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Nora Bossong "Es sitzen zu oft Menschen in Machtpositionen, die sich in vielem ähnlich sind"

Nora Bossong
Nora Bossong
© Heike Steinweg / Laif
Beim Schach und im Beruf wurde Nora Bossong als Frau oft unterschätzt. Sie sieht es als zwiespältige Siege. Damit sich das ändert, unterstützt sie die Frauenquote.

Nora Bossong ist 38 Jahre alt, Schriftstellerin - und eine von 40 Frauen, die sich im stern solidarisch für die Frauenquote aussprechen.

Warum bezeichnen Sie sich als Quotenfrau?  

Ich begann meine literarische Karriere, als das Phänomen des "Fräuleinwunders" gerade vorbei war. Langsam setzte sich bei einigen der Gedanke durch, dass Schriftstellerinnen auch Frauen und nicht nur Fräuleins sind, dass sie politisch, intellektuell und meinungsstark sein können. Diese Frauen sichtbar zu machen, brauchte aber und braucht noch immer einen Fingerzeig auf die oft unbewusste Bevorzugung von männlichen Welterklärern – die ja nicht abdanken sollen, nur genügend Raum lassen für weibliche Stimmen.

Warum finden Sie, dass Deutschland mehr gesetzliche Quoten braucht?  

Weil sich gezeigt hat, dass sich auf freiwilliger Basis nichts ändert. Es ist ja auch bequem: Alles soll doch so bitte bleiben, wie es ist. Es sitzen zu oft Menschen in Machtpositionen, die sich in vielem ähnlich sind, etwa das gleiche Geschlecht, die gleiche Hautfarbe, Herkunft, Rollenvorstellung haben – die Hoffnung, dass diese Menschen von sich aus raus aus ihrer homogenen Gruppe streben, Macht neu verteilen, ist sehr idealistisch. Nichts gegen Idealismus, aber die Frage, wie Macht in unserer Gesellschaft verteilt ist, ist viel zu wichtig, als dass wir ihr mit bloßem Hoffen und einem "Ach, das wird schon" begegnen können. Wir brauchen aber Diversität, um verschiedene Perspektiven zu haben und die besten Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart zu finden.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: In diesem Moment wusste ich, es geht nicht ohne Quote.... 

Als die ersten meiner Freunde in Führungspositionen aufstiegen – und das, trotz exzellenter Leistungen mancher Freundinnen, ausschließlich Männer waren. 

Wer hat Sie wie gefördert?  

Meine Verleger (bislang ausschließlich Männer), meine Lektoren und Lektorinnen, ältere Kolleginnen wie die "Zeit"-Redakteurin Iris Radisch oder die Schriftstellerin Ursula Krechel, meine Eltern, die mich emanzipiert erzogen haben. 

Wer war warum Ihr Vorbild?  

Susan Sontag, weil sie es in einem von Männern dominierten Milieu zu einer der herausragenden öffentlichen Stimmen ihrer Zeit brachte. Weil sie analytische Schärfe und emotionale Klugheit, Stärke und Verletzlichkeit zusammenbrachte.

In welcher beruflichen Situation hat Ihnen Ihr Frausein geholfen?  

Als Schülerin war ich eine ganz gute, aber sicher nicht herausragende Schachspielerin. Trotzdem habe ich fast jede Gelegenheitspartie gewonnen. Meine Gegner, allesamt männlich, zogen ihre ersten Züge so leichtfertig, als glaubten sie, dass ich nicht einmal wüsste, wie man den Springer setzt. Ehe sie ganz begriffen hatten, dass ich durchaus ein wenig vom Spiel verstand, hatten sie ihre Figuren schon in so eine schlechte Stellung manövriert, dass sie bald darauf matt waren. Vergleichbare Situationen gab es auch in meinem beruflichen Leben – etwas zwiespältige Siege, die man ein paar Mal schmunzelnd hinnimmt und die einen irgendwann zu ärgern beginnen, weil man doch lieber mit richtigem Maß gemessen werden will.

Und in welcher hat es Sie behindert? 

Behindert hat es mich etwa dabei, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Ich kenne einige erfolgreiche kulturschaffende Männer, die es gewohnt sind, dass ihr Beruf im Zentrum steht und sie bei der Sorgepflicht doch eher einem Modell aus den 1960ern anhängen und den Sonntagspapa geben. Es erstaunt mich immer wieder, dass dieses Modell, diese Aufteilung weiterhin so verbreitet ist. Auch bei Honorarverhandlungen hat man als Frau in meinem Metier oft schlechtere Karten. Ich will es nicht über einen Kamm scheren, aber mir scheint, dass im Kopf vieler Leute doch noch die Idee steckt, dass Frauen nur für sich, Männer für eine Familie verdienen. Das betrifft übrigens nicht nur die Geldgeber, sondern auch das Umfeld. Ich habe es oft miterlebt, dass etwa die Verhandlung von hohen Buchvorschüssen bei Männern als sportlich und selbstbewusst, bei Frauen tendenziell als geldgierig und unsympathisch wahrgenommen und auch so darüber gesprochen wurde. Über solche oft unbewusste Bewertungen müssen wir dringend offen sprechen, damit sie uns überhaupt bewusst werden.

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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