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Obamameter: Steinmeier rockt im Saarland

Frank-Walter Steinmeier hat im Saarland das Hemd durchgeschwitzt, Angela Merkel viel mit Essenszubereitung zu tun gehabt. Wer hatte den besseren Auftritt? stern-Redakteure bewerten auf dem Obamameter.

Von Jens König und Ulrike Posche

Es gibt im 8. Stock des Kanzleramts ein Apartment mit einer handtuchschmalen Teeküche gleich neben dem Bad. Deshalb soll in der Woche des Ackermann-Skandals plötzlich irgendwo auf den Fluren eine interessante Idee aufgekommen sein: Ob die Angela Merkel das geplante Mittagessen für die Vorsitzenden der Gewerkschaften dort nicht schnell selbst zubereiten könnte? Für Huber, Bsirske, Schmoldt, für Wiesehügel und die anderen.

Vielleicht könnte Merkels Mann, der Professor Sauer, sogar mit einem von ihr selbst verfassten Einkaufszettel zu Edeka rüber flitzen - im eigenen Golf natürlich - und alles Nötige besorgen! Ein paar Würstchen aus dem Glas, einen Kasten Bier. Eine Bockwurst ist rasch heiß gemacht, und DGB-Chef Sommer öffnet seit seinen Berliner Studententagen die Bierflaschen souverän mit dem Feuerzeug. Da braucht man nicht einmal externes Service-Personal! Da holt sich jeder bei der Kanzlerin einen Schlag Kartoffelsalat aus dem großen Eimer ab - und gut is. Der Professor Sauer soll sogar noch etwas von dem Johannisbeerstreuselkuchen übrig gelassen haben, den seine Frau laut "Emma" am Wochenende gebacken hat.

"Da muss man sensibel sein", hatte die Kanzlerin nach der Affäre erklärt. Für Montagabend ist nun Nicolas Sarkozy ins Kanzleramt eingeladen. Frau Merkels Kartoffelsuppe soll ja legendär sein.

Ulrike Posche ist Autorin des stern

"Rettet ER die SPD?" fragte die "taz" vor ein paar Tagen auf ihrer Titelseite. Neben der Schlagzeile ein Bild von Oskar Lafontaine. Na ja, mit der Rettung der SPD wäre sogar Obama überfordert. Aber die Frage bringt doch eine irre Wendung auf den Punkt: Die SPD hofft auf eine Koalition mit Lafontaines Linkspartei im Saarland, um so die Bundestagswahl noch drehen zu können. Frank-Walter Steinmeier, ein erklärter Gegner rot-roter Bündnisse, wird Kanzler dank der Hilfe des obersten Verräters der Sozialdemokratie? Puh! Gewagte Nummer, kann man da nur sagen.

Das Erstaunliche ist: Steinmeier zieht die Nummer souverän durch - in einer Mischung aus Realpolitik, Verzweiflung und guter Laune. Am Donnerstagabend ist er im E-Werk in Saarbrücken zur Abschlusskundgebung der Saar-SPD. Und was man seit Schröders Zeiten nicht mehr erlebt hat: Der Saal rockt. Jubel, Trubel, Heiterkeit, rotes Konfetti, und das, obwohl über 2000 Genossen im Saal sind. Die kriegen im Normalfall jede Veranstaltung tot. "Maas, Müller und Lafontaine kommen zum lieben Gott", erzählt der Moderator auf der Bühne. "Fragt Maas: Lieber Gott, wann habe ich die absolute Mehrheit im Saarland? Gott antwortet: In 40 Jahren. Maas: Oh, da bin ich nicht mehr im Dienst. Fragt Müller: Lieber Gott, wann bin ich so populär wie meine Vorgänger? Gott antwortet: In 30 Jahren. Müller: Oh, da bin ich nicht mehr im Dienst. Fragt Lafontaine: Lieber Gott, wann werde ich wieder Ministerpräsident im Saarland? Gott antwortet: Oh, da bin ich nicht mehr im Dienst"

Befreites Lachen. Steinmeier kommt, fordert die Genossen auf, noch mehr zu klatschen, die tun das, der Kanzlerkandidat hält eine leidenschaftliche, kluge Rede, ohne Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen, und alle haben das Gefühl: Wir können tatsächlich gewinnen. Und: Steinmeier kann ja tatsächlich reden.

Anschließend mischt sich der völlig durchgeschwitzte Steinmeier unters Volk, trinkt Bier, schüttelt Hände, lässt sich anfassen. Kommen zwei junge Männer vorbei, sie wollen ein gemeinsames Foto mit ihm. Der eine zückt sein Handy, in dem Moment kriegt er einen Anruf. "Ey, Kevin, du Arsch", brüllt er in sein Telefon, "leg auf. Steinmeier steht neben mir, ich will den fotografieren." Kevin legt auf, Steinmeier lächelt. So schön kann Wahlkampf sein.

Jens König ist Reporter des Berliner stern-Büros