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85 Jahre Hitler-Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht

Adolf Hitler wollte schon vor seiner Machtergreifung 1933 die Demokratie der Weimarer Republik abschaffen. Mit dem Marsch auf die Feldherrenhalle in München versuchte er schon am 9. November 1923, eine Diktatur zu errichten. Der Versuch endete zwar im Desaster, war für Hitler aber dennoch von großem Nutzen.

Von Thomas Krause

Wer an jenem 9. November 1923 in der Münchener Residenzstraße den ersten Schuss abgegeben hat, lässt sich auch 85 Jahre später noch nicht sagen. Sicher ist nur, dass ein Polizist um 12.45 Uhr getroffen zusammenbricht. Wenig später sinkt ein zweiter Polizist tot zu Boden, diesmal eindeutig erschossen von einem der Putschisten. Nun warten die Polizisten kein Kommando mehr ab, sie eröffnen das Feuer auf diejenigen, die ihnen in der sich verengenden Straße entgegenkommen und die zum Ziel haben, der Demokratie in Deutschland ein Ende zu bereiten.

An der Spitze des Demonstrationszuges marschieren die Initiatoren des Putsches. Als erster stürzt Max Erwin von Scheubner-Richter tödlich getroffen zu Boden und reißt den Mann mit sich, der den Putsch initiiert hatte und mit ihm eingehakt marschiert war: Adolf Hitler. Bei dem Sturz kugelt Hitler sich den Arm aus, doch er entgeht den nächsten Salven der Polizei. Der Historiker und Hitler-Biograph Ian Kershaw mutmaßt deswegen, dass "die Weltgeschichte anders verlaufen" wäre, hätte die Kugel, die Scheubner-Richter tötete, 30 Zentimeter weiter rechts getroffen. Panik treibt die Putschisten auseinander, sie suchen Schutz in Hauseingängen, hinter den Körpern der Verwundeten oder laufen schlicht weg.

Wettlauf um die Diktatur

Lange hatte Hitler gezögert, ob er einen Putsch in Bayern wagen sollte. München war schon in den ersten Jahren der Weimarer Republik zu einem Hort für alle Verächter der Demokratie geworden und somit ein idealer Ort, um einen Umsturz zu initiieren. Denn nach politischen Kämpfen zwischen den Vertretern der Münchner Räterepublik und antimarxistischen Truppen hatten sich die Rechtsextremen durchgesetzt. Ab September 1923 wurde Bayern von einem Triumvirat ohne Kontrolle durch das Parlament regiert. Gustav Ritter von Kahr war "Generalstaatskommissar", eine Art Diktator, Hans Ritter von Seißer war Chef der Bayerischen Landespolizei und General Otto von Lossow kommandierte die 7. Division der Reichswehr. Gemeinsam sorgten die drei Monarchisten dafür, dass die Berliner Regierung unter Reichspräsident Friedrich Ebert kaum Einfluss auf den Freistaat hatte und die Reichsverfassung in Bayern nichts galt.

Anfang November 1923 tragen Kahr und Hitler sich zeitgleich mit dem Gedanken eines Putsches. Kahr geht es dabei eher darum, die bayerischen Sonderrechte gegenüber der Berliner Regierung zu stärken, Hitler will dagegen von Bayern aus versuchen, die Demokratie zu beenden. Die Tage vergehen in einer Atmosphäre misstrauischer Rivalität. Hitler plant, die paramilitärischen Truppen der NSDAP am Abend des 10. November zu einem Nachtmanöver im Norden Münchens zusammenzuziehen und am Morgen des 11. November als Aufmarsch getarnt die Bewaffneten in München einmarschieren zu lassen.

Doch während die Parteispitze der NSDAP noch über die Pläne berät, erfährt sie, dass Kahr am 8. November im Münchner "Bürgerbräukeller" eine programmatische Rede halten will. Zu der Veranstaltung sind neben dem gesamten Kabinett auch Seißer und Lossow eingeladen. Aus Angst, dass Kahr ihm zuvorkommen könnte, wirft Hitler alle bisherigen Pläne über den Haufen. "Der Moment zum Handeln ist gekommen!" ruft er den NSDAP-Funktionären zu.

"Die nationale Revolution ist ausgebrochen!"

Kurz nach Beginn der Versammlung im "Bürgerbräukeller" betritt Hitler den Saal. Die SA und der Stoßtrupp Hitler haben das Gebäude umstellt und abgeriegelt. Hitler trägt einen schwarzen Gehrock, das Eiserne Kreuz hängt um seinen Hals. Er erhebt ein Bierglas, während neben ihm ein schweres Maschinengewehr in Stellung gebracht wird. Er zerschmettert das Glas und mit einer Pistole in der Hand stürmt er - gefolgt von einem Stoßtrupp - den Saal. Um sich in der allgemeinen Verwirrung Gehör zu verschaffen, feuert er in die Saaldecke und ruft dann: "Die nationale Revolution ist ausgebrochen!" Und vom Podium aus erklärt er den Versammelten: "Die bayerische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt, eine provisorische Reichsregierung wird gebildet, die Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt, Reichswehr und Landespolizei rücken bereits unter Hakenkreuzfahnen heran."

Dann nötigt er Kahr, Lossow und Seißer in einen Nebenraum, wo er sie mit vorgehaltener Waffe überzeugt, in einer gestellten Verbrüderungsszene auf dem Podium ihre Zustimmung zum Putsch zu demonstrieren. Mit einer flammenden Rede bringt Hitler das Saalpublikum auf seine Seite, und bevor er den Saal um 22.30 Uhr verlässt, werden der bayerische Ministerpräsident Eugen von Knilling, die anwesenden Minister sowie der Polizeipräsident verhaftet. Lossow, Kahr und Seißer sowie der inzwischen eingetroffene Ludendorff verschwinden in die Nacht.

Die Offiziere, die Lossow nach seiner Rückkehr aus dem Bürgerbräukeller in Empfang nehmen, äußern ganz unverhohlen ihre Entrüstung und so gibt Lossow die Pläne zur Unterstützung des Putsches - sollte er überhaupt welche gehabt haben - auf. Und auch Kahr gibt eine Erklärung ab, mit der er seine Zusagen zugunsten des Umsturzes widerruft. Von all dem ahnt Hitler, der schon seine Truppen mobilisiert - nichts. Erst, als gegen Mitternacht Nachrichten von Kahr und Lossow ausbleiben, scheint Hitler zu dämmern, dass er auf die beiden nicht zählen kann. Dennoch entschließt er sich, den Putschversuch zu unternehmen - und setzt dabei auf die Unterstützung der Öffentlichkeit.

Beifall von den Münchenern

Er setzt für den Abend des 9. November gleich 14 Massendemonstrationen an mit sich selbst als Hauptredner. Wie kritisch die Situation ist, weiß Hitler durchaus: "Geht's durch, ist's gut; geht's nicht durch, hängen wir uns auf." Doch im kalten Morgen des 9. November scheint die Münchener Bevölkerung Hitler zu unterstützen. An vielen Häusern wehen Hakenkreuzfahnen, die Menschen spenden den Rednern der NSDAP lebhaften Beifall. Gegen Mittag formiert sich eine Menschenmenge hinter den Fahnenträgern der Partei. Hitler, Ludendorff und andere Funktionäre der NSDAP schreiten untergehakt in der ersten Reihe der Demonstration voran, hinter ihnen die Kämpfer von SA und Stoßtrupp.

Auf der Isarbrücke trifft der Demonstrationszug auf die erste starke Postenkette der Landespolizei. Herman Göring schüchtert die Polizei mit der Drohung ein, dass die Geiseln umgebracht werden, sobald auch nur ein Schuss fällt. Als der Zug sich der Residenzstraße nähert, stimmen die NSDAP-Funktionäre das Lied "O Deutschland hoch in Ehren" an, als die Menschenmenge sich der nächsten Polizeikette gegenübersieht.

Ein mildes Urteil

Den Hochverratsprozess, der drei Monate nach dem gescheiterten Putschversuch eröffnet wird, nutzt Hitler für seine Zwecke. Während die Mitangeklagten wie Ludendorf und der SA-Führer Ernst Röhm versuchen, die Verantwortung von sich zu weisen, stilisiert Hitler sich selbst. "Ich fühle mich nicht als Hochverräter, sondern als Deutscher, der das Beste wollte für sein Volk", sagt er im Gerichtssaal und findet immer mehr Zustimmung - nicht nur im Publikum. In der Kabinettssitzung vom 4. März 1924 merkt einer der bayerischen Minister an, das Gericht habe "noch nie merken lassen, dass es anderer Ansicht sei als die Angeklagten".

Wie ernsthaft die Umsturzpläne tatsächlich gewesen sind, zeigt auch, dass der tödlich getroffene Putschist Theodor von der Pfordten den vollständig ausformulierten Text einer neuen Verfassung in der Tasche hatte: Parlament und Demokratie sollten unter Androhung der Todesstrafe abgeschafft und eine Diktatur sollte eingeführt werden. Doch bei der Urteilsfindung fällt diese Tatsache nicht ins Gewicht. Hitler wird zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft in Landsberg am Lech verurteilt.

Nur 13 Monate nach dem Putschversuch ist Hitler wieder frei. Als er Landsberg verlässt, hat er das Manuskript für den ersten Teil von "Mein Kampf" geschrieben. Gewidmet hat er es den NSDAP-Kämpfern, die in der Residenzstraße ums Leben gekommen waren.