VG-Wort Pixel

M.Streck: Frischluft Ein kleiner Shit für uns, ein großer für die Menschheit

Eine Wasserpistole mit Namen "Happy Po" könnte, so wie in Thailand, eine Alternative zum Toilettenpapier sein
Eine Wasserpistole mit Namen "Happy Po" könnte, so wie in Thailand, eine Alternative zum Toilettenpapier sein
© Picture Alliance
Ein Virus rast um die Welt: Klopapier-Hamstern. Unser Autor Michael Streck lernte auf Reisen eine erfrischende Alternative bei der Körperhygiene kennen.

Vorab eine Entschuldigung. Der Titel „Frischluft“ für diese Kolumne passt diesmal ausnahmsweise nicht zum Sujet, weil es im Folgenden und weitesten Sinne um Exkremente, deren korrekte Entsorgung und Fragen der körperlichen Hygiene gehen wird.

In diesen schweren Zeiten eint die Menschheit ja zweierlei: Einerseits die Furcht vor dem Virus und andererseits die Furcht, nicht genügend Klopapier im Haus zu haben. Einige Zeitgenossen kaufen absurd große Mengen, dass man ihnen zur Strafe mindestens Verstopfung gönnen würde. 

Rational ist das alles nicht richtig nachvollziehbar, aber was ist schon rational? Zeitweise, noch auf Reisen durch die Welt, glaubten meine Frau und ich, die Klopapier-Hamsterei sei ein urdeutsches Phänomen, weil den Teutonen nicht nur im Humor eine gewisse Anal-Fixiertheit nachgesagt wird und hierzulande Bücher über den Darm sogar Bestseller werden. Aber das stimmt so nicht ganz. Der Lokusrollenrausch hat sich vielmehr pandemisch verbreitet. Vielleicht sollten die Virologen auch mal darüber nachdenken. Die australische Polizei fahndet beispielsweise momentan nach einer Kleinbande in Sydney, die in den Vororten der Metropole regelrechte Abort-Raubzüge veranstaltet.

So tief können Kriminelle sinken. 

Die Zeit ist reif für ein Umdenken: Po-Duschen statt Papier

Neulich kaufte ich Klopapier und schwöre, dass wir nach einer mehrmonatigen Reise wirklich keines mehr hatten. Dennoch schämte ich mich an der Kasse und fühlte eine Art Corona-Kollektivschuld. 

Womöglich ist die Zeit nun wirklich reif für ein Umdenken. Während unseres Trips durch Südostasien begegneten wir in Hotels und Restaurants auf dem stillen Ort einer putzigen Apparatur, die dort unter dem noch putzigeren Namen “bum gun“ firmiert oder, von vermutlich etwas gröberen Charakteren ersonnen, auch unter “ass blaster“, zu deutsch etwa “Gesäß-Pistole“. Es handelt sich dabei um eine Wasserpistole, mit der man sich nach erledigtem Geschäft säubert. In der Theorie macht es Lokuspapier obsolet. Und in der Praxis, ich spreche da aus frischer Erfahrung, bedarf der Einsatz eines gewissen Einfühlungsvermögens, weshalb für eher tolpatschige Menschen wie mich im Netz sehr nützliche Ratgeber stehen. In einem heißt es, der Erstbenutzer möge sich mental und physisch darauf vorbereiten, was ich nur unterstreichen kann. Das gilt im Übrigen auch für Momente akuter Pein. Andernfalls kann die Sache im Wortsinn ziemlich nach hinten los gehen. Aber der Reihe nach:

Zunächst immer, goldene Regel, den Wasserdruck der Pistole prüfen, um unangenehme Begleiterscheinungen zu minimieren, und männliche Leser dürften wissen, worauf ich rekurriere. Die Experten empfehlen aus gutem Grund einen Probelauf, der in diesem Fall das genaue Gegenteil von Trockenübung ist. Nach vollbrachter Tat, ganz wichtig!, erst einmal normal abziehen, weil sonst…Sie ahnen es. Sodann die bum gun von der Wand lösen, das Zielgebiet anvisieren und sachte, sehr sachte auf den Abzug drücken.

Erst die Erleichterung, dann eine gewisse Erfrischung

Das Ganze, ich spreche wieder aus Erfahrung, kostet etwas Überwindung und führte bei mir zu einer mittelschweren Überschwemmung des Toiletten-Terrains, aber spätestens nach dem dritten oder vierten Gang verspürt auch der ungeübte Westler nach der Erleichterung eine nicht nur reinigende, sondern gar erfrischende Wirkung. Viele Urlauber, las ich, kehren jedenfalls um eine Erfahrung reicher zurück und bringen daheim Gesäßspülen mit verheißungsvoll fröhlichen Namen wie “Happy Po“ oder “Tushy“ zur Anwendung.

Die Thais, das nur am Rande, können schon gar nicht mehr anders, und großer Zorn brach im vergangenen Spätsommer aus, als die dortigen Parlamentarier feststellen mussten, dass auf den Toiletten im neuen Abgeordnetenhaus von Bangkok die traditionellen Po-Duschen fehlten. Der Politiker Virat Worasasirin trat daraufhin eine hitzige Fäkal-Diskussion los und beklagte sich vor den Kollegen, dass sein Hintern nach dem Gebrauch von Papier regelmäßig schmerze und er gar nicht wisse, wie er danach vernünftig gehen sollte. Der Sprecher des Hauses musste ihn darauf hinweisen, dass alles live im Fernsehen übertragen werde. Man einigte sich jedenfalls rasch und überparteilich auf eine Untersuchungskommission, die nach der Debatte die neuen Klos inspizierte und Besserung versprach.

Rettet den Planeten und spült Eure Hintern

Auch im Thunbergschen Sinne besitzen die Pistolen selbstverständlich Vorteile bei der Rettung der Wälder und ergo des Planeten. Der durchschnittliche Amerikaner benutzt pro Jahr 12,7 Kilogramm Klopapier, direkt dahinter folgen schon die Deutschen mit 12,1 Kilogramm und am unteren Ende der Skala die Brasilianer mit gerade mal 3,4.

Wobei man wissen muss, dass für die Herstellung einer popeligen Rolle 140 Liter Wasser benötigt werden. Und das bei globaler Wasserknappheit. Wir alle täten in diesen schweren Zeiten Planet und Po einen großen Gefallen. Es ist nur ein kleiner Shit für uns, aber ein großer für die Menschheit.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker