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Ungewöhnliche Unterkunft Warum einige Menschen jahrelang auf einem Flughafen leben

Ein Passagier schläft auf einem indischen Flughafen
Ein Passagier schläft auf einem indischen Flughafen
© Indranil Aditya/ / Picture Alliance
Immer wieder greifen die Behörden Menschen auf, die auf einem Airport leben. Die Gründe, warum sie teilweise Jahre in diese Umgebung verbringen, sind aber sehr unterschiedlich.

Im Januar wurde auf dem O'Hara-Airport in Chicago ein Mann verhaftet. Der 36-jährige Aditya Singh hatte sich seit Oktober 2020 auf dem Gelände des Flughafens aufgehalten. Passanten gaben ihm Geld oder Essen, er nutzt die sanitären Einrichtungen und schlief in Ecken, die nur wenig frequentiert werden. Erst als er einigen Flughafenmitarbeitern auffiel und er sich nicht ausweisen konnte, flog er auf.

Warum leben Menschen wochen-, monate-, ja sogar jahrelang auf Flughäfen? Dieser Frage ist die Historikerin Janet Bednarek von der Universität in Dayton in einem Aufsatz nachgegangen, die sich vor allem mit Stadtplanung und Stadtgeschichte auseinandersetzt sowie der Geschichte der amerikanischen Luftfahrt.

Leben auf dem Airport

Dass es weltweit immer wieder zu diesen kuriosen Fällen kommt, hat wohl der Film "The Terminal" mit Tom Hanks in der Hauptrolle publik gemacht. Die Story des Filmes ist zwar fiktiv, aber angelehnt an eine wahre Geschichte – nämlich der von Mehran Karimi Nasseri. Der iranische Geflüchtete war 1988 über Belgien und Frankreich auf dem Weg nach England. Doch dann verlor er seine Papiere und hing fest. Nach England gelangte er nicht, nach Frankreich konnte er nicht einreisen. Also blieb er auf dem Airport. Sein Fall wurde in Europa zunehmend problematisch, doch auf das Angebot, nach Frankreich einzureisen, wollte er nicht eingehen. Er befürchtete, dann nie nach England zu gelangen. Und so blieb er auf dem Airport, fast 18 Jahre lang. Erst 2006 verließ er den Flughafen, als sein schwindender Gesundheitszustand einen Krankenhausaufenthalt nötig machte.

Dass Geflüchtete am Airport stranden, passiert immer wieder. Der wohl bekannteste ist Edward Snowden, der als Whistleblower die USA verlassen musste und rund einen Monat auf einem russischen Airport blieb, bis er dort Asyl erhielt. Ein weiterer Fall ist der von Sanjay Shah, der zwar einen britischen Pass für ausländische Staatsbürger besaß, aber mit diesem nicht von Kenia nach England einreisen durfte. Die Behörden verweigerten dies. Also wurde er wieder zurück nach Kenia geschickt, doch seine kenianischen Papiere hatte er höchst offiziell aufgegeben. Für 400 Tage lebte er auf dem Airport, bis er endlich ohne weitere Probleme nach England einreisen konnte. 

Corona lässt Menschen stranden

In der jüngsten Zeit gab es vor allem durch de Corona-Pandemie immer wieder gestrandete Reisende. So flog der Este Roman Trofimov im März 2020 von Bangkok nach Manila, ohne zu wissen, dass die Einreise aufgrund von Corona-Bestimmungen auf den Philippinen untersagt worden war. Trofimov verbrachte über 100 Tage auf dem Flughafen von Manila, bis das Personal der estnischen Botschaft ihm endlich einen Platz auf einem Rückführungsflug verschaffte.

Doch wie kann ein Leben auf dem Airport gelingen? Flughäfen seien wie "Ministädte", erklärt Professor Bednark. Es gebe Orte zum Beten für alle Weltreligionen, es gebe eine Polizei, die für Ordnung und Sicherheit sorgt, es gebe Hotels, Restaurants und Entertainment. Alles, was der Mensch brauche, würde es auch am Airport geben. "Es ist möglich, auf Flughäfen zu leben, da sie viele der grundlegenden Annehmlichkeiten bieten, die zum Überleben erforderlich sind: Nahrung, Wasser, sanitäre Einrichtungen und Unterkünfte", so Bednark weiter. Dazu kommt, dass Flughäfen so groß seien, dass diejenigen, die sich entschlossen haben zu bleiben, auch Verstecke finden – so wie der blinde Passagier in Chicago.

Flughäfen seien sehr lange im Betrieb, von morgens früh bis spät in die Nacht. Dort mit der Masse zu verschmelzen und unterzutauchen, sei kein Problem, so Bednark. Der Airport O'Hara habe vor der Pandemie rund 1,5 bis 2,5 Millionen Passagiere am Tag abgefertigt, so die Historikerin weiter. Erst durch Corona sanken die Zahlen. Dass der Mann auf dem Airport dennoch im Januar aufgeflogen ist, ist für sie nur logisch: Nachdem im Herbst die Passagierzahlen wieder gestiegen waren, brachen sie mit der neuen Coronawelle Anfang 2021 in den USA wieder mächtig ein. Und der Mann fiel plötzlich auf.

Obdachlose leben auf dem Airport

Neben den gestrandeten und den sich versteckenden Bewohnern gebe es noch eine Gruppe, so Bednark: Die Obdachlosen. Es gebe eine lange Geschichte der Obdachlosigkeit in den USA, doch die Gentrifizierungswelle der 1980er Jahre und Haushaltskürzungen im Sozialen haben diese Entwicklung verschärft. " In diesem Jahrzehnt beginnen die Geschichten von Obdachlosen, die auf Flughäfen wohnen", so Bednark. 

Eine Kameraaufnahme zeigt eine Mitarbeiterin und einen Passagier bei der Securitykontrolle am Flughafen

Im Jahr 1986 schrieb die "Chicago Tribune" über Fred Dilsner , einen 44-jährigen ehemaligen Buchhalter, der seit einem Jahr auf den Airport O'Hare in Chicago lebte. Laut dem Artikel seien Obdachlose 1984 zum ersten Mal am Flughafen aufgetaucht, zwei Jahre später sollen es rund 20 Personen gewesen sein. Bei kalten Winterwetter sogar bis zu 200 Menschen. Diese Entwicklung habe sich bis heute weiter fortgesetzt, so Bednark. und die Pandemie habe die Situation von Wohnungslose nur weiter verschärft. 

kg

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