HOME

Stern Logo Wahl

SPD-Kampagne: Hallo CDU, bitte melden!

27 Millionen Euro investiert die SPD in ihren Wahlkampf - und setzt mit der neuen Plakatkampagne auf harte Themen. Aber die CDU reagiert nicht darauf. Warum eigentlich?

Von Lutz Kinkel

Dieser Mittwoch ist geradezu prototypisch für den Wahlkampf.

Im Willy-Brandt-Haus präsentiert die SPD Spots und Plakate ihrer millionenschweren Wahlkampagne. Es geht um harte Themen: Arbeit, Gesundheit, Umwelt und Bildung. Ein Beispiel: Das Plakat zeigt eine lächelnde junge Frau, die den Arm über die Schulter eines Rentners geworfen hat. Dazu der Claim: "Gesundheit darf kein Luxusprodukt werden. Und deshalb wähle ich SPD."

In der "Bild" präsentiert sich Angela Merkel als über den Niederungen des Wahlkampfs schwebende Superpräsidentin. Freundlich ausgeleuchtete Fotos zeigen sie beim Plausch mit Altkanzler Helmut Kohl. Zweck des "Kanzler-Gipfels": das Gedenken an den Mauerfall. Natürlich steht kein Wort in dem Artikel, dass sich die beiden noch nicht ausgesöhnt haben, seit Merkel Kohl entmachtete.

Gegenwartskritik versus Vergangenheitsgedusel. Bodenkampf versus Imagepflege. Frank-Walter Steinmeier versus Angela Merkel.

"Friedhofsruhe" in der CDU

Offiziell verlangt die SPD nichts dringlicher, als dass sich die Union endlich dem Wahlkampf stellen möge. Führende Sozialdemokraten klingen fast beleidigt, wenn sie über die ausbleibenden Reaktionen der Gegenseite sprechen. SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel sagt bei der Präsentation der Plakate, dass in der CDU "Friedhofsruhe" herrsche, das sei eine Partei, in der "nicht diskutiert wird". Auch Steinmeier und Thomas Oppermann, der parlamentarische Geschäftsführer der Sozialdemokraten, spielen das immer wieder aus: Die Union sei eine inhaltliche Nullnummer.

Also immer feste druff, auf Merkel! Oder?

Wasserhövels Antworten sind nicht eindeutig. Nach der Präsentation sagt er im kleinen Kreis, die SPD habe keine Angst davor, "in den Clinch zu gehen". Während der Präsentation hatte er noch gesagt, es werde kein "negative campaigning" geben, also das vor allem bei den Amerikanern beliebte Spiel, den politischen Gegner persönlich, hart und schmutzig anzugehen. Also bleibt Angela Merkel außen vor, auch in Wasserhövels kurzer Rede.

Die Lektion aus dem Europawahlkampf

Interessant in diesem Zusammenhang, wie Wasserhövel die SPD-Kampagne zur Europawahl im Rückblick beurteilt. Damals hatte die SPD scharf gegen andere Parteien geschossen. "Finanzhaie würden FDP wählen", war einer der Slogans. "Heiße Luft würde die Linke wählen" und "Dumpinglöhne würden CDU wählen". Mit diesen Negativbotschaften konnte die SPD jedoch nicht punkten - allen rosigen Vorhersagen zu zum Trotz holte sie nicht mehr als elende 20,8 Prozent. "Die Europawahlkampagne hat so nicht funktioniert", sagt Wasserhövel knapp. Anders formuliert: Selbst die eigene Klientel ist nicht darauf angesprungen.

Also: Strategieänderung.

Mit der neuen Plakatkampagne will die SPD ihre Themen setzen und ihre eigenen Stärken bewerben. Sie liefert nicht länger Gründe, die anderen Parteien nicht zu wählen, sondern Gründe, die SPD zu wählen. Die Zuspitzung auf Frank-Walter Steinmeier, den Spitzenkandidaten, soll erst in einer zweiten Phase kommen, also vermutlich im September. 27 Millionen Euro investiert die SPD laut Wasserhövel insgesamt in die Kampagne, zu der auch neu gestaltete Wahlkampfstände, TV- und Internet-Spots, Flyer und der übliche Werbeklimbim gehören.

Die Theorie der vielen Felder

Und die Union? Lässt sie sich in einen Wettstreit um die besseren Ideen zwingen, wie es die SPD beabsichtigt? Derzeit sieht nichts danach aus. Die Plakatkampagne der CDU, die am Montag vorgestellt wurde, hat eine ebenso staatstragende Anmutung wie Merkels Besuch bei Kohl. Keine konkreten Aussagen, keine klar definierten Ziele. Denn auch Merkel hat gelernt - aus ihrer Beinahe-Niederlage 2005. Damals hatte sie detailliert beinharte Reformen angekündigt.

"Ich bin gespannt, wie lange die politische Konkurrenz das [also die Vorstellungen der SPD, Red] noch ignorieren kann", sagt Wasserhövel. Andererseits gibt er zu erkennen, dass ihm die Ignoranz nicht ganz Unrecht ist. Damit lasse die Union "das Feld offen".

Das Feld? Wenn dieser Mittwoch eines gezeigt hat, dann dies: Es gibt viele Felder.