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Die 68er: Vietnam ist überall

Für die rebellierende Jugend in den Industriestaaten ist der Krieg der USA in Indochina nur scheinbar weit weg. Jeden Tag sehen sie Bilder von Tod und Grauen. Ihre Antwort: Widerstand. Notfalls mit Gewalt. Die Kämpfe in der Dritten Welt befeuern die Revolte in der Ersten.

Am 1. Februar 1968 erhält das Böse ein neues Gesicht. Es ist das von Nguyen Ngoc Loan, dem Polizeichef von Südvietnam. Er steht an diesem Tag auf einer Straße in Saigon neben einem kleinen, schmächtigen Kerl. Dessen Augen sind angsterfüllt, die Arme auf dem Rücken zusammengebunden. Er soll ein Kämpfer des kommunistischen Vietcong sein, und er hat noch zwanzig Sekunden zu leben. Als Loan seine Waffe auf die Schläfe des Gefesselten richtet, reißt auch der AP-Fotograf Eddie Adams die Kamera hoch. Beide drücken im selben Moment ab. "Als der Vietcong zu Boden fiel, spritzte das Blut über einen Meter hoch", erinnert sich Adams.

Sein Hinrichtungsbild wird zu einer millionenfach gedruckten Anklage gegen die USA: Sie führen Krieg in Vietnam, mit Flächenbombardements und Napalm, mit der ganzen technischen Überlegenheit des größten kapitalistischen Landes der Welt. Ihre Schergen töten auf offener Straße. Nichts mobilisiert die Studenten in den westlichen Staaten mehr als dieser schmutzige Krieg am anderen Ende der Welt - er schürt den Hass und die Wut, begünstigt schließlich das Abdriften selbst ernannter Revolutionäre in die Gewalt. 1968 und Vietnam lassen sich nicht voneinander trennen. Das eine gehört zum anderen.

"Ich habe geweint, als ich das Bild gesehen habe", sagt Bahman Nirumand. Im Februar 1968, als das Foto aus Saigon um die Welt geht, ist der Exiliraner einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung in West-Berlin, enger Freund Rudi Dutschkes und beseelt von der Revolution. "Alle gehörten zusammen", sagt er. "Wir in Berlin, die Vietnamesen, die Schwarzen in den USA, die Befreiungsbewegungen in Südamerika." Ob die Bomben in Vietnam fallen oder in Berlin, denkt er damals, macht keinen Unterschied.

Aus Indochina kommen Heldengeschichten

Es ist ein weltweiter Kampf. Und die Guten scheinen ihn in diesen Wochen Anfang 1968 zu gewinnen: Am vietnamesischen Neujahrsfest Tet, dem Tag vor Loans Mord, greifen 80.000 Kämpfer die USA und ihre Verbündeten an. Sie attackieren 36 der 44 Provinzhauptstädte. Sie sind mitten in Saigon, der Hochburg der Amerikaner und ihrer südvietnamesischen Marionetten. Aus Indochina kommen immer neue Heldengeschichten. Etwa von jenen 19 Mann, die sich um kurz vor drei in der Früh an die Mauer der US-Botschaft schleichen und dort die Wachleute mit einer gewaltigen Explosion davonjagen. Kämpfe toben auch am Flugplatz und rund um das Hauptquartier des US-Oberbefehlshabers William Westmoreland.

Der Krieg kommt die Kriegsherren besuchen, die Zahl der amerikanischen Toten steigt. Helden sind auch sie - zumindest damals noch und für die Mehrheit der US-Bevölkerung, die zu ihren Gefallenen steht, auch wenn die Zweifel an der Weisheit der Politiker wachsen, die sie losgeschickt haben. Täglich kommen Briefe wie dieser in amerikanischen Vorstädten an: "Es war mir eine Ehre, Lesley gekannt und mit ihm gedient zu haben", schreibt Hauptmann Dennis L. Pardee am 8. Februar, eine Woche nach dem tödlichen Schuss des Polizeigenerals auf der Saigoner Straße, an die Familie von Lesley Ayers in den USA. Der Soldat wurde 23 Jahre alt. Er starb bei Khe Sanh, als er Vietnamesen tötete, um so angeblich die Freiheit zu verteidigen.

Zehntausende Leichen werden über die Jahre aus Vietnam in die USA gebracht; und noch mehr Bilder. In den Wochen der Tet-Offensive, die militärisch für den Vietcong ein Desaster ist und propagandistisch ein Triumph, bröckelt die Unterstützung für den Krieg immer schneller. Lyndon B. Johnson, der Präsident, richtet im März 1968 eine dramatische Ansprache an die Amerikaner - er spricht von Leid, Gefahr und Hoffnung. Ganz am Ende auch von sich selbst: "Ich werde mich um die Nominierung meiner Partei für eine weitere Amtszeit als Präsident weder bemühen, noch sie akzeptieren."

Da ist schon seit Wochen spürbar, dass die Gegner des Krieges nicht nur in Vietnam in der Offensive sind. Von West-Berlin aus wollen die rebellierenden Studenten das Signal geben, dass ihr Kampf sich endgültig vom Streit ums Mensaessen und die Preise für die Straßenbahn verabschiedet hat: Für den 17. und 18. Februar haben sich Delegationen aus ganz Europa zum großen Vietnam-Kongress angekündigt.

"Es siege die sozialistische Revolution Vietnams"

Als die Tagung im Audimax der Technischen Universität beginnt, ruft der italienische Linksverleger Giangiacomo Feltrinelli: "Es siege die sozialistische Revolution Vietnams, es siege der Kampf für den Sozialismus in Europa." Der millionenschwere Unternehmer sieht zerlumpt und abgerissen aus, als wäre auch er gebeutelt von der Internationale des Kapitals. Während die anderen reden, hockt er auf dem Boden, weil die Stuhlreihen voll sind. Neben ihm kauert Nirumand, der arme Exilant, der die Völlerei der Wirtschaftswunderjahre verachtet und den Imperialismus niederringen will. Nirumand geht ans Mikro, seine Rede wird über Lautsprecher auf die Gänge übertragen, wo Postkarten mit Stadtansichten von Berlin und dem Aufdruck "Saigon" verkauft werden. "Es war eine ungeheure Spannung da", sagt Nirumand fast 40 Jahre später. "Ich hatte das Gefühl, das, was ich jetzt vortrage, erreicht Millionen und ist Teil der Weltrevolution."

"Ho-Ho-Ho-Chi-Minh." Die 3000 im Saal brüllen den Namen des vietnamesischen Oberkommunisten. Kaum mehr als einen Satz kann Nirumand sprechen, ohne von Jubel unterbrochen zu werden. Er wettert gegen die alte, immer noch herrschende Garde der Bundesrepublik: "Verwaltungsobristen, Nachrichtenschieber, Hakenkreuzrichter, Fachidioten und klerikale Ledernacken." Vor allem aber geht er auf Axel Springer los, den Herrn von "Bild", den er mit dem US-Kommandeur in Vietnam vergleicht: "Der Westmoreland der Bundesrepublik ist der Bewusstseins- Generalmajor Axel Springer." In Vietnam lasse Westmoreland die Freiheitskämpfer in ihren Verstecken mit Gas vergiften. "Und wo immer in der Bundesrepublik Freiheit und Demokratie Unterschlupf finden möchten, Springer räuchert sie aus mit dem giftigen Schleim, den er stündlich aus Millionen Drüsen verspritzt. Darum ist überall Vietnam. Darum gilt es in allen kapitalistischen Ländern, den Kampf gegen den Imperialismus gemeinsam zu entfalten."

Die Menge tobt. Es lebe die Revolution. West- Berlin ist Kampfgebiet. Auch wenn es heute absurd klingt, sehen sich die Besucher des Kongresses inmitten einer tödlichen Auseinandersetzung. Die "Lynchstimmung in dieser Stadt" prangern die ausländischen Delegationen in einem offenen Brief an die alliierten Stadtkommandanten an. Sie fürchteten um Leben und Gesundheit: "Die systematische Aufhetzung der Bevölkerung" sei nur noch mit "der faschistischen Mobilisierung von Seiten der nationalsozialistischen Propaganda und deren Pogromhetze gegen Minderheiten" zu vergleichen.

Lynchstimmung vor Dutschkes Tod

Auf dem Podium sitzt mit wirrem Haar Rudi Dutschke. In der Nacht nach dem ersten Kongresstag wird das Auto, in dem er mit Freunden unterwegs ist, um zwei Uhr früh auf dem Kurfürstendamm von zehn Taxis eingekreist. Der Genosse am Steuer haut den Rückwärtsgang rein und gibt Gas. Hunderte Meter rast er nach hinten, weg vom Taxifahrer-Mob. Ein Student, der gerade mit einem anderen Taxi unterwegs ist, hört den Funk der Fahrer: "Wir haben Dutschke jetzt verloren." Es sind nur noch einige Wochen, bis der Studentenführer von einem aufgehetzten Anstreicher niedergeschossen wird. "Lynchstimmung" eben. Der hochverehrte Dutschke hat da längst beschlossen, dass Proteste allein nicht ausreichen. Widerstand will er leisten - auch mit direkten Angriffen gegen die Feinde der Revolution. Der Kongress in der TU soll das Fanal für die Eskalation sein. "Jeder im Saal hatte das Gefühl, an einem entscheidenden Punkt direkt beteiligt zu sein", sagt Nirumand.

An einer Tür des Audimax steht in diesem entscheidenden Moment Christine Labonté, eine schöne Studentin mit schwarzen Haaren. Sie soll dafür sorgen, dass die hereindrängenden Menschen draußen bleiben. Die Revolution hat wegen Überfüllung geschlossen. Jahre hatten die linken Studenten von den Massen geredet, die sich doch - bitte schön - endlich erheben sollten. Nun scheint der Tag nah. Endlich.

Begonnen hatte alles mehr als drei Jahre zuvor, im Dezember 1964. 800 Menschen sind damals gekommen, um den Potentaten Moise Tschombé aus dem Kongo in West-Berlin zu empfangen. "Tschombé raus", brüllen sie. Niemand soll so tun, als ob der Gast ein Staatsmann wie jeder andere wäre. Er hat Patrice Lumumba - ihren afrikanischen Freiheitshelden - auf dem Gewissen. "Mörder, Mörder", rufen die Demonstranten. Plötzlich fliegen Tomaten. Christine Labonté hakt sich unter mit den Genossen; auch sie ruft: "Mörder, Mörder." Ein Polizist geht auf die Soziologiestudentin los.

Ein paar Tomaten fliegen

"Ich habe meine Pumps ausgezogen und ihn damit traktiert", sagt sie. Mit Pumps zur Straßenschlacht? "Es war meine erste echte Demonstration, und da wollte ich ordentlich angezogen sein." Im Jahr zuvor war Labonté eher durch Zufall zur Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an der Freien Universität gewählt worden. Sie will etwas verändern. Aber wie? Vielleicht, denkt sie sich an diesem kalten Dezembertag, kann es so gehen: Ein paar Tomaten fliegen, und die Welt schaut zu.

Den "Beginn unserer Kulturrevolution" wird Rudi Dutschke später Tschombés Besuch nennen. Es ist ein Anfang mit Hindernissen. Denn die Berliner - jedenfalls die meisten - haben keine Lust, von ein paar Studenten befreit zu werden. Daher müssen sich die Revolutionäre ihre Kampfgenossen anderswo suchen: da, wo die Unterdrückung offenkundig, die Menschen verzweifelt und die USA und ihre Kapitalistenfreunde in der Defensive sind. Dutschke, kurz vor dem Mauerbau aus der DDR gekommen, ist im richtigen Moment zur Stelle.

Denn tatsächlich gerät die Welt Anfang der 60er Jahre aus dem Tritt. Wie bei einem Teenager, der zu schnell gewachsen ist, scheinen die Proportionen nicht mehr zu stimmen, die alten Gewissheiten plötzlich überholt. Überall in der Dritten Welt bilden sich Befreiungsbewegungen - vielfach angespornt durch den Erfolg der Revolution in Kuba, wo Fidel Castro und Che Guevara das verhasste Batista-Regime zum Teufel gejagt haben. In den USA setzt die Bürgerrechtsbewegung durch, dass - zumindest offiziell - niemand wegen seiner Hautfarbe in öffentlichen Einrichtungen benachteiligt werden darf. Martin Luther King, ihr charismatischer Anführer, schlägt im August 1963 vor mehr als 200.000 Menschen in Washington einen Ton an, der einen gewaltigen Widerhall erzeugt: "I have a dream", predigt er. "Ich habe einen Traum." Die Söhne von Sklaven und Sklavenhaltern sollen sich in den roten Hügeln Georgias in Brüderlichkeit vereinen. Die Amerikaner sich erheben und ihr altes Glaubensbekenntnis ausleben: "Alle Menschen sind gleich geschaffen."

Die Hoffnung ist grenzenlos. Und auch die Gefahr. In der Kubakrise 1962 ist der Dritte Weltkrieg so nah wie nie zuvor oder danach.

Die Schlacht zwischen Revolution und Kapitalismus

Die Apokalypse bleibt aus, aber es wird hunderttausendfach gestorben im Kalten Krieg. Vietnam ist viele Flugstunden von den Metropolen des Westens entfernt; das Klima tropisch, die Vegetation üppig, die meisten Menschen arme Bauern. Ausgerechnet hier soll die Schlacht geschlagen werden zwischen der Revolution und dem Kapitalismus.

Das Land ist seit 1954 geteilt in einen kommunistischen Norden und einen westlich orientierten Süden. Im Süden kämpfen kommunistische Guerillas, unterstützt vom Norden. Die USA schicken erst Militärberater, dann reguläre Truppen, dann bombardieren sie Nordvietnam. 1968 haben sie eine halbe Million Soldaten in Indochina. Um jeden Preis wollen sie verhindern, dass der Südteil des Landes kommunistisch wird. Es fallen mehr Bomben als im gesamten Zweiten Weltkrieg.

Der Tod der vermeintlichen Feinde der Freiheit ist den USA nicht peinlich. So haben amerikanische Kriegshelden wie General James F. Hollingworth auch nichts dagegen, sich von Journalisten bei der Arbeit zuschauen zu lassen. "Ein leichtes Mittagessen" nimmt der General noch zu sich, wie der britische Reporter Nicholas Tomalin berichtet. Dann hebt er "mit seinem persönlichen Hubschrauber ab und tötet mehr Vietnamesen als alle Soldaten, die er befehligte". Es ist eine Orgie der Gewalt. Napalm verbrennt den Dschungel, Rauchbomben treiben die Vietnamesen aus ihren Erdlöchern. "General, woher wissen Sie, dass das nicht nur verängstigte Bauern sind", will der Reporter im Lärm der Hubschrauberrotoren wissen. "So wie die rennen? Gehen Sie mir nicht auf die Nerven", brüllt der Amerikaner. Er hat andere Sorgen: "Die Munition, die Munition, wo zum Teufel ist in diesem Flieger die Munition?" Er schiebt ein Magazin in seine M16. Rattatatata.

"Wir haben begriffen, was die Amerikaner machen"

Die Studenten in West-Berlin - viele von ihnen geboren im Zweiten Weltkrieg - erkennen sich wieder in den Kindern von Vietnam. "Im Luftschutzbunker wurde es erst ganz still", erinnert sich Siegward Lönnendonker, Aktivist und später Chronist des SDS, an die eigene Kindheit. "Dann wurde es lauter, als die Flugzeuge kamen. Dann still. Aufatmen." Einmal fuhr er als kleiner Junge auf dem Gepäckträger des Fahrrades mit seinem Vater mit. "Wir hörten ein Flugzeug. Mein Vater hat mich gepackt und in den Graben geworfen. Der Flieger hat geschossen. Der machte regelrecht Jagd auf uns." Lönnendonker ist heute fast 70; vergessen wird er das nie.

"Wir haben langsam begriffen, was die Amerikaner in Vietnam machen", sagt er. Als Kennedy zu seinem "Ich bin ein Berliner"-Besuch in der Stadt war, haben die Studenten noch mitgejubelt. Als er 1963 starb, mitgeweint. Jetzt - Mitte der Sechziger - hocken sie am Ku'damm im SDS-Zentrum und debattieren endlos über Strategie, Theorie und Revolution. Dutschke ist inzwischen dabei, genauso wie Bernd Rabehl; beides Veteranen der obskuren Subversiven Aktion. Sie planen die Weltrevolution, sehen sich als Avantgarde der Arbeiterklasse. Nur die macht nicht mit.

Deutschland ist Wirtschaftswunderland. Das ist schlecht für die Revolution. Die Theorie geht so: Die Arbeiter sind vom System gekauft, "narkotisiert" durch Ananas aus der Dose und Strandurlaub. "Repressive Toleranz" nennt der als Vaterfigur verehrte Denker Herbert Marcuse die Freiheit in den Industriestaaten, die nur eine scheinbare sei und in Wahrheit den Herrschenden diene. Überall wittern die Studenten dunkle Mächte: Der Faschismusverdacht trifft jeden. Letztlich sind Faschismus und Imperialismus das Gleiche: Spielarten und Auswüchse des weltweiten Kapitalismus. "Ja, das war die Analyse damals", sagt Nirumand.

Vietnam ist Auschwitz

"USA-SA-SS", grölen die Studenten auf den Demos. Die Eltern haben geschwiegen, als die Juden vernichtet wurden. Jetzt wird wieder getötet. In den Köpfen der Kinder der Nazis, die um keinen Preis schweigen wollen, geht vieles durcheinander. Vietnam ist Auschwitz. Der Staat faschistisch, der Kapitalismus am Holocaust genauso schuld wie an Vietnam. Als im Frühjahr 1968 in Frankfurt zwei Kaufhäuser brennen, angezündet vom späteren RAF-Frontmann Andreas Baader und anderen, da sollte das auch ein Zeichen gegen den Krieg der Amerikaner sein.

Selbst wenn nur wenige zur Waffe greifen, heißt die Parole der Studenten ab Mitte der 60er Jahre nicht mehr "Frieden für Vietnam", sondern: "Solidarität mit der vietnamesischen Revolution". In der Nacht zum 4. Februar 1966 wollen Dutschke und ein paar Dutzend Genossen endlich handeln, nicht mehr nur reden.

Als es losgeht, haben sie Plakate dabei. In Gruppen von zwei oder drei Genossen schwärmen sie in die Berliner Bezirke aus. "Der Kleber kam aus dem Malergeschäft, genauso wie die Rollen", sagt Laboné. Sie schleicht sich damals mit einem Genossen in S-Bahn-Unterführungen. "Hier sieht die Plakate doch keiner", klagt sie. Aber auch die Plakatkleber sind unsichtbar für die Polizei und - vor allem - die Taxifahrer. "Die waren am gefährlichsten", meint Labonté. "Die schlugen gleich zu oder riefen die Polizei." Auf den Plakaten steht: "Erhard und die Bonner Parteien unterstützen MORD ..."

Im SDS bricht der Teufel los. Nichts war abgesprochen. "Dutschke wollte den Laden spalten", meint Lönnendonker. "Er suchte Leute, die für die Revolution zu gebrauchen waren. Beim SDS glaubte er, ein paar gefunden zu haben. Die anderen sollten gehen." Von dem Tag an ist der SDS mehr Kampfverein als Debattierklub.

Was ist erlaubt? Was verboten?

Kampf heißt dabei auch: Kampf jeder gegen jeden. Was ist erlaubt? Was verboten? Sollen wir Gewalt anwenden? Gegen Sachen? Gegen Personen? "Da gab es Typen, die richtige Bolschewiken waren", erinnert sich Nirumand. Einer habe immer Notizen gemacht über die Genossen - für die Zeit nach der Revolution. Nirumand sieht in ihm "den jungen Berija", Stalins Geheimdiensthenker also. Gestritten wird nicht nur um Theorien und Taktik. Es geht auch darum, wie man leben soll.

Frühstück am großen Tisch. Ein Topf Margarine für alle."Gib mal das Fett rüber", sagt Rabehl. Fett sagt er. Nicht Margarine oder Butter. Roter Heringssalat ist Fischsalat, das muss reichen als Bezeichnung für den Fraß. Sind wir Gourmets oder Revolutionäre?

Dagegen rupft Labonté gelegentlich eine Pute in der Badewanne ihrer Wohngemeinschaft am Kaiserdamm oder mariniert das Kalbfleisch für ein Filet Mignon. "Ich komme aus großbürgerlichem Haus", sagt sie. Der Großvater war ein französischer Jude, aufgewachsen ist sie in der Pfalz, wo das Elsass nahe ist. "Gutes Essen war mir immer wichtig. Nur weil ich darbe, geht es keinem Vietcong besser." Labonté fährt zeitweise einen Triumph TR3. Ein kleines, schickes englisches Cabrio, das ihr Bruder irgendwann gegen die Mauer setzt ("Später ist er Rennfahrer geworden."). Lönnendonker zupft abends in Kneipen den Bass und verdient sich so Geld für seine teuren Tonbandmaschinen. Und auch der Italienurlaub erscheint nicht allen als Inbegriff des teuflischen Konsumterrors. Wo das revolutionäre Bewusstsein weit genug fortgeschritten ist, kann es selbst durch ein wenig Wohllebe nicht getrübt werden. "Da standen wir drüber. Wir hatten das System ja durchschaut", sagt Labonté mit feiner Selbstironie.

Die Mao-Bibel als Inspirationsquell

Oft passen Theorie und Praxis nicht zusammen. Als in China die Kulturrevolution ausbricht - sie wird Millionen Menschen das Leben kosten -, jubeln die revolutionären Studenten auch in West-Deutschland. Die Mao-Bibel, eine Sprüchesammlung im roten Einband, wird zum Quell der Inspiration. Als Lönnendonker sie bei einer Demo einmal vergessen hat, hält er seine Packung Roth-Händle, die so ähnlich aussieht, hoch und skandiert mit den anderen: "Mao Tse-tung." Allein das Versprechen der Chinesen, alles Alte mit Stumpf und Stiel auszurotten, macht die Kulturrevolution den Studenten sympathisch. "Wir wussten ja nichts von dem Terror, der damit verbunden war", sagt Nirumand. Wohl auch, weil keiner gefragt hat. Die militanten Revolutionäre - ob in Afrika, in Kuba oder in China - sind Helden. Mehr noch: Sie gelten als die "neuen Menschen".

Ho Chi Minh, der Anführer der vietnamesischen Kommunisten, ist einer dieser neuen Menschen. Erbauungsschriften zirkulieren, in denen von "Onkel Ho" berichtet wird. Das Frauenbild darin ist abenteuerlich, zur Züchtigung werden gelegentlich Holzpantinen eingesetzt. Egal. "Gelesen haben wir das sowieso nicht", sagt Lönnendonker. Im SDS werden Vietnamseminare und -arbeitskreise organisiert. Aufgeklärt wird über das große Ganze, die Weltrevolution, das Verhältnis von Marx und Hegel. Alles weit weg vom wirklichen Leben. Plötzlich ist es tatsächlich ernst. Am 2. Juni 1967, bei den Protesten gegen den Besuch des Schah in West-Berlin, wird der Student Benno Ohnesorg erschossen. "Ich habe den Schuss gehört", sagt Labonté. "Meine Freunde haben gesagt, du spinnst. Bis es dann im Radio kam."

Das brutale Vorgehen der Polizei und der tödliche Schuss machen den 2. Juni zum Wendepunkt der ganzen Bewegung. Von jetzt an befinden sich die Studenten im Ausnahmezustand. Dutschke predigt vor ständig wachsendem Publikum die Weltrevolution; er tut das mithilfe schwieriger und manchmal verworrener Theorien, die kaum einer versteht. "Wir hörten den Singsang, den Rhythmus", sagt der Musiker Lönnendonker. "Und verstanden die wichtigen Worte. Zum Beispiel, wann eine Aktion sein soll." Nirumand ist überzeugt, dass sein kluger Freund Rudi seine Wirkung nicht durch Argumente, sondern durch Emotionen erzielt hat.

"Er war sehr gefühlsbetont." Das sei das Wichtigste gewesen; wie es überhaupt in den entscheidenden Momenten dieser vordergründig so intellektuellen Bewegung nicht auf die Worte angekommen sei.

Auf Widerworte folgte Prügel

Aufgewachsen sind die meisten Studenten in Familien, in denen auf Widerworte gegen den Herrn Papa Prügel folgten. Mief und Muff begleiten sie von der ersten Klasse bis an die Uni. Jetzt wollen sie frei sein, anders sein, besser leben. Das Bild Che Guevaras, der gleichermaßen verträumt und entschlossen in die Ferne blickt, hängt in jeder WG-Küche. Was für ein Mann! Verzichtet auf höchste Regierungsämter in Havanna, um sein Leben in fernen Ländern für die Revolution zu opfern. Nicht auf Marx kommt es an, nicht auf Mao oder gar auf die Sowjets, die im August 1968 den "Prager Frühling" mit Panzern plattwalzen. 1968 ist vor allem Emotion - gerade wenn es um Vietnam geht, wo das Unrecht auf täglich neuen Bildern in die Wohnzimmer kommt.

"Es gibt eine schöne Geschichte von Lenin", erzählt Nirumand. "Bei einem Kongress in Moskau kam einer aus einem afrikanischen Land, dessen Sprache keiner kannte. Da sagte jemand, ich übersetze. Hinterher habe Lenin den Übersetzer gefragt, wo er denn die Sprache gelernt habe. Der antwortete: Ich kann die Worte nicht verstehen, aber ich weiß, was er sagen will." Das Gefühl ist stärker als der Verstand.

Den Krieg der Amerikaner in Vietnam halten die Veteranen von damals noch immer für ein Verbrechen. Aber "USA-SA-SS" würde Christine Labonté, inzwischen blond und 65, heute nicht mehr grölen. Che Guevara und Fidel Castro erscheinen Lönnendonker mittlerweile als "Herrensöhnchen" und "Halbstarke". Die chinesische Kulturrevolution als abscheulicher Terror. "Ich kann nicht begreifen, dass uns das so fasziniert hat", sagt auch der 71-jährige Nirumand über die platten Sprüche des Großen Steuermanns Mao. Die Weltrevolution ist ausgeblieben, das SDSProgramm dann doch nicht verwirklicht worden. Zum Glück.

Nirumand schreibt heute unter einem riesigen Porträt seiner schönen Frau Sonia in einer kleinen Wohnung in Berlin - "meiner Arbeitswohnung" - kluge Bücher über die Lage im Nahen und Mittleren Osten. Lönnendonker ist nach Jahrzehnten als Politologe an der Freien Universität inzwischen pensioniert und kümmert sich um das in einen Berliner Vorort ausgelagerte Archiv der Bewegung. Labonté residiert in einem großen, mit Ikea-Regalen eingerichteten Büro inmitten der Plattenbauten von Berlin-Hellersdorf - sie ist Rektorin der Alice-Salomon-Fachhochschule, die Sozialarbeiter ausbildet.

Und Nguyen Ngoc Loan, der Todesschütze auf der Saigoner Straße? Er ging in die USA, als die Kommunisten 1975 in Saigon einzogen. Zeitweise hatte er ein Pizzarestaurant. Er musste es aufgeben, als er als Mann auf dem berühmten Hinrichtungsfoto enttarnt wurde. "Ich habe den General mit meiner Kamera getötet", schrieb der Fotograf Eddie Adams. Loan, der im Namen der Freiheit tötete und damit der Welt zeigte, wie absurd das war, starb 1998 an Krebs.

Von Stefan Schmitz / print