HOME

Stern Logo Wahl

Gesine Schwan: Die charmanteste Speerspitze der SPD

Es ist soweit. Die SPD hat sich ein Herz gefasst und Gesine Schwan gegen Horst Köhler ins Rennen geschickt, hat die streitbare Professorin zur Symbolfigur eines Lagerkampfes zwischen dem bürgerlichen und dem linken Lager gekürt. Nur, wer ist diese Frau - und wofür steht sie? Ein Porträt von Hans Peter Schütz

Vieles ist wie damals. Wie vor vier Jahren, als Gesine Schwan das erste Mal kandidierte.

Ihr Lachen, das aus ihr heraus bricht wie eine Koloratur, das beschwingt. Gesine Schwan ist Lachen. Ist beschwingte Herzlichkeit. Auch im höchsten Staatsamt würde sie es niemals den protokollarischen Pflichten ausliefern. Ihre Frisur, diese hoch getürmten Ringellöckchen passen eigentlich nicht zu einer Professorin, nicht zu ihren 65 Jahren. Aber sähe man solche Lockenpracht nicht gerne auch einmal im Schloss Bellevue wippen? Eine Präsidentin, die ohne die staatstragende Würde jener Männer auftritt, die bisher das Amt des Bundespräsidenten prägten. Eine Präsidentin auf Pumps und schönen Beinen, die nicht die spröde Staatsdame gibt?

"Ich kandidiere bewusst als Frau", sagte Gesinde Schwan vor vier Jahren. Sie tritt selbst heute an, wie sie vor vier Jahren war.

Symbolfigur eines Lagerkampfes

Aber um sie herum ist heute vieles ganz anders. Die Partei, für die sie das tut, ist eine ganz andere SPD. Horst Köhler war 2004 eine ebenso unbekannte Größe wie sie selbst; jetzt ist er ein von den Bürgern überaus geschätzter Bundespräsident. Und Gesine Schwan ist nicht nur seine Herausforderin. Sie eröffnet den nächsten Bundestagswahlkampf entlang der Bundespräsidentenwahl, was es noch nie gegeben hat. Sie ist das Symbol eines Machtkampfs zwischen dem bürgerlichem und dem linken Lager. Rot-Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb. Und sie tritt für eine SPD an, die aus zwei Parteien besteht und keine Führung mit Autorität besitzt.

Anfang 2004 stand sie in den USA auf dem Campus der Harvard-Universität, als ihr Handy klingelte und Gerhard Schröder sie fragte: "Hättest du was dagegen, wenn wir dich als Kandidatin fürs Amt des Bundespräsidenten vorschlagen?" Das war jene Aktion, wie es sie immer gab, wenn die SPD keine reale Chance besaß, das Amt zu erobern. Dann setzt sie Frauen ein. In ihrem Fall waren die Genossen besonders entzückt. Auch wenn diese Frau ihnen sofort mitgeteilt hat, "dass ich keine Feministin bin".

Schon immer ein selbständiger Kopf

Im zweiten Anlauf lief alles ganz anders. Es gab heimliche Gespräche mit dem SPD-Politiker Sebastian Edathy, der wissen wollte, ob sie noch einmal antreten könnte. Die SPD-Spitze marschierte da noch schnurgerade auf eine zweite Amtszeit Köhlers zu. Zu Schröders Zeiten war die Kandidatin als ungewöhnliche Persönlichkeit mit glücklichen Seufzern der Erleichterung begrüßt worden. Jetzt wurde sie der SPD-Spitze hineingedrückt von Genossen, die sich sagen, dass die Partei mit ihr als Kandidatin auch dann gewinnen wird, wenn Gesine Schwan am Ende verliert.

Neu ist das nicht in ihrem Leben. Dass sie nicht auf Linie ihrer Partei liegt und trotzdem im Mittelpunkt ihrer Politik steht. Als die SPD, in die sie 1970 eingetreten ist, sich Anfang der achtziger Jahre innerlich über den NATO-Doppelbeschluss zerlegte, stand sie unerschütterlich hinter Bundeskanzler Helmut Schmidt und dessen Nachrüstungspolitik. Eine schlimme "Rechte", schimpfte Willy Brandt und ließ sie schließlich 1984 aus der Grundwertekommission der Partei werfen. Sie ist eine Frau, die sich mit Beschwörung der Parteiräson nicht mundtot machen lässt, wenn sie die Parteilinie für falsch hält. Parteisoldatin, das war sie nie und wird es nie sein.

Ein Leben in Grenzsituationen

Eine schwierige Sozialdemokratin ist die 1943 in Berlin geborene Gesine Schwan. Wie man für den eigenen Weg kämpft, das hat sie schon als Kind gelernt. Ihre bürgerlichen Eltern, der Vater war Oberschulrat, engagierten sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus; gegen Ende des Krieges versteckte die Familie ein jüdisches Kind in ihrer Wohnung.

Ihr Leben sei durch viele Grenzsituationen gegangen, hat diese Frau später einmal gesagt. Da war der frühe Tod ihres ersten Ehemannes, des konservativen Politikwissenschaftlers Alexander Schwan, der bis zu seinem Austritt 1978 ebenfalls SPD-Mitglied gewesen war und der 1989 an Krebs gestorben ist. Weil er schon kurz nach der Hochzeit an Hodenkrebs erkrankt war, hatten die Schwans zwei Kinder adoptiert, die Gesine Schwan dann alleine groß ziehen musste. Seit vier Jahren ist sie mit Peter Eigen verheiratet, dem Gründer der Anti-Korruptions-Organisation "Transparency International".

Als Alleinerziehende zur akademischen Koryphäe

Sie machte auch als allein erziehende Mutter akademische Karriere. Studiert hat sie Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an den Universitäten Freie Universität (FU) Berlin und Freiburg. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski. Ab 1977 lehrte sie als Professorin für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU. Ihr Versuch, 1999 Präsidentin der Uni zu werden, scheiterte, auch dies war eine letztlich aussichtslose Kandidatur gewesen. Aber wenige Monate später wurde sie zur Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder berufen.

Die fließend Polnisch und Französisch (Englisch sowieso) sprechende Frau, die dort jetzt mit 65 in den Ruhestand geht, war eine Idealbesetzung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Kanzler Schröder der Viadrina mit 50 Millionen Euro aus ihren ärgsten finanziellen Anlaufproblemen half. Das war eine Beihilfe, mit der die rot-grüne Koalition sich bei Gesinde Schwan indirekt dafür bedankte, dass sie sich als Gegenkandidatin gegen Horst Köhler bereit gestellt hatte und in der Bundesversammlung auch Stimmen von CDU/CSU und FDP holte. Das Ergebnis: Köhler 604 Stimmen, Schwan 589.

Engagement für die "die gleiche Würde aller Menschen"

An das Ergebnis von damals denken natürlich auch jene Sozialdemokraten, die sie jetzt der Parteispitze als erneute Kandidatin abgerungen haben. Aber sie wissen, dass sie es mit einer Frau zu tun haben, die noch immer ihre bürgerliche Starrköpfigkeit in sich trägt, mit der sie sich einst mit Willy Brandt angelegt hatte. Ihr Charme mildert nur ihre Härte, die sie in Sachentscheidungen zu zeigen pflegt. "Meine Loyalität gilt der Demokratie, nicht nur einer Partei", hat bei ihrer Kandidatur 2004 schon gesagt. Das könnte einige in der SPD, aber noch mehr in der Linkspartei, deren Stimmen sie ja ebenfalls bekommen soll, durchaus ärgern. Aber sie besitzt auch ein anderes, für SPD wie Linke eher akzeptables politisches Credo: "Politik muss mehr sein als Ökonomie." Das ist, übersetzt man es in die neue politische Ausgangssituation ihrer zweiten Kandidatur gegen Köhler, eine markante Gegenposition.

Die wachsende Politikverdrossenheit hängt für Gesine Schwan eng mit einer politischen Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zusammen: Es fehle zunehmend an "Vertrauen in die Verlässlichkeit sozialer Verabredungen." Fehlendes Vertrauen in eine Politik, an der gerade die SPD federführend beteiligt war. Dass sie diese Partei weder früher verlassen hat, noch heute sich ihr verweigern wird, hat einen Grund: Die SPD ist für sie die Partei, die dafür kämpft, "die gleiche Würde aller Menschen leb- und erlebbar zu machen." Die Partei, mit der sich der Sozialstaat wieder erträglicher gestalten ließe.

Vertrauen gewinnen, heißt ihre Maxime

Sie ist nicht einfach, die real existierende partei- und gesamtpolitische Ausgangsposition für Gesine Schwan. Sie lehnt aber eine Politik ab, die "gegenüber der Ökonomie abdankt". Ein Grund, deswegen miesepetrig zu sein, weil das zurzeit von vielen - auch in der SPD - gepredigt wird, der sei damit jedoch keineswegs gegeben. Ein Bundespräsident müsse vor allem eines leisten: Politik nachvollziehbar zu machen und damit Vertrauen in der Gesellschaft zu gewinnen.

Das sagt sie fröhlich und lacht jenes gar nicht damenhafte Lachen, das gewiss auch das höchste Staatsamt erfreulicher machen würde.