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Schiffskatastrophe: Das Drama der "Wilhelm Gustloff"

Am 30. Januar 1945 wurde ein deutsches Passagierschiff mit 6600 Menschan an Bord bei der Flucht über die Ostsee von Torpedos eines sowjetischen U-Bootes getroffen. 5300 Menschen starben. stern-Reporter Peter Sandmeyer beschreibt eine der größten Schiffskatasrophen der Geschichte.

Von Peter Sandmeyer

Die beiden Männer sitzen da und betrachten sich. Der eine, gut genährt, trägt eine goldene Brille und einen sorgfältig gestutzten Schnurrbart, die Haare sind weiß, er ist 66 fahre alt. Der andere ist hager, elf Jahre älter, auch er schlohweiß, aber mit buschigen, schwarzen Brauen, listigen Augen und vielen kleinen Falten drum herum, die verraten, dass er in seinem Leben oft gegen den Wind gestarrt hat. "Ich bin froh, dass Sie lebendig und gesund sind", sagt er zu dem Jüngeren, "Sie sehen gut aus." Sie lächeln und stoßen mit Wodka an. "Wir sind durch die Hölle gegangen. Auf das Leben - nasdarowje!"

Sie waren sich schon einmal ganz nahe

Die beiden Männer sehen sich zum ersten Mal an diesem milden Herbsttag des Jahres 1992 in dem kleinen Dorf Mitschurinskij in der Nähe von St. Petersburg. Aber vor 48 Jahren, in einer eisigen Winternacht des Jahres 1945 waren sie sich schon einmal ganz nahe. Zwölf Seemeilen vor der pommerschen Küste versuchte damals der Ältere den Jüngeren umzubringen. Es war der 30. Januar, kurz nach 19 Uhr, als der Ausguck auf dem Turm des sowjetischen U-Bootes "S 13" in der stürmischen Nacht schwache Lichter ausmachte. Das Boot war seit 19 Tagen auf See. An Bord der Kommandant, acht Offiziere, sechs Unteroffiziere und 32 Matrosen. Einer von ihnen: der Mann mit den Wind-Grübchen in den Augenwinkeln, Torpedoschütze Wladimir Kurotschkin. Vom finnischen Hafen Turku aus hatte sich das Boot der Baltischen Flotte bis in die Nähe der Danziger Bucht vorgewagt, aber bislang kein lohnendes Ziel für die zwölf Torpedos gesichtet.

Der Frust der Feindfahrt lastete diesmal noch schwerer auf Kommandant und Mannschaft als die üblichen Plagen des Bordlebens - die Enge, der Gestank nach Schweiß und Dieselöl, die Hitze im Maschinenraum und die eisige Kälte im Vorschiff: die Furunkel, die viele von der Ernährung bekamen, und die dicken Füße vom Mangel an Bewegung. Bewährungsdruck lag auf dem Schiff.

Die Mannschaft musste büßen

Denn beim letzten Hafenaufenthalt war es zu schweren Disziplinlosigkeiten gekommen: Zwei russische Seeleute hatten sich mit finnischen Sailors geprügelt, und, schlimmer noch, Kommandant Marinesko hatte sich in der Silvester-Nacht alkoholisiert mit einem Konteradmiral angelegt und war dann vor der anrückenden Militärpolizei bis zum nächsten Morgen im Bett einer Barfrau verschwunden. Nach dem Prinzip der kollektiven Verantwortung büßte für so was die ganze Mannschaft. Und die beste Buße war der Sieg über den Feind. 47 Mann folgten einem Befehl: "Versenkt die Deutschen!"

Deshalb war die Besatzung von "S 13" ganz besonders elektrisiert, als ihr Mann am Horchgerät ein Peilgeräusch von großen Zwillingsschrauben meldete - vielleicht das eines Kreuzers. Kein sowjetisches U-Boot hatte bisher ein so riesiges deutsches Kriegsschiff versenkt. Kommandant Marinesko befahl alle Mann auf Gefechtsstation.

Sie jagten ein Passagierschiff

Doch es war kein Kreuzer, den das U-Boot jetzt mit voller Fahrt jagte. Es war das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff", schwer beladen mit einer mehr als 6600-köpfigen Menschenfracht, vor allem Kinder und Frauen - Flüchtlinge, die sich vor der näherrückenden russischen Front nach Westen retten wollten.

Zivilist war auch der Mann, dessen Kopfhaar damals noch schwarz war, der noch keine Brille brauchte und keinen Schnurrbart trug. Heinz Schön, 18-jähriger Zahlmeister-Aspirant an Bord, hatte am Abend des 30. Januar endlich Freiwache und ruhte sich in seiner schmalen Kabine von der Hektik der letzten Tage aus. Der 208 Meter lange klassenlose Luxus-Liner, der in Friedenszeiten für Hitlers "Kraft durch Freude"-Organisation mit Urlaubern über die Meere gekreuzt war, hatte seit November 1940 als schwimmende Kaserne in Gotenhafen - dem heutigen Gdingen - gelegen und als Ausbildungsschiff für den deutschen U-Boot-Nachschub gedient.

In fieberhafter Hast musste das Schiff nun Anfang 1945 binnen weniger Tage wieder flottgemacht werden, nachdem das Oberkommando der Marine endlich begriffen hatte, dass auch die Häfen der Danziger Bucht nicht mehr lange zu halten sein würden, und Großadmiral Karl Dönitz den Befehl zur Operation "Hannibal" gegeben hatte: Die U-Boot-Lehrdivisionen sollten schleunigst nach Westen verlegt, freibleibender Raum sollte für den Abtransport von "nicht kampffähiger Bevölkerung" verwendet werden. Zu Zehntausenden warteten die Flüchtlinge damals in Gotenhafen auf eine Möglichkeit zum Entkommen über die Ostsee.

An Bord war jeder Zentimeter besetzt

Als die "Gustloff" am Mittag des 30. Januar bei klirrender Kälte - 17 Grad unter Null - auslief, waren knapp 11.100 Mann von der U-Boot-Waffe an Bord, aber mehr als doppelt so viele Mütter und dreimal so viele Kinder. Jeder Zentimeter auf dem Schiff war von Flüchtlingen besetzt, sie kampierten auf den Fußböden der Kabinen, der Speisesäle, der Musik- und Tanzräume, unbequem, aber froh, endlich in Sicherheit zu sein auf diesem großen, schönen, warmen, schnellen Schiff, unterwegs nach Westen.

Die meisten von ihnen schliefen schon, erschöpft von Seekrankheit und den Strapazen der vorausgegangenen Flucht, als der russische Kommandant nach zweistündiger Verfolgungsfahrt sein Boot in eine Angriffsposition manövriert hatte. Er war hinter der "Gustloff" und dem begleitenden Torpedoboot vorbeigelaufen, auf einem Kurs zwischen Küste und verfolgtem Schiff: ein waghalsiges Manöver, weil es im flachen Küstenwasser kaum noch möglich war zu tauchen. Aber Kommandant Marinesko wusste, dass er sich auf Boot und Mannschaft verlassen konnte: "S 13" gehörte zur Klasse der besonders zuverlässigen "Stalinetz"-U-Boote, die in den dreißiger Jahren mit deutscher Hilfe entwickelt worden waren.

Die Mannschaft brannte auf Kampf

Sie hatte die Blockade von Leningrad miterlebt, das Massensterben von über 600.000 Menschen, vor allem Schwachen: Kindern, Alten, Frauen. Viele hatten eigene Angehörige, der Maat Andrej Pichur seine ganze Familie verloren. Seitdem bat er darum, zum Heer versetzt zu werden; er wollte die Deutschen endlich sehen - und töten. Auch Torpedo-Schütze Kurotschkin hatte vor dieser Feindfahrt erfahren, dass sein Bruder im Kampf gegen die Hitler-Truppen gefallen war.

Als er kurz vor 21 Uhr die vier Torpedorohre feuerbereit machte, wusste er schon, dass das Angriffsziel kein Kreuzer war. Aber es war ein riesiges Schiff, das abgedunkelt unter kriegsmäßigen Bedingungen fuhr und Geleitschutz von einem Torpedoboot hatte. Es musste irgend etwas transportieren, was für den Feind sehr wichtig war - Truppen oder Waffen, Nazi-Schätze oder Nazi-Bonzen. Ungeduldig wartete Kurotschkin auf den Feuerbefehl.

Navigationsoffizier Redgoborodow leitete die letzten Minuten der Angriffsfahrt, gab Lage, Geschwindigkeit und Entfernung des Zieles an; Kommandant Marinesko starrte durch das Periskop, bis er den Bug der "Wilhelm Gustloff" knapp 500 Meter vor sich genau im Fadenkreuz hatte. Dann gab er Befehl zum Abschuss der Torpedos. Zweiundsechzig Minuten später sank das Ziel. 5300 Menschen - fast viermal so viele wie 1912 beim Untergang der legendären "Titanic" - erstickten, ertranken, erfroren. 3000 von ihnen waren Kinder.

Schicksalsgefährten der Todesnot

Die beiden älteren Herren, die sich jetzt beim Wodka versöhnlich anlächeln, waren dabei. Der eine als Täter, der andere als Opfer. Sie waren Feinde - und gleichzeitig Schicksalsgefährten der Todesnot. Auch die "S 13" geriet nach dem Angriff in größte Gefahr, weil der vierte Torpedo im Rohr hängengeblieben war und bei der leisesten Erschütterung zu explodieren drohte. Eine einzige Wasserbombe wäre der sichere Tod gewesen. Dem Torpedoschützen Kurotschkin gelang es schließlich, den brisanten "Aal" wieder zurückzuziehen und zu entschärfen.

Zu dieser Zeit hangelte sich der junge Zahlmeister-Aspirant Heinz Schön, ebenfalls in Todesangst, quer über das vereiste obere Promenadendeck der sinkenden "Gustloff" " die schon eine Schlagseite von 30 Grad hatte, nach unten, nach Backbord. Er versuchte, eines der Rettungsflöße zu erreichen, die sich losgerissen hatten und an der Reling hängengeblieben waren. In den Ohren hatte er das Schreien von Tausenden, vor den Augen Szenen wahnsinniger Verzweiflung: Kinder, die Opfer der Panik geworden waren, zertreten, zerquetscht; Frauen, die mit ihren Kindern vor Rettungsbooten knieten, um Mitnahme flehend: andere, die ihre Kinder ins eisige Wasser warfen und hinterhersprangen; Soldaten, die sich mit Waffengewalt Zugang auf die Boote zu verschaffen suchten und mit Warnschüssen zurückgetrieben wurden: ein Uniformierter, der seine Frau und seine beiden Kinder erschoss und sich dann vergebens die Pistole an die eigene Schläfe setzte - Ladehemmung; Verwundete, bewegungsunfähig und den sicheren Tod vor Augen, die um eine barmherzige Kugel bettelten.

Es sind diese Bilder, die der 18-Jährige sah, die noch den 66-Jährigen bis in die Träume verfolgen, und die Torpedoschützen Wladimir Kurotschkin, nicht vermitteln kann. Nein, wehrt der ab, nein, er glaube einfach nicht, dass es so viele Kinder und Frauen auf dem torpedierten Schiff gegeben habe; wenn überhaupt, dann nur ein paar von hohen Nazis. So lässt der eine den Schrecken dieser Nacht nicht an sich heran, und der andere wird ihn nicht mehr los. Wie die meisten der wenigen, die überlebt haben.

Der Kapitän traf die richtigen Entscheidungen

Kapitän Harry Weller hat sich nichts vorzuwerfen. Es war richtig, zwischen den beiden Routen, die für die "Gustloff" infrage kamen, den Tiefwasser-Weg statt den Küsten-Weg zu wählen. Der hätte zwar den Vorteil geboten, das Schiff bei einem Torpedo- oder Minentreffer im flachen Wasser aufsetzen zu können, aber er hätte viel länger gedauert und die Gefahr von Fliegerangriffen erhöht. Es war richtig loszufahren, obwohl der erwartete Geleitzug nicht zustande kam - die Zeit drängte, die Front rückte näher. Es war richtig, keine höhere Fahrt als zwölf Meilen zu laufen, obwohl man mit höherer Geschwindigkeit jedem U-Boot entkommen wäre; aber man musste Rücksicht auf einen nur notdürftig geflickten Bombenschaden an der Schraubenwelle nehmen. Es war richtig, keinen Zickzack-Kurs zu fahren, wie zur U-Boot-Abwehr üblich; denn dafür war das Schiff zu lang und das minenfreie Fahrwasser zu eng. Es war auch richtig, obwohl im Krieg eigentlich eine Todsünde, Positionslichter zu setzen; denn ein entgegenkommender Minenräumverband fuhr auf möglichem Kollisionskurs.

Vielleicht war es nicht richtig, die Fahrt fortzusetzen, als das eine der beiden begleitenden Torpedoboote Wassereinbruch meldete und umkehren musste: denn jetzt war nur noch eine Seite des Schiffes bewacht, die Backbordseite aber blieb ungeschützt. Weller hätte lieber geankert und bis Tagesanbruch abgewartet, doch das Kapitäns-Kollegium auf der Brücke - drei Offiziere von der Handelsschifffahrt und ein Korvettenkapitän der Marine - war sich in der Beurteilung der Lage nicht einig. Denn die Nacht bot auch Schutz vor Flugzeugen. "Marschfahrt unter Protest" ließ Weller bei Fortsetzung der Reise im Logbuch festhalten.

Die erste Detonation

Nicht lange danach, das Leuchtfeuer von Stilo war gerade querab, erschütterte die erste Detonation das Schiff. Gleich der erste Torpedo explodierte am Vorschiff, dort, wo in den Kojen die Freiwache der Mannschaft lag, die im häufig und sorgfältig geprobten Seenotfall die Rettungsboote zu Wasser bringen sollte. So ist der Krieg oft: eine lange Folge folgerichtiger Entscheidungen, gefolgt von einer absurden Katastrophe.

Niemand hat sich etwas vorzuwerfen. Kapitän Weller nicht und nicht die anderen Kapitäne, die sich alle retten konnten. Es gab Untersuchungen, doch kein Verschulden wurde festgestellt. Dabei wäre es für alle entlastend, wenigstens einen Schuldigen zu kennen. Aber alle taten nur gewissenhaft ihre Pflicht. Selbst der russische U-Boot-Kommandant. "Jeder Deutsche hätte genauso gehandelt", sagt Harry Weller. Doch auch ihm stehen bis heute diese Bilder vor Augen: wie die Menschen in Panik aus den Niedergängen gesprudelt kamen wie Wasser aus einem Leck; wie die Handvoll kroatischer Hilfsmatrosen und ungeübter U-Boot-Leute es nicht schaffte, die Rettungsboote aus den völlig vereisten Davits zu lösen; wie ein Boot, schon hoch beladen mit Frauen und Kindern, sich beim Zu-Wasser-Lassen plötzlich aus dem hinteren Haken löste, mit dem Heck herunterschlug und seine Fracht kopfüber in die See schleuderte - "und wir standen auf der Brücke und konnten nichts machen".

Im eiskalten Wasser erfroren

Weller konnte nicht einmal die unerfahrenen jungen Leute von der Kriegsmarine zurückhalten, die zu Dutzenden vom Achterschiff aus in die Ostsee sprangen, aus Angst, von der untergehenden "Gustloff" mit in die Tiefe gerissen zu werden. Keinen von ihnen hat er wiedergesehen, alle sind sie im eiskalten Wasser erfroren. Weller wusste, dass es keinen Sog geben würde beim Untergang, weil das Schiff nur 60 Meter Wasser unter dem Kiel hatte. "Ich hatte die Coolheit, abzuwarten, bis zum letzten Moment.

Erst da ging er ins Wasser, wurde von einem Boot aufgenommen, später von Torpedoboot "T 36" gerettet. Und musste von dessen Brücke mit ansehen, wie der Kommandant gegen das immer noch in der Nähe vermutete russische Unterseeboot einen Angriff fuhr und Wasserbomben warf, "mitten unter die Leute, die da überall im Wasser schwammen".

Horror-Bilder der Erinnerung

Der Kapitän erinnert sich präzise. Er kann seine Erlebnisse abspulen wie einen Film. Kein Detail fehlt. Horror-Bilder. Aber er hat seinen Frieden gemacht mit diesen Erinnerungen. Sie verfolgen ihn nicht " "Ich bin irgendwie gefestigt."

Anders ging es seinem Kollegen Karl-Heinz Köhler, der mit ihm zusammen als "Fahrkapitän" für die Überführung der "Gustloff" von Gotenhafen nach Kiel abkommandiert war. "Köhler ist mit dieser Nacht nie fertig geworden", sagt Weller. Bald nach dem Krieg hat er sich in seiner Heimatstadt Verden erhängt. Einer von denen, die den Alpdruck nicht mehr losgeworden sind und keine Antwort auf die Frage fanden: Du - warum bist gerade du am Leben?

Bereits zweimal "abgesoffen"

"Der Horror kommt hinterher", sagt Dr. Ralf Wendt, heute im meeresfernen Heidenheim zu Hause und mit 75 Jahren immer noch praktizierender Arzt. Damals war er Stabsarzt und mit einer Gruppe junger Fähnriche in letzter Minute als Voraus-Verlegungskommando der Marineärztlichen Akademie Danzig an Bord der "Gustloff" gegangen. Mit dem "Absaufen" hatte er da schon Erfahrung; der Doktor war bereits zweimal mit Schnellbooten im Ärmelkanal versenkt worden.

Als er die Detonation der drei Torpedos spürte und merkte, wie das Schiff nach Backbord wegsackte, dachte der Arzt als erstes an die Frau im Krankenrevier, die kurz vor ihrer Entbindung stand. Der Schiffsarzt Dr. Richter, dem er nach seiner Ankunft an Bord kollegiale Hilfe angeboten hatte, hatte ihm diese Frau, bei der die Wehen schon eingesetzt hatten, ans Herz gelegt.

Mit größter Mühe bekam Wendt jetzt die verklemmte Tür zwischen Arztzimmer und Krankenrevier auf und fand die Schwangere gelähmt vor Entsetzen. Im selben Raum wurde nämlich ein menschliches Skelett in einem Glasschrank aufbewahrt, das sich bei der Detonation " als auch das Licht verlosch, aus seiner Halterung gelöst hatte und in ihr Bett gefallen war. "Die Frau war total von der Rolle."

Furchtbares Geschrei der Eingeklemmten

Zusammen mit seinem Oberfähnrich bugsierte Wendt sie nach oben und brachte sie auch sicher in einem Rettungsboot unter. Dann kletterten die beiden Marine-Mediziner wieder unter Deck, um anderen zu helfen. "Man rutschte auf dem nassen Linoleum, das Schiff hatte starke Schlagseite, das Wasser stieg, aus vielen Kabinen kam furchtbares Geschrei der Eingesperrten, die die verklemmten Türen nicht aufbekamen. Vor allem das Schreien der Kinder war entsetzlich."

Wendt und der Oberfähnrich retteten, bis sie sich selber retten mussten. Mit einem Floß gingen sie über die Backbordreling ins Wasser. Als sie ein Stück weggepullt waren, hörten sie plötzlich einen "riesigen Schrei" und sahen, wie das Schiff nach Backbord unter Wasser sackt,. Bug voran, Heck hoch aus dem Wasser, und all die Menschen, die sich oben auf der Steuerbordseite festgeklammert hatten, jetzt übereinanderstürzten. In ihrer Todesminute sprang die komplette Beleuchtung der "Wilhelm Gustloff"" noch einmal an, festlich illuminiert verschwand sie in den Wellen, ein Kurzschluss oder die entweichende Luft setzte die Sirene in Gang - "es war gespenstisch".

Wendt und sein Begleiter wurden bald von einem Rettungsboot aufgenommen und konnten, nachdem sie eine Weile gerudert waren, an Bord des Torpedobootes "Löwe" gehen. Der Arzt erinnert sich an alles: "Ein Mann kletterte aus dem Boot über die Reling und fiel tot um. In dem Augenblick, als er gerettet war."

Er redet und redet

Doktor Wendt würde sich an all das lieber nicht erinnern. "Wozu das aufwärmen?" Aber dann redet er und redet, und die Erinnerungen steigen in ihm auf wie Wasser im sinkenden Schiff, und er geht in ihnen unter. An die dumpfe Stille erinnert er sich, die tränenlose Verzweiflung der Geretteten: an die unbeschreiblichen Zustände auf dem völlig überfüllten Torpedoboot - "da watete man durch Kot" - " an die Erstarrten, die man mit heißen Duschen ins Leben zurückzuholen versuchte; und an die Schwangere, die er an Bord plötzlich wiederfand, und der er bei der Geburt eines gesunden Jungen half, in nassen Klamotten und mindestens so aufgeregt wie die Kreißende, denn seine letzte Geburtshilfe hatte der Marinearzt als Student in Berlin geleistet. Was aus Mutter und Sohn später geworden ist, weiß er nicht.

Der Horror kommt hinterher. Wenn die dämpfende Wirkung des Schocks nachlässt. Wenn das Leben nicht mehr nur aus Überleben von Tag zu Tag besteht und Zukunft wieder möglich scheint. Dann ist sie manchem plötzlich nicht mehr möglich. Sein damaliger Oberfähnrich, "ein heiteres Gemüt", erzählt Wendt, hat sich nach dem Krieg in Lübeck als Arzt niedergelassen und sich dann das Leben genommen. "Der hat's nicht verkraftet." Er selbst träumt oft den gleichen Traum: dass er zu spät kommt, etwas versäumt, verpasst, nicht mehr helfen kann. Der Horror kommt immer wieder.

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