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Tourismus in der Krise Kreuzfahrtschiffe günstig abzugeben – notfalls zum Schrottwert

Verschrottung im türkischen Aliağa: Die "Carnival Imagination" wird  in wenigen Sekunden neben zwei Schwesternschiffen bei der Abwrackwerft auf Grund gesetzt.
Verschrottung im türkischen Aliağa: Die "Carnival Imagination" wird  in wenigen Sekunden neben zwei Schwesternschiffen bei der Abwrackwerft auf Grund gesetzt.
© Screenshot Youtube Rare Stone
Käufer verzweifelt gesucht: Statt immer neue Schiffe zu taufen, verkleinern die Reedereien durch die Corona-Krise ihre Flotten. Verkauf und Verschrottung haben auch einen positiven Nebeneffekt.

Es hat auf beiden Seiten Rumms gemacht, als am 16. September die "Carnival Imagination" ihren letzten Hafen erreichte: Aliağa an der türkischen Westküste. Der Ort ist zur Zeit der Schlachthof für Kreuzfahrtriesen. Unter lautem Dröhnen des Schiffshorns krachte das US-Kreuzfahrtschiff ans Ufer der Abwrackwerft und schrammte auf der Steuerbordseite die "Carnival Fantasy". Dem Schwesterschiff wurde bereits mit Schneidbrenner der Bug abgetrennt.

Gleich drei ungefähr 25 Jahre alte und mehr als 260 Meter lange Schiffe der Carnival Cruise Line werden dort nebeneinander zerlegt. Anfang des Jahres schipperten sie noch mit Passagieren durch die Karibik. Jetzt haben sie nur noch Schrottwert - die Kreuzfahrtbranche benötigt dringend liquide Mittel und tauscht alte Schiffe gegen Cash ein.

Arbeitslos: 400 Kreuzfahrtschiffe und Besatzungen

Seit einem halben Jahr dümpeln sie auf hoher See, haben den Anker geworfen und liegen auf Reede in internationalen Gewässern: ungefähr 400 Kreuzfahrtschiffe weltweit. Immer wieder wurde ein Neustart der Branche um weitere Monate nach hinten verschoben. Nur eine Handvoll Luxusliner sind zu ersten Testfahrten unter verschärften Hygienebestimmungen aufgebrochen.

Die außer Betrieb genommenen Kolosse verursachen den Reedereien hohe Kosten. Dringend benötigtes Geld wird kaum noch in die Kassen gespült, weil sich die Kunden zurückhalten. Die Veranstalter sind eher mit Umbuchungen beschäftigt. Sie vertrösten potentielle Kreuzfahrtgäste auf das kommende Jahr und planen lieber Routen für die Saison 2022.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Orderbücher der wenigen auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisierten Werften sind voll. Immer größere aber auch zum Teil mit dem schadstoffärmeren Flüssiggas betriebene Neubauten sollen bald die Flotten ergänzen.

Kein Cash für Neubauten

Seit Jahren war die Branche auf Wachstum programmiert. Jetzt lautet der Befehl auf der Brücke nicht mehr "volle Kraft voraus", sondern "volle Kraft zurück". Mit den Werften wird über eine verzögerte Übernahme der Neubauten verhandelt. So werden die Aufträge für die Meyer Werften bis zum Jahr 2025 gestreckt. Den Auftraggebern fehlt schlicht das Geld, das bei einer Übergabe an die Reedereien fällig wäre.

Als Sparmaßnahme trennen sich die Reedereien von einem Teil ihrer Flotten, insbesondere von älteren Schiffen. So sehr die Firmen sonst um Aufmerksamkeit für Schiffstaufen buhlen, so zugeknöpft geben sich die PR-Abteilungen, wenn es um das Thema "Ausflottung" geht.

Doch die Carnival Corporation, das größte Kreuzfahrtunternehmen der Welt, zu dem unter anderem die Marken Aida Cruises, Carnival Cruise, Cunard, Holland-America Line, P&O Cruises und Costa Crociere gehören, hat jetzt angekündigt, sich von mehr als einem Dutzend Schiffen zu trennen. "Wir sind dabei, 18 Schiffe aus unserer globalen Flotte zu entfernen", sagte der Carnival-Pressesprecher Roger Frizzell der "Washington Post".

Die "MS Rotterderam" der Holland-America Line wird von Fred. Olsen Cruise Lines übernommen
Die "MS Rotterderam" der Holland-America Line wird von Fred. Olsen Cruise Lines übernommen

"Angesichts unserer Kreuzfahrt-Pause haben wir unseren Fahrplan geändert, um uns von älteren, weniger effizienten Schiffen zu trennen. Wir haben bereits mehrere Schiffe verkauft und verhandeln derzeit über weitere."

Zur Abwrackwerft nach Aliağa

So gehen die 23 Jahre alte "MS Rotterdam" und das knapp 20 Jahre alte Schwesternschiff "MS Amsterdam" von der Holland-America Line an Fred. Olsen Cruise Lines. Weiter wurde bekannt, dass die "Neoromantica" von Costa Crociere ihren Besitzer gewechselt hat und ab Frühjahr 2021 unter dem Namen "Celestyal Experience" für die zypriotische Reederei Celestyal Cruises fahren wird.

Die 24 Jahre alte "Costa Victoria" wird jetzt in Piombino abgewrackt
Die 24 Jahre alte "Costa Victoria" wird jetzt in Piombino abgewrackt
© Picture Alliance

Die 1996 auf der Vulkanwerft in Bremen gebaute "Costa Victoria" dagegen hat keinen Käufer gefunden: Das weiße Schiff mit den gelben Schornsteinen machte zum italienischen Hafen Piombino die letzte Reise, wo mit der Firma Piombino Industrie Marittime der "Schiffsabdecker" droht. Soweit einige Eigner-Wechsel in der Carnival-Gruppe.

In Deutschland hat FTI Cruises ihr einziges Schiff, die "MS Berlin", an Dreamliner Cruises auf Malta veräußert. Das ehemalige Traumschiff der gleichnamigen ZDF-Serie soll zur riesigen Luxusyacht umgebaut werden. Wie auch in anderen Fällen heißt es: "Über die Kaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart."

Zeit für Schnäppchen

Welchen Wert ältere Schiffe im Moment tatsächlich haben, darüber kann nur spekuliert werden. In der Branche kursieren viele Gerüchte über mögliche Eigentümerwechsel. Die durch den Ausbruch der Pandemie verursachte Zwangspause der Kreuzfahrt hat den Preisen für gebrauchte Schiffe alles andere als Auftrieb gegeben. Jetzt können kleine Kreuzfahrtanbieter so günstig wie nie ihre Flotten verjüngen und so manches Schnäppchen machen.

Fest steht, dass für Neubauten von großen Flaggschiffen bis zu einer Milliarde Euro fällig werden. Da kommt ein umgerüstetes Schiff inklusive Frischzellenkur günstiger. Aber ein Schiffstypus aus den 1990er Jahren, der damals ohne Balkonkabinen vom Stapel lief, lässt sich auch mit millionenschweren Investitionen kaum noch liften.

Da bleibt nur die letzte Reise zur Abwrackwerft. In Aliağa werden dieser Tage nicht nur die "Fantasy", "Inspiration" und "Imagination" von Carnival Cruises zerlegt und im benachbarten Hochofen der Stahl recycelt, sondern auch zwei von drei Schiffen von Pullmanturs, der einzigen spanischen Kreuzfahrtreederei. Die musste im Juni Insolvenz anmelden und lässt die "Sovereign" und "Monarch" ebenfalls in Aliağa verschrotten.

Einen Vorteil haben die jetzt verstärkt aus dem Verkehr gezogenen Veteranen: Die durch die Corona-Krise vorgezogene Verschrottung älterer Kreuzfahrtschiffe stellt einen konstruktiven Beitrag für den Umweltschutz dar.

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