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Taufe in Brüssel: Plenarsaal "Strasbourg": Wie Satiriker Semsrott den EU-Pendelwahnsinn stoppen will

Mit einer pfiffigen Idee konfrontiert Satiriker Nico Semsrott derzeit das EU-Parlament in Brüssel. Sein einfacher Kniff würde nicht nur die Reisekasse der EU, sondern auch die Umwelt entlasten.

Satiriker Nico Semsrott vor einem Gebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel

Seit er für "Die Partei" einen Sitz im Europäischen Parlament hat, hält Kabarettist Nico Semsrott seinen Kollegen den Spiegel vor. Jetzt hat er ein Schlupfloch im EU-Vertrag entdeckt. 

DPA

Der deutsche Satiriker und EU-Abgeordnete Nico Semsrott hat den Brüsseler Plenarsaal des Europaparlaments am Montag in "Strasbourg" umgetauft. Hintergrund ist eine Debatte um die regelmäßigen Reisen des Parlaments von Brüssel ins Elsass. Den Antrag auf die offizielle Umbenennung stellte der Politiker von "Die Partei" am Montag bei Parlamentspräsident David Sassoli.

Reiserei der Parlamentarier kostet halbe Milliarde Euro

In einer eigens einberufenen Pressekonferenz verwies er vor einer Handvoll Journalisten auf die immensen Kosten des Standorts in Straßburg, die er mit mehr als einer halben Milliarde Euro angab. Die Reisen der Abgeordneten und ihrer Mitarbeiter verursachen nach seinen Angaben mindestens 20.000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid. Und das Parlament in Nordfrankreich stehe 300 Tage im Jahr leer – denn die Abgeordneten tagten dort nur eine Woche im Monat, also etwa 60 Tage pro Jahr. In aller Regel arbeiten die Parlamentarier in Brüssel, obwohl die belgische Stadt offiziell nur der Sitz der EU-Kommission und des Europäischen Rats ist. So steht es im Vertrag von Amsterdam.

Nico Semsrott von "Die Partei" provoziert im EU-Parlament

Frankreich ignoriert Pendelwahnsinn seit Jahren

Diese Argumente und der Wunsch vieler Parlamentarier, das Hin und Her zwischen Straßburg und Brüssel zu beenden, würden wegen des Widerstands Frankreichs seit Jahrzehnten ignoriert. Dass die Pendelei der Parlamentarier logistischer, finanzieller und ökologischer Unsinn ist, wird schon seit Jahren kritisiert. Mit einem Trick will Semsrott das Elsass nach Belgien holen. Die elegante Lösung seiner "hochkarätigen Rechtsberater": Der EU-Vertrag schreibt Straßburg als einen Sitz des Parlaments vor, aber nicht explizit das Straßburg in Frankreich. Es genüge also, einfach im ungetauften Plenarsaal in Brüssel zu tagen. Denn auch damit hätte man den Verträgen genüge getan, schrieb Semsrott an Sassoli. 

Symbolisch klebte Semsrott am Montag schon mal ein Post-it mit der Aufschrift "Strasbourg" an die Eingangstür des Plenarsaals. Um die Taufe stilecht zu zelebrieren, zertrümmerte der 33-jährige Hamburger neben dem Eingang eine Flasche aus Theaterglas. Zumindest einen Tweet ist das Anne Gellinek, Leiterin des ZDF-Studios in Brüssel, wert. "Satiriker @nicosemsrott findet Gesetzeslücke, um Pendelei des EU-Parlaments zwischen Brüssel und Straßburg zu beenden", schrieb die Journalistin. 

Die Aktion vom Montag sollte ursprünglich schon am Mittwoch an einem belebten, öffentlichen Ort im Parlament stattfinden – war laut Semsrott aber zwei Stunden vor dem Termin abgesagt worden. Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes verhinderten seinen Auftritt. Er hatte die kurzfristige Absage ignoriert.

Quellen: "Jetzt", "Twitter"

js / DPA