Laos Wo Buddha wohnt


In Laos ist das Leben ein langer, meist ruhiger Fluss. Mit dem flimmernden Blattgold der Schreine und den herzlichen Einwohnern ist Luang Prabang, die alte Königsstadt, das Kronjuwel des Landes
Von Wolfgang Röhl

Das Café Joma liegt an der Hauptachse der Stadt. Eine kleine Terrasse geht zur Straße raus. Die Wände innen schick verwaschen, die Holzmöbel schwer, als hätte man sie direkt aus dem Tropenwald gefräst. Aber auch weiche Sessel, in denen sich reisendes Jungvolk breitmacht, Routen plant, Traveller-Bibeln wie den "Lonely Planet" studiert. Bestellt und bezahlt wird am Tresen, wo die Speisen auf einer Schiefertafel angeschrieben sind. Eine nette Kellnerschar mit roten Baretten serviert. Zum Beispiel den besten Cappuccino östlich von Milano, herzhafte Quiche, einen süchtig machenden Taco-Salat. Szeniger Hang-out, das Joma. Könnte am Berliner Prenzlberg stehen. Bloß, dass es sich ungefähr 8700 Kilometer Luftlinie östlich von Deutschland befindet. Genauer gesagt, in der Mitte von nirgendwo. Kurz, in Luang Prabang.

Luang was? Es stimmt, der Ortsname klingt irgendwie virtuell. Hört sich nach einem "Indiana Jones"-Film an mit einer ewig kreischenden Blondine und jeder Menge ekligem Gewürm. Doch die 70.000-Einwohner-Stadt, zwei Propellerflugzeugstunden von Bangkok und eine von Hanoi entfernt, existiert sehr konkret. In einem Talkessel der unwegsamen laotischen Bergwelt gelegen, ist sie ein Touristenmagnet geworden, west-östlicher Diwan für immerhin Zehntausende Besucher im Jahr. Hotels, Guest Houses, Läden, Lokale, Touren- Veranstalter - ein regelrechter Boom hat die vormals verschlafene Königsstadt am Mekong-Fluss wachgerüttelt. Er begann 1995, als die Unesco die Stadt auf die Liste des Weltkulturerbes setzte. Ein Ritterschlag, der einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommt. Der Status "World Heritage" lockt überall auf der Welt betuchte Kulturfolger an.

Luang Prabang genießt ihn mit Fug und Recht. Mehr als dreißig Wats - buddhistische Tempel - auf fußläufigem Raum, das sei, behaupten Kenner, die höchste Klosterdichte der Welt. Jede Menge golden glänzende Pagoden mit gestaffelten, fast bis zum Boden gezogenen Schindeldächern, dem Baustil des nördlichen Laos. Verwitterte glockenförmige Stupas, Grabmonumente; mit Ornamenten und Reliefs gespickte Mauern. Sakral anmutende Buddha-Statuen sind ebenso zu besichtigen wie comicartige Skulpturen eines fetten, zufrieden grinsenden Erleuchteten.

"Tuk-tuk, Sir?" So lautet das Mantra von Luang Prabang. Es verfolgt einen wie das Summen der Mönche und das Krähen der Hähne, die unter Bastkörben gehalten werden. Ein Tuk-Tuk ist eine bunt bemalte, offene Kutsche, die von einem knatternden Zweitaktmotor bewegt wird - daher der Name. Aus modernen asiatischen Metropolen sind die Tuk-Tuks fast verschwunden. Und mit ihnen ihre charakteristischen Benzin-Öl-Ausdünstungen, die sich zusammen mit schwülfeuchter Wärme, Garküchengeruch und einem Hauch von Verrottung zum Parfüm Südostasiens verdichten. In Luang Prabang wabert er noch durch die Straßen, dieser olfaktorische Genuss. Hier oben gibt es sogar noch ehrwürdige Motorradrikschas, uralte Hondas mit selbst gebastelten, überdachten Seitenwagen. Was so alles auf eine einzige Rikscha passt - Menschen, Tiere, Lasten -, könnte glatt eine Wette bei Gottschalk abgeben.

Mit der Rikscha durch die Stadt

Ihr Kern liegt auf der Halbinsel zwischen dem Mekong und seinem Nebenfluss Nam Khan. Das Zentrum besteht aus drei, vier parallel verlaufenden Straßen, an denen alte Holzhäuser stehen, die nun Rucksacktouristen beherbergen, wo offene Läden sexfreie Massagen offerieren, wo Villen mit dem bröselnden Charme der französischen Kolonialzeit in der Hitze brüten, wo Restaurants wie "Le Papillon" Froschschenkel in Butter und Kräuter braten, dazu Wein einschenken aus dem verflossenen, na ja, "Mutterland". Auch einige der schönsten Wats siedeln hier. Wat Xien Thong, fast an der Spitze der Halbinsel, ist der meistbesuchte. Der liegende Buddha aus der kleinen Kapelle hat schon Miles and More auf dem Buckel - er war anno 1931 die Attraktion der Pariser Kolonialausstellung. Mosaike an den Mauern illustrieren eine spannende Legende, die auch eine Soap sein könnte.

Die fleckigen Mauern und das von Regengüssen gezeichnete Schindeldach des Haupttempels wirken viel authentischer als die blitzblanken, quietschbunten Tempel in Bangkoks Wat-Phra-Keo-Bezirk. Ist ja auch ein genuines Teil, dieser Xieng Thong: Erbaut 1560, blieb er als einziger Wat von den Verwüstungen der chinesischen Räuberbanden vom Stamme Ho verschont; angeblich, weil deren Anführer dort selbst als Mönch gelebt hatte. Die Gräuel der Ho sorgten mit dafür, dass die Franzosen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ganz Laos elegant zur Kolonie machen konnten. Als Gegenleistung für die Banditenabwehr musste ihnen der laotische König in Luang Prabang den Status von "Protektoren" einräumen.

Gedämpfte Aura

Heute umgibt den Tempelkomplex eine gedämpfte, fast meditative Aura, der selbst reichlicher Touristenbesuch nichts anhaben kann - wer Tempel liebt, hat meistens Manieren. Laut wird es höchstens mal, wenn gruppenweise Chinesen oder Koreaner anrücken, die Nervensägen der fernöstlichen Sightseeingplätze. Manchmal gesellen sich in rotes Tuch gewickelte Mönche oder Novizen zu den Fremden, um ihr aus Büchern erlerntes Englisch in sanfter, singender Tonlage zu testen. "May I intloduce myself?"

Am Sene-Tempel ganz in der Nähe wirft üppiges Golddekor das Sonnenlicht dermaßen in die Kamera zurück, dass die Blende sich ruckartig verengt. Ein vergleichbares Prachtstück protzt auf dem Gelände des Goldenen Palastes, der 1904 für den vorletzten König von Laos erbaut wurde. Im Königssitz - drei Dollar kostet der Besuch – darf nicht fotografiert werden. Eine Wohltat. Schuhlos durch prunkvolle Empfangsräume zu wandeln, die - vergleichsweise bescheidenen - Privaträume der Royals zu inspizieren, den Thronsaal, Orgie in Goldlametta und rotem Plüsch, einfach nur zu bestaunen, ohne dabei vom immerwährenden Blitzegewitter aus Touriknipsen (inklusive der eigenen) belästigt zu werden - eine feine Sache.

Bizarr, wie die Regierung, die sich offiziell immer noch sozialistisch geriert, mit dem Palast im Herzen der Stadt punktet. Als Laos - wie auch Kambodscha - 1975 faktisch unter die Fuchtel eines Marionettenregimes fiel, das die siegreichen Nordvietnamesen etabliert hatten, musste König Sri Savang Vatthana zurücktreten. Anfangs von den neuen Herren noch gelitten, verschwand er zwei Jahre später mitsamt Königin und Kronprinz in einem der berüchtigten "Umerziehungslager", wo die Familie entweder ermordet wurde oder unter den dort herrschenden Bedingungen starb. Die finale Andeutung über ihr Schicksal kam 1989 vom damaligen laotischen Premier und las sich so: "Wir alle sind sterblich."

"Seit 50 Jahren lebt Laos über seine Verhältnisse"

Das Leben geht gemächlich seinen Gang in Luang Prabang, aber längst nicht mehr den sozialistischen. Knallrote Hammer-und-Sichel-Embleme, die hier und da noch an Bars oder Reisebüros hängen, haben reinen Signalcharakter. Was nicht heißt, dass es hier - Boom hin oder her - plötzlich turbokapitalistisch zuginge wie im benachbarten "Bruderland" Vietnam, wo das Wachstum sich überschlägt. Schon gar nicht läuft alles so geölt und perfekt wie beim südlichen Nachbarn Thailand, der Laos in der Entwicklung gut 30 Jahre voraus ist.

Laoten stellten nie die Robotniks Asiens. Viele Jahre profitierten sie vom Kalten Krieg, nahmen von wechselnden Verbündeten, was immer sie kriegen konnten - von den Russen ebenso wie von Amis und Chinesen. Handaufhalten sei ihre typische Geste, lästern westliche Diplomaten, ebenso wie die Kunst des geschickten Sich-arm-Rechnens, um weiterhin an internationale Hilfsgelder zu kommen. Entwicklungsexperten bezeichnen das Land als "overaided". "Seit 50 Jahren lebt Laos über seine Verhältnisse", sagt Michael Schultze. Viele Jahre betreute er Hilfsprojekte im Land des tatenfreien Lächelns und hat ihm einen liebevollen, nicht unkritischen Reiseführer gewidmet.

Feilschen, Flanieren und Dinieren

Der etwas schluffige Nationalcharakter hat auch schöne Seiten. So gibt es keine aggressiven Schlepper und Nepper, kaum betrügerische Kellner oder aufdringliche Händler. Allzu zähes Feilschen auf den Märkten ist nicht laotisch. Wer Fremden etwas anbietet - "Tuk-Tuk, Sir?" -, tut das einmal und nicht öfter. Über Luang Prabangs Märkte und Straßen flaniert es sich aufs Entspannteste. Und es diniert sich aufs Köstlichste - Mekong-Fisch! - in einem der vielen Lokale am Ufer, Blick auf den breiten, lehmbraunen Ol’ Man River, dessen Untiefen lange, aber erstaunlich leise Boote umschiffen. An den fruchtbaren Bänken des Mekong reiht sich Gemüsebeet an Gemüsebeet. Eine stete Brise sorgt auf den Terrassen der Flusslokale für Kühlung. Ab und zu schaukelt eine gemütliche ATR 72 aus Vientiane - beziehungsweise aus Vietnam oder Thailand - über die Spitzen von Wats und Palmen, im Anflug auf das Flugplätzchen vor der Stadt. Alles sehr überschaubar.

Weltkulturerbe und Tourismus

"Manche Einwohner verfluchen inzwischen die Sache mit dem Weltkulturerbe", sagt Herr Kong, ein lokaler Reiseführer. Wie das? "Wer ein Haus in der besonders geschützten grünen Zone hat, ist angeschmiert, weil er es nicht fürs Touristengeschäft ausbauen darf ", sagt Kong. Er leitet das Büro von Savanh Banhao Travel, das sich auf deutsche Besucher spezialisiert hat. "Erst kamen hauptsächlich Franzosen. Dann immer mehr Amerikaner, und jetzt entdecken die Deutschen Luang Prabang. Voriges Jahr haben wir allein 2000 deutsche Gäste betreut." Herr Kong hat bis 1996 in Leipzig Philosophie studiert, was ihm hier nur bedingt nützt. Er beschäftigt vier deutschsprachige Guides und sucht händeringend Verstärkung: "Wir haben sogar an der Uni in der Hauptstadt Zettel geklebt."

Was macht den Ort so populär, dass er sich zu einem Muss für Südostasienfans entwickelt? Schwer erklärbar. Ho-Chi-Minh-Stadt ist quirliger, Colombo urtümlicher, Angkor erhabener, Bagan bedeutender, Bangkok aufregender. Aber auf der illuminierten Terrasse der fabelhaften Luang Prabang Bakery sitzen, einem Logenplatz schräg gegenüber vom Tiger-Trail-Reisebüro an der Sisavangvong Road, das hat ein eigenes Flair. Hier verläuft die sogenannte Ausländermeile, hier kann man beim Fruit Daiquiri oder Campari Orange den allabendlichen Auftrieb beobachten.

Voll der Zoo!

Ziegenbärtige Aussie-Boys mit Lederhüten und Cargohosen, die es nach 20-stündiger Busfahrt von Thailand hierher geschafft haben und jetzt nach einem Zimmer für unter zehn Dollar fahnden. Bildhübsche Französinnen in engen T-Shirts, auf denen Sprüche stehen wie "I’m not a tourist, I live here". Milde lächelnde, extrem reizarme Vegetarierinnen in wallendem Post- Poona-Outfit. Grauköpfige Oberstudienräte in Safariwesten mit dem Hang, lokale Reiseleiter durch ständige Besserwisserei klapsmühlenreif zu nerven. Lässige amerikanische Traveller-Typen mit Fünftagebärten, die nach drei Tagen weiblichen Anschluss haben. Mailänder Gutausseher in edel verknitterten Leinensakkos, bestens mit der örtlichen Edelgastronomie vertraut, Stammgäste im französischen L’Eléphant. Und dann und wann das übliche Frauen-Reiseduo: die eine attraktiv und kühl, die andere dick und freundlich; beide mittels Sarongs, Tüchern und Halsketten vom Nachtmarkt schwer auf indigen getrimmt. Solche gemischte Gesellschaft sammelt sich unvermeidlich an Plätzen wie Luang Prabang, wo sich die Hoffnung auf spirituellen Gewinn mit der Realität spottgünstiger Reisenebenkosten glücklich vermählt. Wo sonst kann man ein Kilo Klamotten für einen halben Dollar waschen lassen?

Das Defilée betrachten, staunen, halblaute Jazzmusik hören, noch einen Gin Tonic ordern, um sich endlich, leicht verwirrt, zu fragen: Wo bin ich hier eigentlich gelandet?

"Tuk-Tuk, Sir?" "Selber Tuk-Tuk."

PS: Im Grunde funktioniert der Zauber des Platzes ganz simpel. Man fahre einfach mal von Luang Prabang aus auf dem Mekong und halte die Augen offen. Da und dort fließt ein flaches Boot dahin. An Bord eine Familie und ein Berg aus Früchten, Reis, Gemüse. Die Familie fährt in die Stadt, zum Straßenmarkt am Mobilfunkturm. Im Schneckentempo, sie hat alle Zeit der Welt. Allein für dieses Bild, Reisender, lohnt es sich, ein paar Kilometer weit zu fliegen. Scheiß auf das CO2.

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