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Maria Furtwängler "Wir haben Jahrhunderte mit einer Männerquote gelebt"

Sehen Sie im Video: Maria Furtwängler zur Frauenquote – "Wir haben Jahrhunderte mit einer Männerquote gelebt"
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Maria Furtwängler freut sich über die neue Gesetzesvorlage zur Frauenquote. Und doch sieht sie noch einige komplexe Probleme. 

Frau Furtwängler, eine gesetzliche Quote ist nun in greifbare Nähe gerückt. Was löst das bei Ihnen aus?

Viele Frauen und Männer haben für diese Gesetzesvorlage gekämpft und lange galt es als aussichtslos, insofern freue ich mich sehr! Ich hoffe, dass sie jetzt im Kleingedruckten das Gesetz nicht noch weiter verwässert wird. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, das Wort "Quotenfrau" neu zu besetzen und von seinem au gout zu befreien, in dem wir uns immer wieder klar machen, dass fast alle Männer, die an der Macht sind, Quotenmänner sind.

Corona, Klimakrise – und jetzt auch noch die Frauen-Quote. Haben wir nicht genug Probleme?

Das sieht offenbar der Vorstand der Deutschen Bahn so, denn er hat vor Wochen verkündet, eine verpflichtende Quote würde den Betrieb gefährden. Da muss man sich doch kurz an den Kopf fassen! Gleichstellung gefährdet den Betrieb. Wir sind es als Gesellschaft gewöhnt, Gleichstellung für ein Luxusthema zu halten. Das Problem ist doch: Wir wissen, dass Frauen nicht dämlicher sind als Männer, sie machen sogar häufiger und die besseren Hochschulabschlüsse. Trotzdem verzichten wir auf die Hälfte des Brain-Kapitals. Wir finden es immer noch selbstverständlich, durchschnittliche Männer in hohen Positionen zu sehen, statt zu fordern, dass sie außergewöhnlich guten Frauen Platz machen. Wir Frauen stellen etwas mehr als die Hälfte der Gesellschaft und können es nicht länger tolerieren, dass Männer zu 80 Prozent über die Geschicke aller entscheiden.

Es stimmt, dass wir schon einen langen Weg hinter uns haben: Als beispielsweise 1976 die erste Tagesschau-Sprecherin, Dagmar Berghoff, auf dem Bildschirm erschien, hat der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpke sich noch lustig gemacht: Die bricht doch gleich in Tränen aus, wenn sie schlechte Nachrichten vorliest. Politik sei unweiblich. Das hat sich inzwischen geändert, aber wir sind noch nicht am Ziel. Wir haben Jahrhunderte mit einer Männerquote gelebt und ich frage mich, warum Männer sich nicht schämen ob dieser Tatsache. Sondern dass wir Frauen uns schämen sollen, wenn wir aufgrund einer Quote in Positionen kommen. Und deshalb bin ich für eine Quote in allen gesellschaftsrelevanten Bereichen.

Denn die Probleme, die wir zu bewältigen haben, werden immer komplexer. Wir brauchen diverse Teams, um da gute Entscheidungen zu treffen.

Warum ist jetzt der richtige Moment?

Für mich waren drei Ereignisse der Auslöser: Die schwedische Allbright Stiftung hat für Deutschland ermittelt, dass wir Rückschritte machen bei der Gleichstellung: Der Anteil der Frauen in Führung ist zurück gegangen. Zweitens: Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass mehr Gleichstellung erreicht werden muss in der Privatwirtschaft und öffentlichen Institutionen. Dieses Vorhaben darf nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Drittens verschärft die Pandemie die Situation vieler Frauen: Sie versorgen meist die Kinder, sie leisten Care-Arbeit, organisieren Homeschooling – diese Themen kamen aber im Krisenmanagement an allerletzter Stelle. In den Expertenrunden saßen überwiegend Männer.

Was nützt es der deutschen Durchschnittsfrau, wenn ein paar mehr Frauen in die Vorstände aufrücken, sechsstellige Gehälter verdienen, dicke Dienstwagen fahren...?

In diesen Positionen wird ja über die ganze Arbeitnehmerschaft entschieden. Zu welchen Bedingungen gearbeitet wird, wer aufsteigt und noch vieles mehr. Es ist entscheidend, dass der Blick von oben auf die Welt nicht nur ein männlicher ist.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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