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NDR-Bericht "Plötzlich tauchte neben mir der Lufthansa-Schriftzug auf" – Dutzende Beinahe-Crashs am deutschen Himmel

Flugzeuge am Himmel
Das Prinzip "Sehen und ausweichen" stößt an seine Grenzen (Symbolbild)
© Patrick Pleul / DPA
Solche Fälle können verheerend enden: Über Deutschland sind sich einem Bericht zufolge in den vergangenen vier Jahren Flugzeuge über 170-mal gefährlich nahe gekommen – auch weil Piloten einfach den Weg abkürzen.

Im deutschen Luftraum sind sich in den vergangenen vier Jahren Flugzeuge über 150-mal potenziell gefährlich nahe gekommen. Das berichtet der Norddeutsche Rundfunk (NDR) unter Berufung auf Zahlen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU).

Das Gros der Fälle geht demnach auf Warnungen von automatischen Kollisionswarnsystemen zurück, die in Verkehrsflugzeugen bei zu große Annäherung Alarm schlagen.

Piloten nehmen wegen Zeitdrucks Abkürzungen

Ist es zu eng am Himmel über Deutschland? Das ist dem Bericht zufolge nur eine der Ursachen für die Beinahezusammenstöße. Die weiteren: inkompatible Kollisionswarnsysteme großer und kleiner Flugzeuge, fehlende Funktechnik bei Privatfliegern und Verkehrspiloten, die Abkürzungen nehmen und dabei in Bereiche vordringen, die zum Beispiel Segelfliegern vorbehalten sind. Zeitdruck gilt als Grund dafür.

Ein Beispiel für eine Beinahekollision: Im Juli 2019 ist Schleswig-Holstein möglicherweise nur knapp einer Katastrophe entgangen. Eine Segelfliegerin schilderte dem Sender, dass ein Airbus ihr gefährlich nahe gekommen sei: "Plötzlich tauchte neben mir ein großer Schriftzug Lufthansa auf, in etwa 40 bis 60 Metern Entfernung", beschrieb sie. 175 Menschen waren an Bord der Maschine – doch einen Fehler haben offenbar weder die Segelfliegerin noch der Lufthansa-Pilot gemacht. Aufgrund unterschiedlicher Warnsysteme konnten sich die beiden Flugzeuge nicht wahrnehmen, so der NDR.

Das Prinzip "Sehen und ausweichen" funktionierte in dem Fall noch, es stoße jedoch aufgrund des vollen Luftraums mehr und mehr an seine Grenzen, erklärte Christoph Strümpfel vom Institut für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität Berlin im Gespräch mit dem Sender. Der Gesetzgeber sei gefordert, neue Regeln zu erlassen.

Offiziell wurden die aktuellen Zahlen der BFU noch nicht veröffentlicht. Von 2010 bis 2015 allerdings verzeichnet die Behörde insgesamt 54 Unfälle, schwere Störungen oder normale Störungen durch zu geringen Abstand zwischen zwei Flugzeugen, dazu 436 "nicht weiter untersuchungswürdige" Ereignisse.

Wie verheerend es sein kann, wenn sich Flugzeuge zu nahe kommen, zeigt die Flugzeugkollision von Überlingen am Bodensee am 1. Juli 2002. Seinerzeit stießen ein Passagiermaschine der Bashkirian Airlines und eine Frachtflugzeug von DHL in der Luft zusammen. 71 Menschen starben, davon 49 Kinder – der bislang schlimmste Flugunfall in der bundesdeutschen Geschichte. Technische und menschliche Fehkler eines Piloten und bei der Flugsicherung führte die BFU damals als Ursachen auf. Einen Alleinschuldigen benannte die Behörde nicht.

Quellen: Norddeutscher Rundfunk, Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (1), Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (2)

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wue

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