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Südamerika: Patagonien: Auf der Straße ins Nichts

Da, wo die Welt zu Ende ist, wartet das Paradies: zu Besuch im Aussteigerdorf El Chaltén, ganz tief in Patagonien, an der Südspitze Südamerikas.

Wer hierhin will, sollte vorher volltanken: Die Berge Cerro Torre (l.) und Fitz Roy (r.) in den südlichen Anden

Wer hierhin will, sollte vorher volltanken: Die Berge Cerro Torre (l.) und Fitz Roy (r.) in den südlichen Anden

Schon die Anreise ist ein Abenteuer. Von Buenos Aires geht es fast 3000 Kilometer in den Süden durch nichts als Pampa und Steppe und eine karge Ebene, in der die einzigen Farbtupfer ein paar gelbe Straßenschilder sind.

Die Route führt vorbei an glasklaren Seen, entlang des größten Eisfelds Südamerikas, durch eine menschenleere Weite. Man könnte die Illusion bekommen, die Erde sei noch gesund.

Und dann, 300 Kilometer nach der letzten Tankstelle, liegt er eingebettet zwischen schroffen Felsen und zwei Flüssen im Nationalpark Los Glaciares: El Chaltén, jener mythische Ort, für den sie hier in Patagonien so manche vermarktungstechnische Begriffe gefunden haben: Hauptstadt des Trekkings. Mekka der Hippies. Aussteigerparadies am Ende der Welt.

Sie sagen eher: am Arsch der Welt. Aber der beste von allen.

Das Aussteiger-Dorf El Chaltén

Es gibt in El Chaltén keine Hochhäuser oder Kettenhotels, dafür Hütten aus Holz und zu Wohnungen umgebaute VW-Busse. Es gibt auch kein McDonald's oder Starbucks, stattdessen eine Schokoladenmanufaktur und fünf Hausbrauereien. Vor allem gibt es keinen Golfplatz und keine Menschen in rosafarbenem Polohemd, sondern junge Leute aus aller Welt mit langem Bart, vielen Tattoos und vor allem vielen Ideen.

El Chaltén ist ein einziges Basecamp für Bergsteiger und Aussteiger. Laut "Lonely Planet" eines der besten Reiseziele der Welt.

Für die 1300 Bewohner ist das Dorf in erster Linie Heimat, auch wenn kaum einer von ihnen hier geboren wurde. Sie kamen aus allen Teilen Argentiniens auf der Suche nach Freiheit und Einsamkeit. Danach machten sich Franzosen, Brasilianer, Amerikaner und sogar Ägypter auf den Weg zum Mythos El Chaltén.

Tehuelche, 39, kam aus Buenos Aires. Er kam für das Nichts. Er wollte an den Ort, wo seine Vorfahren, Indianer vom Volk der Tehuelche, einst lebten. Wo man nicht mit einem Shuttlebus hinkommt wie zu anderen Outdoor-Zentren wie Yosemite und Utah. "Der deutsche Bergsteiger Thomas Huber sagte mir: Mach, was dich glücklich macht. Da schmiss ich meinen Job und setzte nur noch aufs Klettern. Vorher verdiente ich 1500 Dollar pro Woche – heute nicht mal im Monat. Aber ich brauche nichts. Ich habe alles." Es könnte das Staatsmotto von El Chaltén sein: Ich brauche nichts. Ich habe alles.

Bergsteigen statt Fußball

An diesem kalten Tag im argentinischen Hochsommer gibt Tehuelche den Kindern in der Grundschule Kletterunterricht – in El Chaltén ein Hauptfach. Draußen peitscht der Südwind gegen die Halle, sodass die Wände erzittern. An Seilen gesichert, ziehen sich die Kleinen geschickt die Kletterwand empor. Ihre Hände sind verdreckt und muskulös, ihre Bewegungen geschmeidig.

In jedem anderen Ort Argentiniens regiert Fußball, hier an den Ostwänden der Kordilleren das Bergsteigen. Die Bänke im Dorf sind in der Form von Rucksäcken geschnitzt. Die Statuen zeigen nicht Staatspräsidenten, sondern einen Baum, der in eine Bergsteigerin übergeht.

Im vergangenen Jahr hat Tehuelche das Undenkbare gewagt. Er hat seine Schüler für die Klettermeisterschaften in Buenos Aires angemeldet. Sie fuhren fünf Tage im Bus und standen in der Hauptstadt vor einer Herkulesaufgabe: die Novizen aus dem 1300-Seelen-Dorf gegen die erfahrenen Cracks der 13-Millionen- Metropole. "Die haben uns Landeier ziemlich belächelt." Am Anfang erstarrten seine Schüler noch vor Ehrfurcht, doch am Ende kletterte sein größtes Talent, Pedro, 13, an allen Konkurrenten vorbei. El Chaltén wurde argentinischer Meister und Tehuelche Nationaltrainer.

In seinem Holzhaus: Tehuelche ist letterer und Leiter der Jugendgruppe

In seinem Holzhaus: Tehuelche ist letterer und Leiter der Jugendgruppe

Jetzt wollen sie Weltmeister im Klettern werden. Aber es gebe einen viel größeren Traum der Kinder, sagt Tehuelche: den legendären Hausberg Fitz Roy zu besteigen.

Warten auf besseres Wetter am Cerro Torre

Am nächsten Morgen soll die Expedition losgehen. Der Wind hat nachgelassen, die Sonne sitzt als rote Kugel zwischen den Felsen. Tehuelche will die legendären Berge Cerro Torre und Fitz Roy endlich bezwingen. Die Bedingungen müssen optimal sein: kein Wind, keine Wolken, stabile Wetterlage für mehrere Tage. Er wartet. Er wartet seit 25 Jahren.

"Sie sind majestätische Berge, aber unberechenbar", schwärmt er und blickt Richtung Westen, wo der Cerro Torre zwischen den Wolken als schroffe Spitze herausschaut, "als eisiger Pilz", wie er ihn nennt. "Wir gehen oft los, sind Tage unterwegs, erreichen den Fuß der Berge. Und dann zieht es zu. Viele Kletterer sind in den Wänden gestorben."

Tehuelche wischt sich die Haare aus dem Gesicht. Die kantigen Züge seiner indianischen Vorfahren liegen frei. Er schaut auf sein Smartphone, studiert das Barometer für die nächsten Tage. "Morgen keine Chance", vertröstet er uns. "Vielleicht übermorgen. Erst mal im Pub ein selbst gebrautes Bier zapfen."

Er klingt froh. Das Warten sei lehrreich. In der Natur gehe eben nicht alles auf Knopfdruck. "Hier gibt es auch sonst genug Berge und Seen für drei Leben." In der Tat gilt die Gegend um El Chaltén als Outdoor-Paradies des Kontinents. Die Natur hat vieles von dem, was sie zu bieten hat, in diese kleine Ecke der Südanden zwischen Chile und Argentinien gepackt: einen der größten Gletscher Südamerikas, den Viedma, viele Fjorde und Seen zum Paddeln, Flüsse zum Fliegenfischen und Pfade zum Wandern. Den größten Süßwasserspeicher Argentiniens. Ein Ressourcenreichtum, der fast unangetastet ist.

17 Nationalparks

Etwas weiter nördlich hat der Medienmogul Ted Turner zugeschlagen und sich Territorien innerhalb des Nationalparks Nahuel Huapi gesichert. Im Süden Chiles der Modefabrikant Doug Tompkins. Sie haben Naturparadiese erstanden und damit große Kontroversen ausgelöst: Kaufen sich ausländische Milliardäre hier ihre Zukunft, ihren Zugriff auf knappe Ressourcen, ihr Refugium für Zeiten der Apokalypse? Der inzwischen verstorbene Tompkins hat aus seinen 400.000 Hektar einen Nationalpark geschaffen, um eine Abholzung und Besiedlung zu verhindern. Er ist nun Teil einer gerade fertiggestellten Schleife von 17 Nationalparks, einer der größten neuen Attraktionen Südamerikas.

El Chaltén wurde 1985 gegründet, um entlang der umkämpften Grenze zu Chile eine bebaute Siedlung zu schaffen, eine Art Grenzmarkierung. Die ersten Siedler waren Militärs und mussten gelockt werden mit gutem Sold und der Aussicht auf eine schnelle Pensionierung. Erst 2008 folgten die Anbindung an eine Asphaltstraße und bald darauf schon vegane Restaurants, Zen-Meditation und Yogastudios.

Aber es gibt immer noch keinen Zahnarzt, kein Krankenhaus, keinen Friedhof; die Leichen müssen 450 Kilometer weiter nach Rio Gallegos gebracht werden.

El Chaltén ist so beliebt, dass die Bewohner überlegen, außerhalb der Felsen ein zweites Dorf zuzulassen. Die Frage berührt einen nur schwer auflösbaren Widerspruch der Outdoor- Pioniere überall: Aussteiger schaffen sich ihr charmantes Naturparadies und können diesen Charme nur erhalten, indem sie weiteren Aussteigern den Zugang verwehren.

"Die Ausländer sollen ruhig kommen", hält Tehuelche dagegen. "Wie kann ich mich hinstellen und sagen: Dieses Paradies ist nur für mich." Er ist die Ausnahme in einer Welt, die ihre eigene Scholle zunehmend verteidigt und den Heimatbegriff wieder mit Blut und Erde verbindet.

Tehuelches Freund Luis ist mit den Expansionsplänen beschäftigt. Er kam aus Brasilien, um hier als Pionier und Entdecker zu leben – wie die meisten. Heute ist er der inoffizielle Bürgermeister. "Wir müssen expandieren, wir haben keine Wahl", sagt er. "Die Aussteiger kommen in Scharen, und keiner will wieder weg. Wer am perfekten Ort wohnt, geht eben nicht."

Warten auf den goldenen Tag

Luis trägt den ganzen Tag Gletscherbrille und Bergstiefel. Er ist gerade auf dem Weg zu den Proben seiner Rockband in einem Container unter der Erde. Außer Bürgermeister ist Luis noch Bandmanager, Touristenführer, Sherpa, Übersetzer und Umweltbeauftragter. Mit anderen jungen Leuten organisiert er Kampagnen gegen Plastikmüll. Er arbeitet an der Nutzung umweltfreundlicher Energien, die den Alteingesessenen noch absurd erscheinen. "Wir in El Chaltén sind 20 Jahre weiter als das Land", sagt Luis. "Aber Windräder zu bauen ist nicht leicht bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde."

Klettern auch nicht. Für den nächsten Tag wird die Expedition wieder abgesagt. Diesmal liegt es am starken Wind. Stattdessen gibt es Yogakurse und Flamenco-Abende. El Chaltén ist vor allem: warten auf den goldenen Tag.

Auf seine letzte große Expedition ist Luis vor ein paar Jahren mit Freunden aufgebrochen und hat zwischen Eisfeldern einen bis dahin unbekannten See entdeckt. Er wurde nach ihnen benannt: Laguna de los 14, so groß war die Gruppe. Heute ist er auf jeder Karte. "Wer kann von sich schon behaupten, dass ein See nach ihm benannt wurde?", sagt Luis. "Aber das ist alles nichts gegen Sergio."

Die Hockeymeister

Sergio wohnt seit 15 Jahren in einer verwunschenen Holzhütte im Zentrum, wenn es so etwas wie ein Zentrum in El Chaltén überhaupt gibt. Er ist ein kleiner Mann mit Glatze und der Statur eines Ringers. Sergio strandete hier, weil er nirgendwo einen Job als Lehrer fand. Weil er Hockey liebte, unterrichtete er im Sport einfach Hockey. Und weil das Wetter hier oft schlecht ist, spielten sie immer in der Turnhalle. Und weil es Fernsehen und Strom nur ab 18 Uhr gab, kein Shoppingzentrum, kaum Internet, spielten die Kinder immer mehr Hockey, drei bis vier Stunden am Tag. Und weil es nicht genug Schläger gab, schnitzten der Hausmeister und die Eltern selbst welche.

Irgendwann fuhren die Kinder zu den regionalen Meisterschaften – und gewannen. Sie fuhren zu den Patagonischen Meisterschaften – und gewannen. Dann fuhren sie nach La Plata zu den argentinischen Meisterschaften, 2800 Kilometer entfernt. Das Dorf aus dem Nichts gegen die Giganten der Hauptstadt, wie bei den Kletterern. Sie nannten sich die Spartaner.

Es klopft an der Tür. Wie auf Zuruf treten seine Spieler ein und erzählen weiter: Die Trikots waren zu groß, vor allem für die Jüngsten. Aber sie gewannen. Und gewannen. Und zogen ins Finale ein. Und gewannen auch das. Durch ein Tor des Jüngsten, des neunjährigen Alfredo Sosa. El Chaltén wurde argentinischer Hockeymeister. "Weißt du, warum?", sagt Sergio. "Viel Zeit. Ein Leben, das nicht kontaminiert ist von TV und Internet. Ich habe Jugendliche, die von Bergen und Wind geformt werden, nicht vom virtuellen Leben."

Heute ist Alfredo Sosa Hockey- Nationalspieler. Und dem Vertretungslehrer Sergio bauten die Dorfbewohner seine eigene Hütte. "Das ist die Mentalität des Ortes", sagt Sergio. "Man kann jeden Tag Geschichte machen." Tehuelche sagt es so: "Hier sind alle Persönlichkeiten, selbst die Hunde." Sie erklären das mit dem Wetter. Wer hierherzieht, muss die Schwankungen und Extreme ertragen. Binnen zehn Minuten Sonne, Nebel, Wind, Hagel, Sturm, die ganze Wetterpalette in schroffer Einsamkeit.

Vor allem dieser Wind. Oft bläst er mit 150 Kilometern pro Stunde, ein Orkan der Stärke 14. Autos überschlagen sich. Stromleitungen klappern im Wind so laut wie die Blätter von Helikoptern. Er wirbelt Steine auf, Fensterscheiben bersten. Wieder fällt die Expedition aus. Wieder warten. Wieder hausgebrautes Bier. Wieder Workshops. Schokolade machen. Bier brauen. Meditation. Wieder lange Erzählabende.

Durch zehn Mikroklimazonen

Erst am fünften Tag geht es in der Dämmerung endlich los. Aufbruch zur Expedition Richtung Fitz Roy, der legendäre Gipfel, genannt "El Fitz". Von El Chaltén, Höhe: 400 Meter, geht es über schmale Pfade in Richtung Anden. Wanderer aus der ganzen Welt sind unterwegs. Die Bäume sind vom Wind bizarr geformt wie knorrige Gestalten. Blaue Lagunen schimmern zwischen den Kiefernwäldern. Das Wasser hier kann man überall trinken, aus Bächen, Seen, Gletschern, Wasserfällen. Durch zehn Mikroklimazonen geht der Marsch, durch Tümpel, Wälder, Felsen, Schnee, acht Stunden lang, bis zum Basislager, wo die Kletterer ihre Zelte aufschlagen in der Hoffnung auf den goldenen Tag.

Am Anfang noch scheint die Sonne, kein Wind weht, und dann, nach einem ersten Aufstieg, liegen die steilen Wände des prächtigen Fitz Roy vor uns: Allein für diesen Anblick hat sich die Reise gelohnt. Mehr ist nicht drin. Binnen zehn Minuten zieht alles zu, eisige Winde tragen den Nebel vor sich her und machen den Aufstieg für den besten Kletterer zum Risiko. Alle kehren wieder um.

Fitz Roy (3405 Meter) und Cerro Torre (3128 Meter) gehören nicht zu den höchsten Bergen, aber zu den schwierigsten der Welt. Überall im Ort erzählen sie Geschichten von Franzosen, Italienern, Alpinisten, die sie Marketingkletterer nennen und die für Rekorde kommen, für Erstbesteigungen im Winter, Risikobesteigungen im Nebel. Und die sie dann retten oder tot bergen müssen mit ihrer Bergwacht.

Am nächsten Tag kommt das halbe Dorf zusammen für die Errichtung einer zweiten Kletterhalle: Wände im 45-Grad-Winkel. elf Meter Höhe. Platz für 20 Kletterer gleichzeitig. Elektromusik dröhnt aus Lautsprechern. Alle arbeiten zusammen. Jeder ist ein Schweißer. Die Hockeyspieler. Die Kletterer. Die Bandmitglieder von Siete Venas, der Heimatband, deren Musik es in den Film "Cerro Torre" auf Netflix geschafft hat. Es gibt Bier mit dem Namen Fresco. Gegrüßt wird mit: "Todo tranquilo?" Alles ruhig?

Es hat einen Hauch von 70er Jahre, die Länge der Haare, der Gemeinschaftsgeist – jedoch ohne die Ideologie, ohne die Dogmen. Sie sind Individualisten, aber in dieser Einsamkeit Patagoniens auch Gruppenwesen. "Wir schaffen gesunde kräftige Jungen und Mädchen, die nicht vor Computern aufwachsen, sondern in der Natur", sagt Tehuelche; es klingt wie ein Manifest. "Und wir rüsten sie für die Welt." Dorthin gehen sie tatsächlich. Aber sie kommen zurück. Es gibt, so finden sie, nirgends einen besseren Ort.

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