Warschauer Aufstand Polens Stolz und Deutschlands Schande

Bei seinem Besuch der Gedenkfeiern zum Warschauer Aufstand vor 60 Jahren hat Bundeskanzler Gerhard Schröder Entschädigungsforderungen von Vertriebenen an Polen strikt abgelehnt.

"Es ist nicht leicht, nach diesen Bildern zu reden. ..". Gerhard Schröder stockt die Stimme. Es fällt ihm sichtbar schwer, den Einstieg in die wohl vorbereitete, wichtigste Rede dieses Tages zu finden. Es ist schon Dunkel. Auf der großen Leinwand auf dem "Platz der Warschauer Aufständischen" sind gerade minutenlang Filmaufnahmen der Trümmerlandschaft in der von Deutschen zerstörten Stadt zu sehen gewesen. Schlusssequenz ist in Großaufnahme der Körper einer auf der Straße liegenden, von Deutschen getöteten Frau mit weit aufgerissenem Mund.

Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande

Unmittelbar danach ist der Kanzler dran bei dieser Abschlussveranstaltung des Hauptgedenktags in Erinnerung an den Beginn des Warschauer Aufstands gegen die deutsche Besatzung vor 60 Jahren. Die Sätze, die er dann spricht, treffen den richtigen Ton: "An diesem Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande hoffen wir auf Versöhnung und Frieden." Der erste, ungeteilte Beifall. Ein paar Sätze später die stärkste Zustimmung: Die Bundesregierung werde bei Klagen vor internationalen Gerichten Forderungen von Vertriebenen nach Rückgabe ihres früheren Eigentums entgegen treten.

Mehr konnte ein Regierungschef nach eigener Einschätzung zu diesem aktuell heikelsten Diskussionspunkt in den Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht tun. "Keine Regierung der Welt kann einem Individuum verbieten, sein vermeintliches Recht einzuklagen", lautet die offizielle deutsche Position. Die polnische Seite akzeptiert das zwar. Sie hätte aber gerne mehr Garantien dafür, dass die Geschichte von deutscher Seite - etwa aus dem Kreis der Vertriebenen - nicht umgeschrieben wird.

US-Außenminister Colin Powell wurde gefeiert

So wurde intern in Warschau vereinbart, das Thema möglichst bald auf die europäische Ebene zu heben. Dorthin soll auch der "Zukunftspakt" weisen, den Schröder Polen angeboten hat. Konkreter wurde der Kanzler dazu nicht. Er bezog sich dabei ausdrücklich zunächst nur auf die Außenpolitik. Es klang aber wie ein Versuch, Polens besonders enge Bindung an die USA im Irak-Krieg etwas zu lockern. Wem die stärksten Sympathien im Nachbarland gehören, wurde bei den Warschauer Gedenkfeiern allerdings wieder besonders deutlich: Wo auch immer der dazu ebenfalls extra angereiste US-Außenminister Colin Powell auftrat, er bekam den stärksten und spontansten Beifall.

Vereinzelte Proteste gegen Schröder

Dennoch: Es gab tiefes Aufatmen im Kreise der deutschen Delegation am Ende dieses Kanzler-Besuchs. Wo auch immer Schröder auftrat in diesem dichten Besuchprogramm mit mehreren heiklen Stationen, war kein Hass zu spüren, nur vereinzelt Pfiffe oder Transparente gegen den Gast aus Berlin - so etwa auf dem Friedhof der Warschauer Aufständischen: "Heil Schröder: Komme nicht an die Plätze, wo wir unserer Landsleute gedenken, die von Deinen Landsleuten ermordet wurden - bis heute ohne Wiedergutmachung!" Insgesamt überwogen ganz deutlich Respekt und Anerkennung.

Er sei "ein großer Verbündeter im Kampf um die historische Wahrheit", lobte am Ende Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski den Kanzler. Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski ordnete am Ende den Schröder-Besuch sogar in die Reihe der großen Versöhnungsschritte in den deutsch-polnischen Beziehungen ein, vom Kniefall Willy Brands 1970 bis zur offiziellen Bitte um Vergebung von Bundespräsident Roman Herzog vor 10 Jahren.

Frank Rafalski/DPA


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