es ist ein Prozess, der objektiv notwendig ist. Wir haben Vermittlungsschwierigkeiten." Auf den Tag genau drei Monate später drückten die Vermittlungsprobleme schwerer denn je, waren Kabinett und Koalition in schierer Auflösung - und von einem befreit auf das Regierungsgeschäft konzentrierten Kanzler weit und breit nichts zu bemerken. Kann er es einfach nicht besser? Will er nicht mehr? Was, um Himmels willen, treibt Gerhard Schröder?

Wir müssen den Schauplatz wechseln, um diese Fragen zu beantworten - um vielleicht zu erahnen, was den politisch erschöpften Regenten bewegen mag. Während er nämlich die Bolzereien seiner Minister um Schulden, Steuern und Zuwanderung matt erduldete, handelte er andernorts, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, außerordentlich energisch. So kraftvoll und entschlossen, als suche er nach einer neuen Heimat - in der Welt der Global Players. Auf dem Deutschen Sparkassentag in Frankfurt präsentierte sich Schröder als weitsichtiger Steuermann von Mega-Fusionen in der gebeutelten Geldbranche. Der Mann, dem das politische Hemd lichterloh brannte, mahnte die Deutsch-Banker, sie sollten endlich "in die Strümpfe kommen". Das Land brauche eine global agierende Mammutbank.

Eine höchst erstaunliche Vorgeschichte

Dahinter verbirgt sich viel. Zuallererst eine höchst erstaunliche Vorgeschichte. Schröder habe sich nämlich, so berichten Kundige, vor Monaten bei Josef Ackermann, dem durch den Düsseldorfer Mannesmann-Prozess gehandicapten Chef der Deutschen Bank, direkt, massiv und in jeder Weise hilfsbereit für den Verkauf des Traditionshauses an die weltweit mächtigste Bankengruppe, die amerikanische Citigroup, verwandt - und gegen eine europäische Fusion. So unverblümt, dass es Ackermann in helles Erstaunen versetzte.

Regisseur des sagenhaften Aufstiegs der Citigroup ist Sanford Weill, ein schillernder Männerfreund des Kanzlers, aus einfachen Verhältnissen wie er und seit einer gemeinsamen Flasche Wein im Kanzleramt aufs angenehmste mit ihm verbunden. Im November hielt der Kanzler in New York die Laudatio, als Freund Sandy mit dem "Global Leadership Award" ausgezeichnet wurde.

"Wenn er schon nicht auf Bushs texanische Ranch eingeladen wird, dann speist Schröder vor dem Rückflug schnell mal in der Privatwohnung des mächtigsten Bankers der Welt", schrieb seinerzeit das "Handelsblatt". Schröder sei ein guter Verkäufer seines Landes, sagte Weill in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche". Und auf die Nachfrage, ob er auch die deutschen Banken gut verkaufe, antwortete er vieldeutig ausweichend: "Wir unterhalten uns über viele Themen."

"Über Schröders Ziele kann man trefflich spekulieren"

Die Deutsche Bank, Flaggschiff teutonischer Wirtschaftsmacht, in die USA verkaufen - gegen das vage Versprechen, in Frankfurt die Europa-Zentrale der Citigroup zu errichten? "Über Schröders Ziele und deren Vermengung mit persönlichen Motiven - auch mit Blick auf die Zeit nach 2006 - kann man trefflich spekulieren", kommentierte die "Frankfurter Allgemeine" im März das Vabanquespiel. Was der Autor nur andeutete, erhellen Amerikaner und Deutsche, die versichern zu wissen, worum es ging: Weill habe für Schröder, wenn der einmal nicht mehr Kanzler sei, einen Posten in New York in Aussicht gestellt, in der Führung der Citigroup. "Ich kann mir gut vorstellen, später einmal dort mit meiner Familie zu leben. Zumindest eine Weile", hat ja auch schon die Kanzler-Gattin im stern zu Protokoll gegeben.

Ein Ex-Kanzler in der Wirtschaft, das wäre keine Premiere. Helmut Kohl übernahm den Vorsitz im Beirat der Deutschen Vermögensberatung und zog in den Aufsichtsrat der Versicherung AMB Generali ein; der Österreicher Viktor Klima wurde Präsident von VW Argentina.

Ackermann sondierte die Fusion mit Weill - doch die Steuermänner in Frankfurt mochten am Ende nicht. Und eine mächtige Formation aus der deutschen Wirtschaft verwandte sich beim Kanzler dafür, die Deutsche Bank im Lande zu halten. Der handelte prompt und bot Ackermann - zunächst zur nationalen Stärkung - die Regie über die weitverzweigte Postbank an. Exakt in jenen Tagen, als in Berlin die große Unordnung ausbrach, war Schröder um (neue) Ordnung im deutschen Bankensystem bemüht. Der Kanzler als Chefbanker der Nation - hoffentlich nur aus nationalem Interesse.

Hans-Ulrich Jörges / print