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Salvador Allende: "Ich glaube an Chile"

Vor 30 Jahren stürzte das Militär in Chile unter General Pinochet den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Tausende Menschen wurden ermordet. Heute ist das Land immer noch gespalten.

"Ich werde meinen Posten nicht verlassen. Ich werde mit meinem Leben das Amt verteidigen, das mir das Volk gegeben hat." Mit diesen Worten verabschiedete sich der chilenische Präsident Salvador Allende am 11. September 1973 in einer Radioansprache von seinen Landsleuten. Zu diesem Zeitpunkt schossen Flugzeuge des putschenden Militärs bereits im Tiefflug Salven auf seinen Amtssitz in Santiago ab. Wenige Stunden später starb Allende in den Ruinen des Präsidentenpalastes Moneda.

In seiner Brutalität beispiellos

Chile wurde vor 30 Jahren von einem Umsturz erschüttert, der in seiner Brutalität in Lateinamerika beispiellos war und 16 Jahren Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet den Weg bereitete. 100 bis 150 Tote würden täglich in der Leichenhalle von Santiago angeliefert, berichtete der amerikanische Journalist John Barnes damals. Zwei Wochen nach dem Putsch habe sie bereits 2.796 Leichen gezählt, zitierte Barnes die Tochter eines Mitarbeiters des Leichenschauhauses.

Allein in den folgenden drei Jahren kamen nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) mindestens 20.000 Anhänger von Allendes sozialistischer Regierung ums Leben, unzählige verschwanden spurlos. Vollständige Angaben werde es vermutlich nie geben, da über zahlreiche Massaker in ländlichen Gebieten kaum etwas bekannt geworden sei, erklärt AI. Laut einem offiziellen Bericht liegt die Zahl der während der Militärjunta getöteten oder verschwundenen Menschen nur bei rund 3.200.

Bereits am Morgen des 11. September 1973 kursierten Gerüchte über einen Marineaufstand in der Hafenstadt Valparaiso. Eine halbe Stunde später berichtete Radio Corporacion, der Sender der Sozialistischen Partei, von einer „anomalen Lage„ in der Stadt. In Santiago beobachtete der kubanische Journalist Jorge Timossi bereits die ersten Luftangriffe auf den Präsidentenpalast. In dem inzwischen zum Denkmal erklärten Nationalstadion in Santiago pferchten die Militärs ihre Opfer zusammen, folterten und ermordeten viele an Ort und Stelle. So auch den bekannten Sänger Victor Jara, dessen Name das Stadion nach dem Willen des sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos bald tragen soll.

Die "Todeskarawane"

Die blutigen Auseinandersetzungen dauerten noch Tage an. Als sich dann die Nachricht, der drei Wochen zuvor zurückgetretene Verteidigungsminister General Carlos Prats marschiere mit loyalen Truppen von Süden her auf Santiago zu, als Falschmeldung erwies, gaben die Regierungsanhänger ihre letzte Hoffnung auf. Im Oktober exekutierte eine von Pinochet ausgesandte "Todeskarawane" genannte Armee-Einheit 75 politische Gefangene im Norden des Landes.

Obwohl die sozialistische Regierung durchaus Fortschritte erzielt hatte - die Zahl der Arbeitslosen war zurückgegangen, und Allende hatte eine staatliche Gesundheitsfürsorge geschaffen -, hatte sich der Putsch schon Wochen zuvor angekündigt. Der Terror nationalistischer und rechtsextremer Gruppen und eine landesweite Wirtschaftskrise, geschürt vom Boykott internationaler Konzerne, wurden immer stärker.

Militante Regierungsgegner forderten die Streitkräfte mehr oder weniger offen zum Eingreifen auf. Dessen Kommandeur Prats trat Ende August nach einem misslungenen Attentatsversuch auf ihn zurück. Sein Nachfolger wurde Pinochet, der den Umsturz bereits seit einem Jahr im Stillen vorbereitet hatte. Vor allem die CIA zog im Hintergrund die Fäden und arbeitete tatkräftig am Sturz des bei den USA ungeliebten Sozialisten Allende mit. Sogar US-Außenminister Colin Powell gestand kürzlich ein, er sei auf die Rolle seines Landes bei dem Umsturz "nicht stolz".

Erst 1989 musste der Diktator nach massiven Protesten und landesweiten Unruhen die Macht abgeben. Pinochet blieb dennoch bis 1998 Oberbefehlshaber der Streitkräfte und sicherte sich zudem den Status eines Senators auf Lebenszeit zu.

Obwohl gegen den General in den folgenden Jahren nicht nur in Chile weit über hundert Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen erhoben wurden, musste er sich dafür nicht vor Gericht verantworten. Pinochet stand zwar in Großbritannien, wo er sich zu medizinischen Behandlungen aufhielt, mehr als 500 Tage unter Hausarrest, nachdem ein spanischer Richter seine Auslieferung beantragt hatte. Er durfte unter Hinweis auf seine angeschlagene Gesundheit schließlich nach Chile zurückkehren.

Prozessunfähigkeit wegen Altersdemenz

Im März 2001 wurden die Anklagen wegen Mordes und Entführung auf den Vorwurf der Vertuschung von Verbrechen eingeschränkt. Am 1. Juli 2002 besiegelte der Oberste Gerichtshof die Prozessunfähigkeit Pinochets wegen Altersdemenz und eines allgemein schlechten Gesundheitszustands. Der heute 87-Jährige hat seit 1998 mindestens drei leichtere Schlaganfälle erlitten. "Ein Feigling, der sich lieber für senil erklärt, als vor Gericht zu erscheinen", sagt Allendes Nichte Isabel. Der Chile-Experte Detlef Nolte vom Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg meint: "Seit der Verhaftung in London und dem überraschenden Strafverfahren in Chile ist Pinochet politisch tot."

Chiles Justiz arbeitet langsam aber stetig an der Verfolgung der Täter. Trotz der Selbstamnestie der Militärs gibt es heute 300 Strafverfahren gegen Ex-Militärs und Polizisten. Entscheidend für den Erfolg dieser Verfahren ist, dass das Oberste Gericht den Vorrang des Völkerrechts vor nationalem Recht anerkennt, sagt Zalaquett. Chile ist nach Noltes Einschätzung auf dem Weg der Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels seiner Geschichte erstaunlich weit vorangekommen. Es sei auf einem gutem Weg.

Im Jahr 2000 wurde mit Ricardo Lagos erstmals seit dem Tod Allendes wieder ein Sozialist zum Präsidenten gewählt. Doch trotz der derzeitigen Mitte-links-Regierung aus einer Vierparteienkoalition scheint sich eine Rückkehr zur "Pinochetisierung" abzuzeichnen: Nach den letzten Wahlen im Dezember 2001 ist die stärkste Partei im Parlament mit 25 Prozent die rechtsgerichtete Unabhängige Demokratische Union, die vor allem aus Anhängern Pinochets besteht.

"Die Narben sind tief"

Die Gesellschaft Chiles aber ringt gerade im Vorfeld des 30. Jahrestages des Putsches wieder mit dem Erbe dieser "humanitären Katastrophe", wie der Schriftsteller und frühere chilenische Botschafter in Berlin, Antonio Skàrmeta, es formulierte. "Die Narben sind tief, und es ist noch ein langer Weg, bis wir Chilenen eine gemeinsame Basis für ein "Nunca màs" (Nie wieder) finden", fürchtet auch Allendes Tochter und jetztige sozialistische Abgeordnete Isabel Allende.

Wie eine Mahnung wirken die Worte auf dem Sockel unter Allendes Denkmal vor dem Präsidentenpalast: "Ich glaube an Chile und an seine Zukunft." Mit diesen Worten verabschiedete er sich in seiner letzten Radioansprache vor seinem Freitod.

Anna Huber / DPA