HOME

Fallstricke und Besonderheiten: So absurd kann es bei einer US-Wahl zugehen

Wer die meisten Stimmen hat, der wird gewinnen. Das suggerieren auch Umfragen vor der US-Wahl 2016. Doch das stimmt nicht. Das System der Präsidentenwahl lässt Platz für Absurdes, wie sich schon häufiger zeigte.

US-Wahl kurios: George W. Bush - Nicht die Mehrheit, aber Präsident

George W. Bush: Er wurde Präsident, obwohl sein Gegenkandidat ein halbe Million Wählerstimmen mehr auf sich vereint hatte. Nicht die einzige Absurdität in der Geschichte der US-Wahlen.

Am Tag vor der Wahl eines neuen US-Präsidenten überschlagen sich die Medien des Landes mit aktuellen Umfragen. Hillary Clinton liegt danach mit ein paar Prozentpunkten vor Donald Trump. Allerdings: Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt nicht auch zwangsläufig die Wahl. Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit, die das Wahlsystem bereithält - wie das Rennen ums Weiße Haus immer wieder gezeigt hat.

2000: Al Gore holt die Mehrheit - und verliert die US-Wahl

Der Demokrat Al Gore war vor 16 Jahren wohl der Kandidat, der mit dem bisher deutlichsten Stimmenvorsprung verloren hat. Fast eine halbe Million Amerikaner mehr als dem Republikaner George Bush gaben ihm ihre Stimme. Doch Bush hatte die Mehrheit der Wahlmänner hinter sich. Im wichtigen Swing-State Florida, wo es besonders eng zuging und Unregelmäßigkeiten an Wahlmaschinen festgestellt worden waren, stritt man wochenlang um eine Nachzählung - bis der Supreme Court den Streit mit 5:4 Stimmen stoppte. Florida ging an Bush und Bush war Präsident.

US-Wahlsystem erklärt: Was sind eigentlich Swing States und Wahlmänner?


1976: Ein nie gewählter Präsident

Es klingt ein bisschen nach Frank Underwood aus der Polit-Serie "House of Cards". Der von Kevin Spacey gespielte skrupellose Politiker wird Präsident, obwohl er sich nie zur Wahl stellen musste. "Demokratie wird so überschätzt", kommentiert Underwood den Vorgang. Sein Vorbild in der Realität: Gerald Ford. Der stand 1972 nicht als Vize-Präsident zur Wahl, sondern wurde von Präsident Richard Nixon nach dem Rücktritt von Spiro Agnew ernannt und vom Senat bestätigt. 1974 stolperte Nixon über die Watergate-Affäre - und Ford war plötzlich Präsident. Gewählt wurde der Republikaner auch 1976 nicht, er unterlagt dem Demokraten Jimmy Carter.

1888: Grover Cleveland - Al Gores Vorreiter

Bei dieser Wahl geschah erstmals, was sich erst 112 Jahre später wiederholen sollte. Der Demokrat Grover Cleveland unterliegt trotz der Mehrheit der absoluten Stimmen dem Republikaner Benjamin Harrison, der die Mehrheit der Wahlmänner hinter sich vereinigt. Was Cleveland von Gore unterscheidet: Er war amtierender Präsident.




1876: Die "gestohlene Wahl"

Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung haben Tradition in den Präsidentschaftswahlen. 1876 führt der Demokrat Samuel Tilden mit 184 zu 166 Wahlmännern gegen den Republikaner Rutherford Hayes. Tilden fehlt nur noch ein Wahlmann. In drei Staaten herrscht noch Unklarheit - es sind zufällig die drei Südstaaten, die sich im Bürgerkrieg als letzte ergeben hatten und die alle republikanische Gouverneure haben. Es wird ausgezählt, doch die Ergebnisse scheinen wenig vertrauenswürdig. In Washington einigen sich die Parteien daher darauf, eine Kommission aus je sieben Republikanern und Demokraten zu bilden - unter Vorsitz des Obersten Bundesrichters Joseph Bradley. Der stimmt letztlich mit den Republikanern. Damit entscheidet ein im Wahlsystem nicht vorgesehenes Gremium die Wahl mit 8:7 Stimmen denkbar knapp zugunsten von Hayes. Unter Demokraten gilt diese Wahl als "die gestohlene Wahl".

1860: Zwei Präsidenten während des Bürgerkriegs

Stimmungen und Ereignisse spielten immer schon eine entscheidende Rolle bei der Präsidentenwahl. Während es zurzeit eher um E-Mail-Affären und Sexismus geht, stand diese Wahl schon im Zeichen des drohenden Bürgerkriegs. Vier Kandidaten teilen sich die Stimmen. Der Norden steht aber derart geschlossen hinter dem Republikaner Abraham Lincoln, dass sein landesweiter Wähleranteil von 40 Prozent für 123 von 180 möglichen Wahlmännern reicht. Fünf Wochen nach der Amtseinführung des vielleicht berühmtesten US-Präsidenten überhaupt, beginnt der Bürgerkrieg. Die Südstaaten-Konföderation wählt ein Jahr später Jefferson Davis zu ihrem einzigen Präsidenten.

1840: Präsident für einen Monat

Der neunte US-Präsident amtierte am kürzesten. 1840 im Herbst gewählt, trat William Henry Harrison - Angehöriger der Whig-Partei - am 4. März 1841 sein Amt an, erkrankte wenig später an einer Lungenentzündung und starb daran genau einen Monat nach seiner Inauguration am 4. April. Seiner kurzen Amtszeit steht seine Inaugurationsrede gegenüber, die mit zwei Stunden Dauer die längste der Geschichte war. Durch den Tod Harrisons kam sein Vize John Tyler in den Genuss einer nahezu vollen Amtszeit. Obgleich nicht zum Präsidenten gewählt, fühlt er sich doch uneingeschränkt dazu berufen. Post, die korrekterweise an den "Acting President", also den geschäftsführenden Präsidenten, gerichtet wurde, lässt Tyler ungeöffnet zurückschicken. Immerhin: Tylers Haltung gilt als Präzedenzfall für künftige Amtsübernahmen der Vize-Präsidenten. Wiedergewählt wird Tyler nicht.


1824: Das Repräsentantenhaus entscheidet

Vier Kandidaten erobern nennenswerte Stimmanteile. Andrew Jackson erreicht 43 Prozent der Wählerstimmen. Seine 99 Wahlmänner reichen aber bei Weitem nicht aus, um das Amt zu übernehmen. Das Repräsentantenhaus übernimmt die Entscheidung und wählt John Quincy Adams, der nur 31 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigte. Jacksons Anhänger wittern Korruption, zumal Adams der erste Präsident ist, dessen Vater schon das Amt bekleidete. Andrew Jackson wird sich das Amt vier Jahre später sichern - nach einem schmutzigen Wahlkampf.

1820: Alle für einen

Die Wiederwahl von James Monroe wird ein Triumph, den kein Kandidat bis heute wiederholen konnte. 231 Wahlmänner entscheiden sich für ihn, der 232. stimmt falsch ab. Die Amtszeit des 5. US-Präsidenten wird auch "Era of Good Feeling" genannt - Friede, Freude, Einigkeit. Monroe hatte übrigens keinen Gegenkandidaten.

1800: Entscheidung nach 36 Wahlgängen

Die Wahl des dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, wird das heutige Verfahren begründen. Damals führt ein Geburtsfehler zu einer kuriosen Wahl. Im Wahlmännergremium galt damals: Der Kandidat mit den meisten Stimmen wird Präsident, der mit den zweitmeisten wird Vize. Doch Thomas Jefferson und sein designierter Vize Aaron Burr erhalten die gleiche Stimmzahl. Burr wittert seine Chance und verzichtet keineswegs. So muss das Repräsentantenhaus entscheiden. Doch erst im sage und schreibe 36. Wahlgang kommt eine Mehrheit für Jefferson zustande. Als Lehre aus diesem absurden Vorgang wird ein Verfassungszusatz verabschiedet, der die Wahl von Präsident und Vize-Präsident trennt. Das gilt bis heute.


dho