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Berlin: Deutschlands erste Favela

Ein kurzer Sommer der Anarchie in Kreuzberg: Zuwanderer und Besetzer bauen ein Hüttendorf. Der stern war mittendrin

Von Silke Müller

Die Cuvry: Auf der mit Zelten und Hütten besiedelten Brache am Kreuzberger Spreeufer wohnen verschiedenste Nationalitäten nebeneinander

Die Cuvry: Auf der mit Zelten und Hütten besiedelten Brache am Kreuzberger Spreeufer wohnen verschiedenste Nationalitäten nebeneinander



 

An einem Tag im Februar sprang Andreas Johannes Grimm nackt in die Spree. Nicht kopfüber, das wäre Wahnsinn gewesen, vielleicht liegt genau an der Stelle ein Motorrad oder sonst was im Schlamm. Mit den Füßen zuerst versenkte er seinen schmalen Körper im graubraunen Gewässer. "Über mir schloss sich eine Decke aus kleinen Partikeln. Es wurde immer dunkler, immer kälter. Es war, als würde die Erde mich runterziehen." Dreimal warf er sich in den vier Grad kalten Fluss. "Ich hatte Hitze in mir drin", sagt Grimm. "Pure Energie."

Es war eine Art Feuertaufe, nur in kalt. Ein existenzieller Moment. Sein Einstand auf der Cuvry. Auf der mit Zelten und Hütten besiedelten Brache am Kreuzberger Spreeufer hat jeder eine Story. Die Geschichten wandern über den Platz wie nachts die Ratten. Das Tag und Nacht brennende Lagerfeuer ist ein guter Ort dafür. Oder die Uferkante, die Cuvryaner nennen diesen Teil den Strand. Andreas Johannes Grimm sammelt diese Geschichten in seinem Kopf, der so voll ist, dass ständig Ideen und Aphorismen aus ihm heraussprudeln. Und in roten Notizbüchern, von denen ihm eines aus dem Nachtlager auf der Cuvry gestohlen wurde. Geschichten sind hier mehr wert als ein festes Einkommen, eine Steuernummer, ein teures Handy oder gute Kleidung.

Wahnsinn? Nein. Berlin.

Geschichten sind Statussymbole. Und seit der immer noch arg bürgerliche "Tagesspiegel" dieses F-Wort in die Überschrift packte, haben sie hier auf dem Platz alle eine gemeinsame Geschichte: Sie sind die Bewohner von Deutschlands "erster Favela". Eine Favela, mitten in Deutschland? Steht es wirklich so schlimm um unseren Sozialstaat, dass Innenstädte sich in Elendsviertel verwandeln? Vielleicht schlug dieses Wort so ein, weil in den Wochen vor der Fußballweltmeisterschaft Horrorbilder von brennenden Barrikaden in innerstädtischen Slums und Jagdszenen der Polizei von Rio de Janeiro im Fernsehen zu sehen waren. Der Begriff ist so falsch nicht. Die Cuvry ist eine illegale Ansiedlung primitiver Behausungen ohne Anschluss an öffentliche Ver- und Entsorgung. Ein rechtsfreier Raum, auf den die Polizei sich nur mit gezücktem Pfefferspray und in Viererformation traut - mitten in der deutschen Hauptstadt. Der große Unterschied zu Brasilien jedoch ist: Alle wissen, dass es irgendwann vorbei ist. Die Polizei, der Grundstückseigentümer, die schätzungsweise 200 Bewohner, das Viertel. Und bis dahin versuchen sie, die Aufregung so gering wie möglich zu halten. Wahnsinn? Nein. Berlin.

Um Restgrundstücke mit hohem Freizeitwert wird in der Hauptstadt traditionell mit Leidenschaft gestritten. Kürzlich haben knapp 65 Prozent der Wähler in einem Volksentscheid das Tempelhofer Feld als Spielplatz für moderne Großstädter gegen die Baupläne des Senats verteidigt. Die Cuvryaner dagegen sind äußerst effektive Immobilienentwickler. Zwar gehört ihnen weder das Land, das sie bebauen, noch folgt ihr Tun irgendeinem durch die demokratischen Instanzen legitimierten Plan. Doch sie verwirklichen, was Kreuzberger Aktivisten vor sechs Jahren per Bürgerentscheid forderten: freien Zugang zur Spree. Für alle. 139 Schritte lang und 66 Schritte breit. Größer als ein Fußballfeld. Grimm hat das Grundstück vermessen. Die Hauptachse führt von der Schlesischen Straße ans Spreeufer und verbindet Nordeuropa (im Süden) mit Südamerika (im Norden). Die Querachse erschließt das Gelände von der Cuvrystraße aus. Hier beginnt der Balkan. Und der expandiert. Richtung Platzmitte, natürlich, denn von außen zusammengehalten wird diese auf ein Minimum reduzierte Weltessenz von einem Bauzaun, dessen Standfestigkeit eine dezimeterdicke Schicht aus Plakaten und Kleister garantiert.

Schon der Haupteingang an der Schlesischen Straße weckt Erwartungen: "Fotografieren verboten", gebietet ein Schild, das Touristen stärker anlockt als die Aussicht auf Freibier. Bei schönem Wetter fühlt es sich an wie in der Freistadt Christiania, dem legendären dänischen Aussteigeridyll in Kopenhagen. Die Schwaden der Kiffer ziehen über den Platz, Bierflaschen kreisen, man chillt. Dass die Besucher glotzen wie im Zoo - geschenkt. Öffentlichkeit ist wichtig. Je mehr Aufmerksamkeit das Camp bekommt, desto schwieriger wird es, die Hütten einfach in die Spree zu schieben.

Berlin: Die Favela-Bewohner
"Ich hatte Hitze in mir drin", sagt Andreas Johannes Grimm. Und so sprang er im Februar in die vier Grad kalte Spree.

"Ich hatte Hitze in mir drin", sagt Andreas Johannes Grimm. Und so sprang er im Februar in die vier Grad kalte Spree.

 

Die meisten Besucher nehmen den direkten Weg ans Wasser und landen an Emilios Bar. Der Südamerikaner wohnte seit dem Sommer 2012, als sich die ersten Besetzer hier ansiedelten, in seinem großflächigen Reich am Uferstreifen. Mimi, seine Freundin, legte Kräutergärten an, er verkaufte Bier. Seinen territorialen Anspruch und das Fotografierverbot setzte er aggressiv durch. Kein anderer auf dem Platz hatte diese Kombination aus Siedlungsbau und Saloon so konsequent aufgezogen wie er. Wildwest in Kreuzberg. Dann stand er eines Tages im Mai auf - und verschwand.

Mama zankt und flirtet mit allen Welten auf der Cuvry

So ist das hier. Niemand rechtfertigt sich für irgendetwas. Bleib oder geh. Nur eines stellte Emilio vor seinem Abgang klar: Die Bar bekommt Cassy, die sich seitdem "Obergeneralbefehlshaber Bar" nennt. Cassy, zu der alle hier Mama sagen, floh mit 13 aus einem Jugendheim nahe Halle. Als sie ohne Geld in der Tasche am Leipziger Hauptbahnhof ankam, stand ein ICE nach Berlin zur Abfahrt bereit. Cassy stieg ein. Das war 2003. Heute verbringt sie die Tage und manche Nacht auf der Brache und betreibt ihre Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau. "Die Leute hier nehmen mich auch mal in den Arm und sagen: Du kannst hier pennen." Über die Cuvry trippelt sie auf Stilettos. Rasanter Hüftschwung in hautengem Kunstleder, Kleopatra- Lidstrich, eine Handtasche kampfbereit schwenkend. Mama zankt und flirtet mit allen Welten auf der Cuvry. "Hier steckt so viel Freude, Leid, Angst, Glück und Hoffnung in den Hütten. Die Cuvry ist eine andere Welt, hier wird geteilt. Wir sind keine Assis, wir leben so, weil wir nicht anders können."

Es scheint, als fänden hier viele zu ihrer Bestimmung: Mama als verruchte Bar-Lady ist selbst im schrillen Kreuzberg eine Attraktion. Konkurrenz für ihr Geschäft lauert im Nordwesten: Dort bauen Cöllner, sein Bruder und deren Clique eine Bar mit Feuerstelle auf. Zwischen ihnen zittert eine trächtige Hündin kurz vor der Niederkunft. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet das Tier die Geschäftigkeit um sich herum. Cöllner hat gekocht, einen Eintopf. Daraus löffeln nun alle und spülen mit reichlich Sternburg-Bier nach. Über der Idylle weht die Punk-Flagge - Cöllner: "Schwarz-Rot-Senf minus Senf." Hier treffen Menschen, die etwas suchen, auf andere, die einfach nur vergessen wollen. Viele haben mit ihrem alten Leben abgeschlossen und nichts zu verlieren. Sie geben sich neue Namen und leben in den Tag hinein. Die 17-jährige Jay Jay etwa, die aus ihrer Pflegefamilie abgehauen ist: "Da ging’s mir besser, aber hier kann ich mein Leben so genießen, wie ich will." Einige Tage später sitzt sie auf einem zerrupften Sofa am Spreeufer, der Blick leer, die Antwort wirr.

Oder Philipp, 20, aus Mecklenburg, der auch so ein cooles Leben führen wollte wie die Typen in der Daily Soap "Berlin – Tag & Nacht" auf RTL 2. Er fuhr hierher, zu den Graffitiwänden, die er aus der Sendung kannte. Dann entdeckte er das Camp - und blieb. "Das hier ist ein kompletter Neuanfang für mich. Dieser Platz ist hart umkämpft. Es gibt Stress mit der Polizei. Und wenn Leute nerven, prügeln wir die vom Platz. Freiwillig geht von uns keiner." Entlang der Mittelachse quert der Boulevard der Rumänen, Bulgaren und Polen das Gelände. Auch sie sind auf der Suche nach einem anderen, einem besseren Leben. Sandu ist hier der Boss. Ein stattlicher Herr mit Pelzmütze, wettergegerbtem Gesicht, festem Händedruck und durchdringendem Blick. Unter seinen Augen bauen die Männer der rund 100-köpfigen Gemeinschaft die professionellsten Hütten auf der Cuvry. Asen und Medine öffnen ihr Heim. Der Blick fällt auf ein penibel gemachtes Bett, einen gefegten Teppich, ein Regal für Schuhe und Kleidung, Spitzengardinen, einen Campingkocher, Wasserkanister, ein paar Vorräte. Wenn Medine lächelt, blitzt ein einziger Zahn aus der Mundhöhle. Ihre Kinder hat sie in Rumänien zurückgelassen. Beide zählen auf, was sie am dringendsten benötigen: Essen, Kleidung, Wasser, eine Toilette.

Im am dichtesten besiedelten Teil der Cuvry, dort, wo vor allem die Deutschen wohnen, gibt es ein Klo. Irgendein Spaßvogel hat eine Brille in einen gelben Kunstledersessel eingelassen. Und dann, voller Ernst, den Thron bestiegen. Die Scheiße quillt jetzt unter dem Sessel hervor. All das, was die westlichen Aussteiger so gern hinter sich lassen wollen, sehnen die östlichen Neueinsteiger herbei: die ordentliche deutsche Welt mit Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer, Bad. Es gibt eben auf der Cuvry sehr unterschiedliche, um nicht zu sagen unvereinbare Vorstellungen davon, was denn das gute Leben ausmache. Und genau deswegen sind all diese Menschen hier: weil sie es noch nirgendwo anders gefunden haben. Die vielen Widersprüche produzieren Spannung - nach innen, aber auch nach außen. In den vergangenen zwölf Monaten wurde mehr als 80 Mal die Polizei gerufen. Ständig kokelt irgendwo Plastikmüll. An der Cuvry-Ecke Schlesische Straße türmt sich der Abfall. Es riecht nach Urin, Essensreste vergammeln. Im Mai 2013 starb ein Cuvryaner. Einen Monat später zündete ein Besetzer das Zelt eines anderen an, während dieser darin schlief. Das Opfer konnte sich retten, der Angreifer wurde wegen eines versuchten Tötungsdelikts verurteilt.

Im Bezirk hatte es mächtig Zoff geben

Die Cuvry ist keine Kommune mit selbst auferlegten Regeln. Alle sind auf der Hut - vor Fremden, vor Feinden, vor den Nachbarn. Neuerdings tauchen Schlösser an den Eingängen der Hütten auf. Nur wenige der einst aus politischen Motiven angetretenen Besetzer verfolgen noch eine klare Utopie. Und jeder eine andere. Clemens, der sich hier nur Cle-Mensch nennt, erfindet immer wieder neue Recyclingprojekte. Der Australier Jamin ärgert sich über die planlosen Abhänger, die nichts mit sich und der einmaligen Chance auf der Brache anzufangen wissen. "Alle rauchen nur Pot und schmeißen ihr Zeug hierhin, das ist ekelhaft." Wer hierherkommt, solle sagen: "Berlin ist fantastisch" - und nicht einfach nur "cool". "Wir könnten eine Farm mit Hühnern haben, Festivals veranstalten, Musiker einladen, Kunstprojekte machen." Daran arbeiten unterdessen andere. Lutz Henke zum Beispiel. Der Kulturwissenschaftler hat das Potenzial der Freifläche mit der perfekten Lage zwischen einst wildem Osten und der Clubszene Kreuzbergs als einer der Ersten erkannt. 2007 organisierte er eine Ausstellung und lud die Streetart-Stars BLU und JR ein. Die "New York Times" schwärmte von der Graffitiszene Berlins, die Figuren an den Cuvry-Wänden wurden zu den Posterboys des autonomen, hippen Kreuzbergs, das Berlin vermarktet wie München das Hofbräuhaus.


Diesen Sommer plant Henke ein neues Kunstprojekt auf der Cuvry, eine Art Guerillaaktion. Die Brache ist heiß, das weiß nicht nur er, das wissen auch die vielen Modetypen, die hierherkommen, um ihre hübschen Models vor Slumkulissen zu fotografieren, oder die Hip-Hopper, die krasse Bilder für ihre Videodrehs suchen. Künstler waren es auch, die 2012 die erste stabile Hütte auf dem Gelände bauten. Eine begehbare soziale Skulptur, die auf dem ideologisch umkämpften Platz ein Zeichen setzen sollte. Denn im Bezirk hatte es mächtig Zoff geben. Der Automobilbauer BMW und das expansionsfreudige New Yorker Guggenheim Museum wollten auf der Cuvry einen Pavillon errichten, in dem mehrere Wochen über die Zukunft modernen Großstadtlebens diskutiert werden sollte. Ausgerechnet hier, in Kreuzberg, wo Stadtentwicklungsdebatten seit der Kahlschlagsanierung unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt zum Breitensport avanciert sind, sollte die Diskussion von Erzkapitalisten übernommen werden? Die wüsten Proteste der Kreuzberger Anti-Yuppie- Fraktion eskalierten, das Lab zog an den durchgentrifizierten Prenzlauer Berg. Aber die Cuvry- Brache war in den Fokus gerückt.

Und so entsteht nun die paradoxe Situation, dass der Wert des Grundstücks mit jedem weiteren Besetzer sinkt, während auf der Cuvry die Preise steigen. Es gibt Gerangel um Platz und Einfluss. Touristen strömen aufs Gelände. Und die Stadt verfängt sich in einem Konflikt zwischen der Notwendigkeit, den Wohnungsbau anzukurbeln, und der Angst vor einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Besetzern und Unterstützern. Denn eines ist klar: Wenn die Polizei zur Räumung anrückt - und das wird derzeit durch ihre Rechtsabteilung geprüft - geht Kreuzberg auf die Barrikaden. Bei aller Nerverei um Müll, Gestank und Lärm, und das ist die andere, die erstaunliche Wahrheit der Cuvry, ist die Akzeptanz im Viertel groß: Ein Kiosk verkauft Bier zu Sonderpreisen an die Besetzer, ein türkischer Gemüsehändler stellt abends Restware vor die Tür, die Bauarbeiter an der Schlesischen Straße helfen mit Material aus. Der Supermarkt Kaiser’s wechselt Berge von Leergut in Münzen um, die Bürgerhilfe bietet Dusche und WC. Und in der Katholischen Kirchengemeinde St. Marien Liebfrauen gibt es dieses merkwürdige Menü, für das sich die Cuvryaner artig bei den Ordensschwestern anstellen: Salat obendrauf auf die Suppe, keiner darf neben seinem Freund sitzen, zum Abschluss einen Tee, der unsagbar müde macht.

Es spricht derzeit eine Menge dafür, dass die Cuvry noch diesen Sommer lang existieren darf. Falls sich Senat und Investor, die Münchner Nieto GmbH, überhaupt auf einen neuen Bebauungsplan einigen können. Bislang gibt es eine Baugenehmigung für Gewerbe, doch der Investor ist bereit, auf Wohnungsbau, Kita und Einzelhandel umzuschwenken. Scheitern die Gespräche, stehen Stadt und Investor vor einem neuen Problem: Wer will schon etwa 10.000 Quadratmeter Ärger kaufen? Bis es so weit ist, verbringen Andreas, Cle-Mensch, Jamin, Mama und ihre Freunde auf der Brache den Sommer ihres Lebens.