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Fluglinien: Schachern um die Strecken von Air Berlin

Air Berlin, die zweitgrößte deutsche Fluglinie, öffnet mit ihrem Schrumpfkurs Lücken für andere Airlines. Vor allem die Billigflieger aus dem Ausland stehen am Start.

Von Jennifer Lachmann

Nach dem Rückzug von Air Berlin an einer Vielzahl von deutschen Flughäfen bringen sich jetzt die Wettbewerber in Stellung. "Wenn eine Fluggesellschaft ins Straucheln gerät, bieten sich für eine andere naturgemäß auch Chancen", sagte Henrike Schmidt, die bei Ryanair für den Vertrieb und das Marketing zuständig ist, der FTD. "Wir beobachten die Situation in Deutschland sehr genau. Über kurz oder lang möchten wir in diesem Markt gern stärker vertreten sein", ergänzte ein Sprecher von Easyjet.

Vor allem das Interesse von Easyjet sorgt bei der Lufthansa intern für Unruhe. Die Billigfluggesellschaft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und fliegt, anders als Ryanair, vorrangig zentral gelegene Flughäfen wie London-Gatwick oder Paris-Charles de Gaulle an. Damit ist die Fluglinie auch für Geschäftskunden, die Lieblingskunden des deutschen Marktführers, interessant. Auch die Lufthansa selbst schaut sich jetzt an, "ob durch die angekündigten Streckenstreichungen Handlungsbedarf in der eigenen Netzplanung resultiert", sagte ein Sprecher. Die hauseigene Billigtochter Germanwings etwa verhandelt nach FTD-Informationen schon darüber, von Air Berlin die Verbindungen von Köln/Bonn nach Palermo und Neapel zu übernehmen.

Massives Streichkonzert

Air Berlin, die defizitäre Nummer zwei in Deutschland, hatte vergangene Woche im Zuge eines Sparprogramms bekannt gegeben, noch im laufenden Jahr rund 1,1 Millionen Sitze und 7500 Flüge streichen zu wollen. 2012 sollen insgesamt 16.000 Flüge weniger angeboten werden als geplant. 2010 starteten und landeten 250.000 Air-Berlin-Flüge. Die Nachricht ging unter, weil Air-Berlin-Chef Joachim Hunold zeitgleich zurücktrat. Ab 1. September führt Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn die Geschäfte, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Flughäfen und Fluglinien haben jetzt begonnen, sich zu sortieren. Der Großteil der wegfallenden Flüge von Air Berlin soll auf "Cityshuttle-Strecken" entfallen: Das sind Routen zwischen einem deutschen Flughafen und einer europäischen Stadt - wie die Strecke von Köln/Bonn nach Neapel. Weitere 1780 Flüge will Air Berlin auf Routen von und nach Spanien streichen. Ryanair will daher künftig nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter von den Flughäfen Hahn und Memmingen nach Alicante fliegen, nachdem der Wettbewerber die Strecken aus Frankfurt und München aufgekündigt hat.

Airports müssen frei gewordene Slots füllen

Die Sparpläne von Air Berlin kommen für die Fluglinien zu einem praktischen Zeitpunkt. Derzeit verteilt der Flughafenkoordinator - der der Bundesregierung unterstellt ist und unabhängig agieren soll - die Start- und Landerechte für den Winterflugplan, der ab November gilt. Eigentlich hätten alle Fluglinien die sogenannten Slots, die sie nicht benötigen, bis 15. August zurückgegeben haben müssen. Da die Zuteilung mehrere Runden durchläuft, können sie ihre Pläne noch bis Ende des Monats ändern, ohne dass ihnen Nachteile entstehen.

An den größeren Flughäfen wie Frankfurt oder München werden die Start- und Landerechte koordiniert: Die frei gewordenen werden anhand der Priorität unter den Bewerbern ausgegeben. Bei den mittelgroßen und kleineren Flughäfen wie Nürnberg oder Bremen hingegen vermittelt der Koordinator lediglich.

Entsprechend hektisch werden dort jetzt Verhandlungen geführt, um die von Air Berlin gerissenen Lücken zu füllen. Den Flughafen Erfurt etwa wollen die Berliner ganz aufgeben. Der Geschäftsführer Matthias Köhn war am Freitag nicht zu sprechen, weil er sich nach Angaben seiner Sprecherin in einer "sehr wichtigen Sitzung" befand, in der die künftige Strategie des Flughafens besprochen werden sollte. Auch der Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden führt "intensive Gespräche mit verschiedenen Fluggesellschaften".

Diskussion über Luftverkehrssteuer

Die Schieflage von Air Berlin dürfte daher auch die Kritik an der Luftverkehrssteuer anfachen: An vielen der betroffenen Flughäfen sind Städte und Länder beteiligt: "Jetzt geht noch einmal ein Ruck durch die Politik, und viele sind bereit, die Steuer zu überdenken. Das wollen wir ausnutzen", sagte der Geschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel.

FTD

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