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Deutschland: "Man kann auch mit einem Scheunentor fliegen."

Der Heißluftballon ist das älteste Fluggerät der Menschheit. Doch das Steuern des Nachfolgers der 222 Jahre alten Montgolfière ist Wenigen vorbehalten - stern.de sprach mit dem Ballonfahrer Peter Arndt über faszinierende Aussichten, technische Details und Horrorszenarien im Korb.

Fährt man mit einem Heißluftballon oder fliegt man?

Man fährt. Es gibt mehrere Gründe für diese Bezeichnung. Die Experimente der Gebrüder Montgolfier im 18. Jahrhundert bildeten den Beginn der menschlichen Luftfahrt. Vorher gab es nur die Schifffahrt und daran hat man sich bei den Bezeichnungen nach der Entwicklung der Montgolfière orientiert. Die ersten Ballonfahrer sprachen von der Fahrt durch das Luftmeer, gesteuert von einem "Ballonkapitän". Seit dem letzten Jahrhundert spricht man vom Ballonfahrer.

Oder dem "Ballonpiloten"?

Dieses Wort hören wir Ballonfahrer gar nicht gerne, obwohl wir natürlich wie ein Flugzeugpilot auch eine Lizenz haben.

Die Gebrüder Montgolfier sagten schon im Jahre 1783, dass Ballons "in das Luftmeer entschweben". Bis heute hat sich an dem Fluggerät bis auf das Material der Hülle und die Brennertechnologie wenig geändert. Wie viel Nostalgie wohnt einem Ballonfahrer inne?

Viel Nostalgie, denn auch die Wetterbedingungen sind im Prinzip so geblieben wie vor 200 Jahren. Das Abenteuer auch, da wir Ballonfahrer völlig vom Wind abhängig sind - man weiß nie so genau, wohin er einen treibt. Mit dem Willen des Wetters respektvoll umzugehen, das macht den Sport so spannend. Der größte Fortschritt besteht heute darin, dass man dank des mitgeführten Brennstoffs eine viel größere Reichweite hat.

Wie sind Sie zur Ballonfahrt gekommen?

In der DDR gab es um den Ballonsport starke Restriktionen - Sie ahnen es, wegen der Fluchtgefahr. Nach der Wiedervereinigung hatte ich eine Spedition und reiste viel durch Deutschland. Manchmal, wenn ich dann mit meinem LKW im Stau stand, sah ich am Himmel einen Ballon - der hatte immer freie Fahrt. In Ungarn absolvierte ich meine erst Fahrt als Passagier, die sehr unsanft in der Nähe des Balatons endete. Ich habe mich nach diesem Erlebnis recht schnell zu einer einjährigen Ausbildung entschlossen, um es besser zu machen zu können.

Wie viel Geld kostet eine Ballonlizenz?

Zwischen 6000 und 7000 Euro. Dazu kommt noch das Equipment für den Ballon. Ohne Sponsor ist das kaum zu machen.

In Jules Vernes Erstlingswerk "Fünf Wochen im Ballon" von 1863 geht es um einige mutige Männer, die sich via Ballon auf die Suche nach den Nilquellen begeben. Wie viel von dem Entdeckergeist ist davon noch übrig?

Ein Ballonfahrer ist immer auf Achse. Er reist von Ballontreffen zu Ballontreffen. Mich hat es schon bis nach China verschlagen. Versteckte Plätze, neue Perspektiven - selbst auf die eigene Heimat - mit dem gemächlichen Tempo eines Ballons hat man einen ganz eigenen Blickwinkel. Nie werde ich das Panorama der schneebedeckten Gipfel der Alpen vergessen.

Wie entscheidend ist das Wetter für einen Ballonpiloten?

Die ganze Ausbildung ist darauf ausgerichtet. Der Ballonfahrer muss alle Wetterbedingungen und Jahreszeiten kennen lernen. Vor jeder Fahrt prüfe ich die Luftfahrtvorhersage des Deutschen Wetterdienstes und nehme zusammen mit anderen Ballonfahrern ein "Selbstbriefing" vor, in dem wir die aktuelle Wetterlage und Erfahrungen austauschen. Entsprechend der Windrichtung verlagern wir dann unsere Start- und Landezonen. Diese variiert in verschiedenen Höhen, nur durch Sinken und Steigen kann der Ballonfahrer dann die Richtung der Fahrt beeinflussen.

Warum finden Ballonfahrten am frühen Morgen oder späten Abend statt?

Dann sind die Wetterbedingungen am stabilsten und die Temperaturen noch kühl. Thermik beginnt meist zwei Stunden nach Sonnenaufgang und endet zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Mit Erwärmung der Erde wird die Luft instabil, riesige aufsteigende Luftblasen machen uns Ballonfahrern so zu schaffen, dass wir ihnen lieber ausweichen.

Jeder kennt das Horrorszenario einer vom Blitz pulverisierten Ballonhülle. Wann wird es richtig problematisch im Korb?

Bei Gewittern oder auch starken Regenschauern braucht man gar nicht ans Starten denken. Sicherheit hat bei Ballonfahrern immer Vorrang. Probleme bereiten uns zudem zu starker Wind oder Böen, da dadurch die Fahrt unkontrollierbar werden kann. Bei Großveranstaltungen wie der Ballonfiesta in Leipzig kann auch zu schwacher Wind zu einer Startabsage führen - man stelle sich nur vor, 100 Ballons über einer Großstadt müssten gleichzeitig Notlanden - das geht nicht.

Bei der Saxonia Balloon Fiesta in Leipzig werden Sie auch dicht besiedeltes Gebiet mit dem Ballon überfahren. Wie nah kommen Sie dabei den Dächern der Stadt?

Über freiem Feld müssen Ballonfahrer einen Abstand von 150 Metern über Grund waren. In Großstädten hat die Luftfahrtbehörde einen größeren Sicherheitsbereich vorgeschrieben. In Leipzig sind das 600 Meter über Grund. Da ein Ballon bei einer Landung eine Sinkbewegung von mehreren Kilometern durchmacht, werden diese Grenzen auch unterschritten. Dann erscheint er aus Hochhäusern und auch vom Boden zum Greifen nah.

Können Ballonfahrer einfach drauflosfahren, oder stehen sie in Kontakt mit den Flugleitstellen?

Ballons haben wegen ihrer Windabhängigkeit immer Vorfahrt am Himmel. In einem stärker frequentierten Luftraum wie in Leipzig stehen wir per Funk mit dem Tower in Verbindung, damit sich niemand ins Gehege kommt. Oft muss man eine Fahrt auch bei den Behörden vorher anmelden.

Die Hülle ihres Ballons hat eine ungewöhnliche Flaschenform. Bei der Balloon Fiesta werden auch Eistüten, Fuchsköpfe und Bierkästen starten. Inwiefern hat die Form Einfluss auf die Fahreigenschaften?

Die Form der Hülle ist zweitrangig. Im Prinzip kann man auch mit einem Scheunentor fliegen, wenn die Brennerleistung stimmt. Entscheidend für die Fahrt mit einer "special shape" (Spezialform), die in der Regel mehr Eigengewicht mitbringt, ist eine ausreichende Menge an Propangas. Außerdem muss in kürzeren Intervallen als bei der klassischen "Birnenform" Heißluft in den Ballon geblasen werden. Bei verrückten Formen wie der Eistüte, muss das Team vor dem Start in den Ballon steigen und die Hülle mit einem Handbrenner vorwärmen.

Für den Auftrieb benötigt ein Ballon viel Heißluft, die seit den 60er Jahren durch einen Gasbrenner erzeugt wird. Wie groß ist die Brandgefahr an Bord wirklich?

Der Ballon ist das sicherste Luftfahrtgerät. Wenn der Brenner seine Leistung von etwa 3500 PS bringt, erzeugt er genug Auftrieb für die 650 Kilo Eigengewicht und der Ballon hebt ab. Bei einem Flugzeug kann viel mehr kaputt gehen. Nur mit der fast 2000 Grad heißen Flamme muss man vorsichtig umgehen. Als die Ballonfahrt noch in den Kinderschuhen steckte, hatte sogar offenes Feuer mit an Bord, in dem man Stroh verbrannte. Das war richtig gefährlich und führte auch zu vielen Unfällen.

Und heute besteht wirklich keine Brandgefahr mehr ?

Das Gas strömt tiefgekühlt aus den Flaschen. Es verbrennt sofort in einer sechs bis sieben Meter langen Flamme. Die Hülle besteht aus hitzebeständigem und reißfestem Nylon. Die technischen Risiken sind also minimal. Die meisten Unfälle entstehen durch Unachtsamkeit an Bord. Wenn sich beispielsweise Fahrgäste an den Gasschläuchen festhalten und diese dann abreißen, fliegt einem alles um die Ohren. Ein erfahrener Ballonfahrer wird solchem Fehlverhalten immer vorbeugen und nie selbst an der Brennertechnik herumbasteln. Das sind die einzigen Unfallursachen, die mir bekannt sind.

Empfinden Sie den Brennerlärm während der Fahrt als störend?

Der tritt ja in der Luft nur intervallartig auf. Außerdem sind die modernen Brenner auch bei voller Leistung schon ziemlich "leise". Auch Fluggäste beschweren sich selten. Die herrliche Aussicht entschädigt sie locker. Wir Ballonfahrer sagen manchmal scherzhaft: "Ohne den Lärm würden wir ja abstürzen."

Am dritten Juli 2002 schaffte der 60-jährige US-Milliardär Steve Fossett die erste Allein-Nonstop-Weltumrundung in einem Ballon. Er brauchte dafür zwei Wochen. Finden Sie das bewundernswert oder übereifrig?

Jeder Ballonfahrer will sich von den anderen seiner Zunft abheben. Bei Fossett ist dieses Bedürfnis extrem ausgeprägt, trotzdem ziehe ich vor ihm meinen Hut. Er hat seinen Versuchen immer die Sicherheit immer in den Vordergrund gerückt. Darum scheiterte er auch beim ersten Weltumrundungs-Duell gegen Betrand Picard. Dann hat er es wieder versucht und die Weltumrundung ganz allein durchgezogen, was um einiges schwieriger ist und ihn auszeichnet.

Was sollten Interessenten für eine Ballonfahrt beachten? Kann jeder mitfahren?

Ich habe schon Passagiere von zwölf bis 90 Jahren an Bord gehabt. Gesundheit ist dabei wichtigste Voraussetzung. Menschen mit Flugangst, Herzschrittmachern oder Schwangere sollten besser am Boden bleiben. Ansonsten wird jeder ganz behutsam eingewiesen und kann dann auch schon während der Aufrüstphase mithelfen. Während der Fahrt ist dann für die Gäste Erholung und Fotografieren angesagt. Der spannendste Moment ist für Viele die Landung, wenn der Boden immer näher kommt und der Korb behutsam aufsetzt.

Und was sagen Sie denen die noch zaudern?

Ballonfahren ist das Schönste, was ich in meinem Leben je gemacht habe. Es gibt kein authentischeres Fluggefühl. Man ist regelrecht traurig, wenn einem das Wetter einen Start verhagelt. Ballonfahrer sind außerdem sehr entspannt und haben einen netten Umgang miteinander. Das merke ich auch immer in Leipzig. Jeder Fahrgast wird ordentlich getauft und gehört dann mit zur "Familie" dazu.

Warum wurde der Heißluftballon nie zum Massenfluggerät sondern zum Nischen- und Liebhaberstück?

Die größten Hindernisse für eine Massentauglichkeit sind begrenzte Reichweite eines Ballons, sowie die starke Wetterabhängigkeit. Aber der Außenseiter-Status des Ballons macht die Faszination für mich nur noch größer.

Nils Schmidt

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