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VERHÜLLUNG: Deutsche Würstchen vor dem Reichstag

Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude läßt uns hinter die Kulissen ihres größten Verhüllungsprojekts blicken.

Wer uns kennt, weiß, dass wir hartnäckig und stur sind. Aber der Reichstag hat uns unglaubliche Nerven gekostet. 24 Jahre mussten wir kämpfen, um die Genehmigung für die Verhüllung zu bekommen.

Und noch am 25. Februar 1994, als der Bundestag über unser Projekt abstimmte, war alles völlig offen. Eigentlich glaubten wir nicht mehr an einen Sieg. Helmut Kohl hatte sich gegen uns ausgesprochen. Und sogar Rita Süssmuth, die uns sehr mochte, wettete mit Champagner, dass wir verlieren würden. Aber wir gewannen - mit einer Mehrheit von 69 Stimmen (Kanzler Kohl wurde später mit nur einer Stimme Vorsprung wiedergewählt).

Danach wurde es ernst: Der Stoff musste gewebt, zugeschnitten und sorgfältig aufgerollt werden. An geheimen Orten machten wir Verhüllungstests. Wir brauchten Genehmigungen von der Stadt und von diversen Ämtern. Die Zeit bis zur Verhüllung im Juni 1995 war ungeheuer hektisch und anstrengend, und nicht alle standen auf unserer Seite. Irgendeine Behörde zwang uns, alle Böden abzudecken und zu schützen, obwohl jeder wusste, dass der Reichstag hinterher völlig umgebaut und die Böden herausgerissen würden. Das war so gemein! Diese Bürokraten!

Naturschützer legten Widerspruch gegen unser Projekt ein, weil auf dem Dach des Reichstags ein Turmfalkenpaar brütete, das nicht gestört werden durfte. Zum Glück beeilten die beiden sich und hatten ihre Jungen schon großgezogen, als wir mit dem Verhüllen begannen.

Schlimm war die Angst vor Anschlägen. Ein einziger Idiot mit Benzinkännchen und Feuerzeug hätte ja schon genügt, um den Stoff in Flammen zu setzen und das ganze Projekt zu kippen. Leider gab es auch noch eine anonyme Drohung gegen uns beide. Deshalb stellten wir 14 Bodyguards ein. Zum Glück ist nichts passiert.

Nicht mal Schmierereien gab es. Dabei ist doch Berlin neben New York die größte Graffiti-Stadt. Vorsichtshalber hatten wir Silberfarbe und dicke Pinsel gekauft, um aufgesprühte Sprüche schnell wieder abdecken zu können. Das Geld hätten wir uns sparen können!

Beinahe hätten wir sogar die gelben Schutzzäune stehengelassen, die während der Verhüllungsarbeiten um das ganze Gebäude herum aufgestellt waren. Alle hatten uns gewarnt: Die Leute werden an dem Stoff reißen, ihn zerschneiden, beschmieren. Uns war ziemlich mulmig. Aber dann beschlossen wir, Vertrauen in die Berliner zu haben und den Zaun zu entfernen. Und siehe da: Die Leute liebten das Kunstwerk. Sie wollten es nicht zerstören, sondern feiern. Sie brachten ihre Kinder und ihre Gitarren mit und picknickten auf der Wiese vor dem Reichstag.

Deshalb waren auch die Polizisten in Zivil überflüssig, die sich in den Büschen im Tiergarten herumdrückten. Sie glaubten, es würde politische Demonstrationen gegen die Verhüllung geben. Zu komisch! Es gab zwar nackte Mädchen, silbern angemalte Kerle, Tänzer, Trommler - aber keinen politischen Widerstand gegen den verhüllten Reichstag. Ganz im Gegenteil: Die Leute waren begeistert davon, tagelang unseren Kletterern beim Abrollen der silbernen Stoffplanen zusehen zu können, die wie kleine Wasserfälle zu Boden stürzten. Nicht nur das fertige Kunstwerk, sondern auch dessen Entstehung muss ästhetisch sein.

Für uns waren die Tage in Berlin fast unerträglich aufregend. Als die erste Bahn runterkam und der Stoff rollte und rollte und immer weniger wurde, sahen wir einander entsetzt an und flüsterten: Er ist zu kurz! Natürlich reichte er, alles war exakt ausgemessen. Aber wir waren so nervös.

Zum Glück hat niemand gemerkt, welch schreckliche Angst wir hatten. Wir waren ja verantwortlich für alles. Während der Wochen der Verhüllung standen wir unter Strom. Wir mußten uns um alles kümmern: die Seile, die immer wieder nachgezogen wurden, die Mitarbeiter, deren Essen. Tag und Nacht waren wir unterwegs, mehr als vier Stunden Schlaf gab es nie. Unser Projektmanager und Fotograf Wolfgang Volz bekam oft nur zwei Stunden. Das zehrt.

Die einzige Entspannung gab es abends. Da kletterten wir auf die Pressetribüne, guckten uns den Reichstag und die Besucher von oben an und aßen diese wunderbaren deutschen Würstchen. Die Leute, die auf der Wiese saßen, drehten sich um und schrieen: Christo! Jeanne-Claude! Es war großartig.

Allerdings: So richtig genießen konnten wir alles erst hinterher, als wir wieder zu Hause in New York waren.

CHRISTO und JEANNE-CLAUDE, Verhüllungskünstler