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Verkehrsunternehmen: Masken für Mitarbeiter, Türen gesperrt, Reinigung: So gehen Bahn, Flixbus, BVG und Co. mit dem Coronavirus um

Weit über 30 Millionen Menschen benutzen Tag für Tag öffentliche Verkehrsmittel. Auch in Zeiten des Coronavirus sind sie unverzichtbar, um von A nach B zu gelangen. Wie gehen die Verkehrsunternehmen mit Sars-CoV-2 um? Der stern hat nachgefragt.

Bus- und Bahnunternehmen in Deutschland stellen sich auf das Coronavirus ein

Bus- und Bahnunternehmen in Deutschland stellen sich auf das Coronavirus ein (Symbolbild)

DPA

Der Griff an der S-Bahn-Tür, die Haltewunschtaste im Bus, der Handlauf an der Rolltreppe zur U-Bahn und nicht zuletzt die Mitreisenden – wer mit Bus und Bahn in Deutschland unterwegs ist, läuft an unzähligen Stellen Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Wie groß diese Gefahr allerdings tatsächlich ist, ist unklar. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine Übertragung über Oberflächen zwar grundsätzlich "denkbar". "Aufgrund der relativ geringen Stabilität von Coronaviren in der Umwelt ist dies aber nur in einem kurzen Zeitraum nach der Kontamination wahrscheinlich", erklärte das Institut auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP.

Schutz vor Coronavirus in Bus und Bahn

Dennoch: Laut Bundesverkehrsministerium nutzen deutlich mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland täglich öffentliche Verkehrsmittel und kommen sich dabei mitunter – freiwillig oder unfreiwillig – sehr nahe. Ideale Bedingungen also, um ein Virus per Tröpfcheninfektion weiterzuverbreiten. Die empfohlenen Hygienemaßnahmen sollten daher unbedingt eingehalten werden (sehen Sie hier im Video, wie Sie sich vor einer Ansteckung aktiv schützen können).

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland führen bei der Deutschen Bahn zu einem Einbruch bei den Fahrgastzahlen. In der ersten Märzwoche seien ein Viertel weniger Passagiere in den Fernzügen unterwegs gewesen als im Vorjahreszeitraum, berichtete Fernverkehrsvorstand Michael Peterson im Tourismusausschuss des Bundestags laut Nachrichtenagentur Reuters. Für die laufende Woche erwartet die Bahn demnach einen weiteren Rückgang um 40 Prozent. In den beiden ersten Monaten des Jahres waren die Zahlen nach der Mehrwertsteuersenkung noch kräftig gewachsen. Ob auch im Regionalverkehr und bei städtischen Nahverkehrsgesellschaften ähnliche Rückgänge zu verzeichnen sind, ist noch nicht bekannt.

In einer repräsentativen Forsa-Blitzumfrage im Auftrag der Fernsehsender RTL und N-TV gaben 83 Prozent der Befragten, die zumindest hin und wieder mit Bus und Bahn fahren, an, nicht auf öffentliche Verkehrsmittel zu verzichten. 17 Prozent meiden sie demnach derzeit bewusst.

Der stern hat bei der Deutschen Bahn, bei Flixbus und bei den größten Verkehrsunternehmen der vier Millionenstädte Berlin, Hamburg, München und Köln nachgefragt, was sie in ihren Bussen und Bahnen unternehmen, um einer Ausbreitung von Sars-CoV-2 entgegenzuwirken.

Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn setzt in ihren Fernzügen auf gründlichere Säuberung. "Die mobilen Reinigungsteams werden wir nochmals verstärken und die Intervalle der Unterwegsreinigung von vier auf zwei Stunden verdichten", teilte ein Unternehmenssprecher mit. Dazu werde die Bahn in den kommenden Wochen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Bahnpersonal soll auch sicherstellen, dass Seifen- und Desinfektionsmittelspender in den Zügen immer befüllt sind – denn die Fahrgäste achten offenbar verstärkt auf ihre Handhygiene: "Der Verbrauch von Seife und Desinfektionsmitteln ist um bis zu 20 Prozent gestiegen", so der Sprecher weiter.

In den vergangenen Wochen gab es bereits mehrfach Züge, die wegen eines Verdachts auf Coronavirus-Infektion bei Fahrgästen angehalten wurden. In solchen Fällen greifen besondere Maßnahmen: Eine Allgemeinverfügung der Bundespolizei verpflichtet die Deutsche Bahn und andere Schienenverkehrsunternehmen, solche Verdachtsfälle "unverzüglich" der Bundespolizei zu melden, damit diese in Zusammenarbeit mit den örtlich zuständigen Gesundheitsbehörden das weitere Vorgehen abstimmen kann. Zudem müssen Fahrgäste, die Kontakt zu dem möglicherweise infizierten Passagier gehabt haben könnten, eine sogenannte Aussteigekarte mit Angaben zur Person und zur Zugverbindung ausfüllen. So soll sichergestellt werden, das mögliche Ansteckungsketten nachvollzogen werden können.

Um ihr Personal für solche Situationen zu rüsten, verteile die Deutsche Bahn 100.000 Mundschutzmasken an "fahrende Mitarbeitergruppen", so der Sprecher weiter. Das Ziel sei, die Einschränkungen für die Kunden so gering wie möglich zu halten, aber: "Sicherheit und Gesundheit gehen vor!" Einige Verbindungen ins europäische Ausland sind bereits eingeschränkt.

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Flixbus

Das Unternehmen Flixmobility beherrscht mit seinen giftgrünen Bussen den Fernbusmarkt in Deutschland, betreibt dazu drei Fernzuglinien. Für letztere gilt dieselbe Allgemeinverfügung der Bundespolizei wie für die Deutsche Bahn. Ein solches Verfahren gelte auch für die Busse, teilte ein Unternehmenssprecher mit. Darüber hinaus werden alle Busse "nach jeder Fahrt mit anti-viralen Mitteln desinfiziert", an Bord der Fahrzeugen soll für die Reisenden Handdesinfektionsmittel bereitstehen. Alle Mitarbeiter seien angewiesen, die Hygieneregeln des Robert-Koch-Instituts zu befolgen. Sollten weitere Maßnahmen nötig sein, sichert das Unternehmen zu, "Weisungen und Empfehlungen schnell umzusetzen". Man stehe in ständigem Austausch mit den Behörden und den Partnerunternehmen, die unter anderem für die Marke Flixbus Fahrzeuge und Fahrer stellen.

BVG in Berlin

3,5 Millionen Berliner fahren täglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in der Hauptstadt, den größten Teil transportieren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit ihren U- und Straßenbahnen, Bussen und Fähren. Die Fahrzeuge werden nach wie vor einmal täglich gereinigt, besondere Desinfektionsmaßnahmen hat das Unternehmen aber nicht ergriffen. "Sobald der erste Fahrgast wieder eine Haltestange anfasst, wäre die Wirkung dahin", sagte BVG-Pressesprecherin Petra Nelken im Gespräch mit dem stern. Man wolle die Kunden nicht in falscher Sicherheit wiegen und setze auf Eigenverantwortung. "Abstand halten, regelmäßiges und gründliches Waschen der Hände, in die Armbeuge niesen und husten – diese Empfehlungen gelten auch bei uns." Auf die Hygieneempfehlungen werden die Passagiere auch im "Berliner Fenster", dem Fahrgastfernsehen, in mehreren Sprachen hingewiesen.

Im Ausland bewertet man die Desinfektionsfrage bisweilen anders. Beispielsweise werden in London nach Angaben der Transportdachorganisation Desinfektionsmittel eingesetzt, um Griffe oder Türen damit von Viren zu befreien.

Die BVG setzten noch auf eine andere Maßnahme: In den Bussen hat sie den eigentlich vorgeschriebenen Einstieg vorn beim Fahrer jetzt zur Vorbeugung verboten. "Damit soll die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung beim Fahrscheinverkauf und einem damit verbundenen Geldwechsel sowohl für die Fahrerinnen und Fahrer als auch für alle Fahrgäste minimiert werden", so Nelken. Zudem werde dadurch das Gedränge beim Einstieg geringer. Tickets müssen im Vorfeld der Fahrt gekauft werden, zum Beispiel am Automaten, per App oder in den Verkaufsstellen.

Hochbahn in Hamburg

Die Hamburger Hochbahn ist das größte Verkehrsunternehmen der Hansestadt, betreibt vier U-Bahn- und mehr als 100 Buslinien. Das Unternehmen stehe in engem Kontakt mit Behörden und dem Robert-Koch-Institut, erklärte eine Sprecherin. Mitarbeitern, die im Arbeitsalltag nur wenig Möglichkeiten haben, sich die Hände zu waschen, sei Desinfektionsmittel bereitgestellt worden. Darüber hinaus gelten die üblichen und bekannten Hygienemaßnahmen wie der Verzicht aufs Händeschütteln. Eine besondere Reinigung oder Desinfizierung von Zügen und Bussen findet auch in Hamburg nicht statt. Dies stelle der Hochbahn-Sprecherin zufolge "nach derzeitigem Kenntnisstand keine Maßnahme zum Schutz" dar – für die Zukunft wollte sie eine solche Maßnahme aber nicht generell ausschließen. Die Pandemiepläne des Unternehmens sehen auch dies vor – genauso wie "partielle Leistungseinschränkungen".

MVG in München

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), eine Tochter der Stadtwerke, hält es wie die Verkehrsunternehmen in Berlin und Hamburg: "Das Desinfizieren von Massenverkehrsmitteln, die unentwegt von Tausenden Menschen genutzt werden, ist nicht effektiv. Es böte medizinisch-infektiologisch keinen Vorteil", teilte ein Sprecher dem stern mit. Auch sein Unternehmen setzt auf die Eigenverantwortung der jährlich rund 600 Millionen Fahrgäste in den U-Bahnen, Trams und Bussen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen: "Die Beachtung von persönlichen Hygienemaßnahmen durch jeden einzelnen" sei ein "wirksamer Schutz", so der Sprecher. Darauf werden die Kunden ebenfalls im Fahrgastfernsehen, auf Infomonitoren an den Haltestellen und durch Aushänge hingewiesen.

Bei einem Teil der Fahrzeuge soll zudem das Infektionsrisiko technisch eingedämmt werden: "Wo es fahrzeugtechnisch möglich ist, werden die Türen der Fahrzeuge (durch den Fahrer) zentral geöffnet, so dass die Fahrgäste den Türtaster nicht selber betätigen müssen." Die Münchner Verkehrsbetriebe bewerteten die Lage im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 unter ärztlicher Beratung jeden Tag neu, hieß es weiter. Bei Bedarf würden weitere Schritte eingeleitet.

KVB in Köln

Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) prüfen nach Angaben des Unternehmenssprechers, "wie der Fahrerstand unserer Bus- und Stadtbahnfahrer noch besser geschützt werden kann". Nach Medienberichten wird unter anderem über Folien zum Schutz nachgedacht. Wie in anderen Städten greife auch bei den Verkehrsbetrieben der Domstadt ein Pandemieplan. Unter anderem seien die Mitarbeiter über das Vorgehen bei einem Verdachtsfall hingewiesen worden, zudem werde ihnen Desinfektionsmittel bereitgestellt.

Eine regelmäßige Desinfektion der Fahrzeuge sei allein schon aus Kapazitäts- und Personalgründen nicht möglich. Außerdem gelte: "Sobald Fahrgäste in eine desinfizierte Bahn einsteigen würden, hätte sich das Thema schon wieder erledigt." Sollte sich die Lage verschärfen, seien die Kölner Verkehrsbetriebe darauf eingestellt, einen Notfahrplan in Kraft zu setzen. Der Sprecher räumte – wie auch Vertreter anderer befragter Unternehmen – ein: "Einen wirksamen Schutz für unsere Fahrgäste können wir realistischerweise nicht gewährleisten."

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Quellen: Bundesverkehrsministerium, Deutsche Bahn, Allgemeinverfügung Bundespolizei, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Berliner Verkehrsbetriebe, Transport for LondonNachrichtenagentur Reuters, Nachrichtenagentur AFP

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