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Westerwelles Triumph: König Guido

Die FDP ist neoliberal und hat trotzdem in der Krise ein Rekordergebnis geholt. Woran das liegt? Vor allem an Guido Westerwelle. Auf den Spuren des gelben Supermanns.

Von Johannes Schneider

Es ist ja nicht so, als ob am Wahlabend nur Guido Westerwelle vor seine Parteifreunde getreten wäre. Bei ihm war der alte Fahrensmann Hans-Dietrich Genscher, der kämpferische Generalsekretär Dirk Niebel, Philipp Rösler, Hermann Otto Solms und Rainer Brüderle, nicht zuletzt Westerwelles Lebenspartner Michael Mronz, mit dem er Arm in Arm auftrat. "Ein schwuler Außenminister - damit sind wir in der Welt ganz weit vorn", seufzte da eine Anhängerin in Richtung des Spitzenkandidaten, alle anderen bejubelten derweil das Kollektiv: "So sehen Sieger aus, schalalala!"

Dann ergriff Westerwelle das Wort, und die, die mit ihm auf dem Podium standen, verblassten noch in derselben Sekunde. Wo andere laut werden müssen, dirigiert Westerwelle das Publikum mit seinem Lächeln: Das ist nicht immer sympathisch, oft spöttisch, von oben herab, immer aber ehrlich. Guido Westerwelle ist ein Politiker, den man lesen kann - und vielleicht macht auch das ihn für Freunde und Feinde gleichermaßen so stark. Am Wahlabend strahlte Guido Westerwelle und überstrahlte alle, die da mit ihm strahlten. Es war sein Sieg, er der Frontmann, lange hat keine kleine Partei einen derart profilierten Spitzenkandidaten gehabt. "Guido, Guido"-Rufe hallten durch das Atrium des "Römischen Hofes". Es ist ein Name, der sich gut rufen lässt, ähnlich wie "Willy" oder "Gorbi".

Von der Witzfigur zur Respektsperson

Dass Westerwelle dennoch so lange auf diesen entscheidenden politischen Durchbruch warten musste, hat er sich vielleicht selbst zuzuschreiben: Die 18 auf den Schuhen, das Guido-Mobil und der Besuch im Big Brother-Container kreierten das Image des Spaßpolitikers. Sein lange Zeit verklemmter Umgang mit der eigenen Homosexualität ließ ihn alternativ als Karrieristen ohne Privatleben erscheinen. Lange fehlte es Westerwelle an der Würde, die die liberalen Vorderleute früherer Zeiten ausgezeichnet hatte. Westerwelle neben Genscher - das wirkte asymmetrisch. Im Triumph des Wahlabends ging es auf, als Generationenpakt.

Von der Witzfigur zur Respektsperson in zehn Jahren - Westerwelle, der gerne zugibt, aus früheren Fehlern gelernt zu haben, hat sich die Anerkennung erarbeitet: Sein Triumph ist ein Triumph der Klarheit. "Er hat wahltaktisch und inhaltlich immer Kante gezeigt", lobte der Berliner Spitzenkandidat Martin Lindner am Wahlabend seinen Vorsitzenden. Und das nicht nur bei dieser einen Wahl: "Guido Westerwelle hat über Jahre auf Wachstum der Partei gesetzt, ist nicht für die ein oder andere Regierungsbeteiligung in den Ländern von seiner Linie abgerückt." In den acht Jahren unter dem Parteivorsitzenden Westerwelle sei die FDP damit "von unten herauf gewachsen".

"Klare Kante" schafft Vertrauen

Koalitionstaktisch hat diese klare Kante in einem durchlaufenden Bekenntnis zu Schwarz-Gelb bestanden, inhaltlich in der Ausrichtung der einstmaligen Freiheits- zur Wirtschaftspartei: Westerwelle hat die FDP aus dem Status des Mehrheitsbeschaffers für CDU und SPD herausgeführt, ihr ein neues, neoliberales Gesicht gegeben. Dass dies ausgerechnet in der Krise 15 Prozent der Wähler offenbar nicht bedrohlich, sondern nett angelächelt hat - das kann man, wie Oskar Lafontaine in der Berliner Runde, als eine der größten Paradoxien in der Geschichte abtun.

Vielleicht hat es aber wiederum mit dem Lächeln Westerwelles zu tun - und seinen klaren Aussagen. "Wir waren immer verlässlich", bringt es Hermann Otto Solms, bisher finanzpolitischer Sprecher der FDP im Bundestag, bei der Wahlparty auf den Punkt. Eine Verlässlichkeit, die die FDP allein mit den Linken teilt und die - man kann das finden, wie man will - auch über politische Fragen hinaus Vertrauen schafft.

Staatsmännische Attitüde statt Euphorie

Die "klare Kante" ist es aber auch, die dem Wachstum Grenzen setzt: Indem er die FDP denkbar strikt von SPD und Grünen distanziert hat, von der Linkspartei gar nicht zu reden, sieht sich die FDP nun mit einer Opposition konfrontiert, die die Regierungs-FDP aus tiefster, unversöhnlicher Abneigung heraus bearbeiten wird. Vielleicht erklärt dies auch, warum Westerwelle der enthemmten Euphorie seiner Anhänger defensiv entgegentrat: Man sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sagte er am Wahlabend mit staatsmännischem Gesicht. "Wir freuen uns, aber wir bleiben auf dem Teppich."

Dieser Teppich wird für Westerwelle in den nächsten Jahren wohl rot sein, und hier liegt wiederum eine große Chance für Westerwelle und seine Partei: Als designierter Außenminister wird auch Westerwelle damit kalkulieren dürfen, im Amt beliebt zu werden, so wie jeder Außenminister vor ihm. Ungeliebte Reformen im Inneren werden andere für ihn durchsetzen. Der FDP wird es dann zugute kommen, dass Westerwelle die Partei auf sich ausgerichtet hat. Im schlimmsten Fall wird dann auch der nächste Wahlkampf als reiner Kanzler-Wahlkampf geführt und zwar von beiden Regierungsparteien: mit Angela Merkel als gütiger Bundesmutter, und Guido Westerwelle als ihrem dynamischen Sohn, vereint im Kampf gegen die rot-rot-grüne Gefahr.

Seine Exzellenz "König Guido"

Denn so kam es einem an diesem Wahlabend in den Römischen Höfen vor: Als ob die FDP sich ganz und gar auf ihren Triumphator, den künftigen Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, eingeschworen hätte. Nur eins wollten sie da nicht hören - dass man "seine Exzellenz", wie der Außenminister im Ausland protokollarisch angeredet wird, als "König Guido" bezeichnen könnte. "Wir brauchen keinen König Guido, sondern jemanden, der verantwortungsvoll und bewusst mit der Situation umgeht", polterte Martin Lindner gegen die Zuspitzung. "Wir wollen Politik gestalten, nicht abheben", ergänzte Hermann Otto Solms.

Nicht abheben und als Gestalter auftreten - an diesem Wahlabend ist das dem weisen König Guido mit seinem defensiven Auftreten bereits gelungen. Ohne dass er dabei inhaltlich irgendetwas gesagt hätte. Aber das muss er auch nicht, sei es als König oder als Außenminister: Nachdem Guido Westerwelle die FDP nach seinem Bild geformt hat, kann er sie und Deutschland nun mit seinem Gesicht repräsentieren. Das ist der Lohn seiner Arbeit.