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Follow Me: "Ich sah die Füße der Stewardess, die aus dem Flugzeug gerissen wurde"

Es war eines der spektakulärsten Unglücke der Zivilluftfahrt: Vor genau 30 Jahren reißt bei einem Flug nach Honolulu ein Teil der Passagierzelle ab. Dutzende Passagiere sitzen im Freien. Eine dramatische Notlandung beginnt.

Unmittelbar nach der Notlandung auf dem Flughafen Kahului der Hawaii-Insel Maui: In der vorderen Kabine hatten sich im Reiseflug Dach und Seitenwände gelöst.

Unmittelbar nach der Notlandung auf dem Flughafen Kahului der Hawaii-Insel Maui: In der vorderen Kabine hatten sich im Reiseflug Dach und Seitenwände gelöst.

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Als sich der Pilot Robert Schornstheimer nach einem lauten Knall mitten im Reiseflug umsah, traute er seinen Augen nicht: Hinter ihm, wo sich die Reihen der First Class befanden, schaute er in den offenen Himmel. Auf einer Länge von ungefähr sechs Metern fehlten zwischen dem Eingangsbereich der vorderen Türen und dem Ansatz der Tragflächen das komplette Kabinendach und auch die Seitenwände.

Und trotzdem flog die Boeing 737 der Aloha Airlines weiter. Auf einer Höhe von 24.000 Fuß oder umgerechnet 7300 Meter über dem Meeresspiegel des Pazifiks. Der Flug von Hilo auf Big Island nach Honolulu sollte eigentlich nur eine Dreiviertelstunde dauern. Doch am 28. April 1988 kam eine Boeing 737 nicht weit. Die Crew musste auf der auf halben Wege gelegenen Insel Maui notlanden - eines der dramatischsten Unglücke der Luftfahrtgeschichte.

Zunächst war das tägliche Insel-Hopping des 19 Jahre alten Jets von Aloha Airlines nach Plan verlaufen. Flugkapitän Schornstheimer hatte an jenem Apriltag bereits mehrere Flüge mit einem Kollegen absolviert, als in Honolulu auf dem rechten Platz im Cockpit die Kopilotin Madeline "Mimi" Tompkins Platz nahm. Gemeinsam ging es über Maui nach Hilo auf Big Island.

Dort rollte die Maschine um 13.25 Uhr mit der Flugnummer 243 zum Rückflug nach Honolulu. Mit an Bord waren drei Flugbegleiterinnen und 89 Passagiere. Als Flying Pilot übernahm die 36-jährige Mimi Tompkins, die bereits über 8000 Flugstunden an Erfahrung verfügte, das Kommando. Kapitän Schornstheimer kümmerte sich um den Funksprechverkehr.

Sicht auf den blauen Himmel in der Kabine

Nach dem Knall um 13.46 Uhr "flog alles wild durch die Gegend: Zeitschriften Aktentaschen, Schuhe - alles, was nicht befestigt war", berichtete später eine Passagierin. Nicht nur das: "Ich sah die Füße der Stewardess, die aus dem Flugzeug herausgerissen wurde." Denn durch die plötzliche Dekompression der Kabine war ein ungeheurer Sog entstanden, dem die Kabinenchefin Clarabelle Lansing, die sich im Moment des Abplatzens des Kabinendachs bei Reihe 5 befand, aus dem Gang hinausgeschleudert wurde.

Ihre Kollegin Jane Sato-Tomita in Höhe der Reihe 2 wurde von Trümmerteilen getroffen, kippte bewusstlos auf den Kabinenboden und konnte von Fluggästen festgehalten werden. Michelle Honda, die dritte Flugbegleiterin bei der Reihe 15 wurde ebenfalls verletzt, konnte sich jedoch noch bewegen, allerdings nicht mehr mit dem Cockpit kommunizieren.

Das Problem: Alle Insassen der Maschine waren dem eiskalten Wind mit einer Geschwindigkeit von 600 Stundenkilometern schutzlos ausgesetzt. Außerdem gab es keine Sauerstoffmasken, die normalerweise automatisch aus der Deckenverkleidung fallen, da diese im vorderen Teil fehlte.

Mayday und Notfallcode 7700

Im Cockpit hatte Flugkapitän Schornstheimer das Steuerruder übernommen und sofort einen Sinkflug eingeleitet, um die lebensbedrohliche Höhe zu verlassen. Auch aktivierte er auf dem Transponder den Notfallcode 7700, denn an einen Kontakt mit der Bodenstation war aufgrund des Geräuschpegels nicht zu denken.

Als die Boeing 737-200 eine Höhe von umgerechnet 4600 Metern erreicht hatte, gelang es jedoch der Kopilotin Tompkins über Funk den Tower des Flughafen Kahului in Maui gegen 13.48 Uhr über die Luftnotlage und Notlandung zu informieren. Wenige Minuten später funkte sie zum Boden: "Wir können nicht mit den Flugbegleitern kommunizieren. Wir benötigen Hilfe für die Passagiere, wenn wir gelandet sind", sagte Tompkins.

Doch ob die Maschine jemals aufsetzen würde, war zu dem Zeitpunkt unklar. Jederzeit drohte sie auseinanderzubrechen, da die gesamte Stabilität der Zellenstruktur beschädigt war. Außerdem zeigten die Instrumente an, dass das Bugfahrwerk nicht ausgefahren und verriegelt war. Zusätzlich machte ein Ausfall des linken Triebwerks den beiden im Cockpit zu schaffen.

Wieder am Boden, auf der Piste des Flughafens Kahului. Von den 95 Menschen an Bord wurde 65 Personen verletzt, und es gab ein Todesopfer zu beklagen.

Wieder am Boden, auf der Piste des Flughafens Kahului. Von den 95 Menschen an Bord wurde 65 Personen verletzt, und es gab ein Todesopfer zu beklagen.

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Um 13.58 Uhr - zwölf bange Minuten nach dem Vorfall - setzte der Aloha-Flug 243 auf der Piste 02 des Flughafens Kahului auf. Nur mit dem Umkehrschub des rechten Triebwerks gelang das Abbremsen. Die verletzte Stewardess Michelle Honda leitete die Evakuierung ein. Dann erst wurde der Cockpit-Crew das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst: Von den 89 Fluggästen waren 65 verletzt, acht davon schwer. Und von der Purserin Clarabelle Lansing fehlte jegliche Spur.

90.000 Starts und Landungen

Unter dem Begriff "Miracle Landing" ging die Flugzeugkatastrophe nicht nur in die Geschichte der Zivilluftfahrt ein, sondern musste auch als Titel für das gleichnamige Doku-Drama aus dem Jahre 1990 herhalten.

Nach der fliegerischen Glanzleistung: Empfang zu Ehren der Cockpit-Crew des Aloha-Airlines-Fluges 243 im Weißen Haus: Flugkapitän Robert Schornstheimer mit der Kopilotin Madeline "Mimi" Tompkins und George Bush im May 1988.

Nach der fliegerischen Glanzleistung: Empfang zu Ehren der Cockpit-Crew des Aloha-Airlines-Fluges 243 im Weißen Haus: Flugkapitän Robert Schornstheimer mit der Kopilotin Madeline "Mimi" Tompkins und George Bush im May 1988.

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Das Unglück beschäftigte sofort die Untersuchungsbehörden. Das National Transportation Safety Board kam zu dem Schluss, dass Materialermüdung die Ursache für den Unfall war. Außerdem förderte die Korrosion in einer Salzwasserumgebung den Ermüdungsbruch.

Hinzu kam, dass die Maschine bei fast 35.000 Flugstunden die ungewöhnliche hohe Zahl von 90.000 Starts und Landungen absolviert hatte, was an dem Streckennetz von Aloha Airlines lag: Die längste Route zwischen den Hawaii-Inseln betrug nur 216 Meilen, die durchschnittliche 133 Meilen. So führten die vielen Druckaufbau-Zyklen zu hoher Belastung für die Nietenverbindungen des Aluminiumrumpfes.

Als Konsequenz des Dramas wurden die Forschungen in Materialermüdung intensiviert und ältere Maschinen häufiger auf mögliche Haarrisse bei der Wartung untersucht. Die Stewardess Clarabelle Lansing wurde nie gefunden. Ihr zu Ehren wurde 1995 am Inter-Island Terminal des Honolulu International Airport ein Memorial Garden eingerichtet.

Ermittler des Transportation Safety Board, einer US-Verkehrsbehörde, untersuchen die zerstörte Turbine der Boeing 737

Eine persönliche Nachbemerkung: 

Als ich Jahre später den Pressesprecher von Aloha Airlines in Honolulu traf, fragte ich ihn, warum sie im Jahre 2006 immer noch mit fast 30 Jahren alten Maschinen vom Typ Boeing 737-200 hin und herfliegen. Denn diese Boeing-Version war wegen ihrer lauten Triebwerke längst in Europa verbannt. Er antwortete mir, dass auch in den USA die 737-200 aus Lärmschutzgründen verboten sei. Allerdings hätten sie eine Ausnahmegenehmigung, weil ihre Maschinen kaum über bewohntes Gebiet, sondern nur übers Wasser fliegen. Auch diese Sonderregelung half nichts. Zwei Jahre später ging Aloha Airlines pleite und musste 2008 den Flugbetrieb für immer einstellen.

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