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Turbulenzen bei Air Berlin: Mehdorn übernimmt Pilotensitz von Hunold

Der Chef von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin wirft das Handtuch. Für Insider kommt der Rücktritt nicht überraschend. Die Airline steckt in Schwierigkeiten.

Von Till Bartels

Fast zwanzig Jahre stand er an der Spitze des Unternehmens. Nun stellt Joachim Hunold sein Amt zur Verfügung. Sein Nachfolger Hartmut Mehdorn soll "unbelastet" den eingeleiteten Sparkurs fortsetzen.

Zuvor hatte die Airline ihre jüngsten Zahlen bekannt gegeben: Tiefrot war das gerade abgeschlossene Quartal - mal wieder. Denn Air Berlin hat ein großes Problem: Die Fluggesellschaft verdient kein Geld, weder in der Vergangenheit, noch in absehbarer Zukunft. Und Schuld sind immer die anderen. Seit Jahren gibt es dieselben austauschbaren Argumente: Erst war es die Wirtschaftkrise, jetzt sind der hohe Kerosinpreis, die zu Jahresbeginn eingeführte Luftverkehrssteuer und die Unruhen in Nordafrika dafür verantwortlich, dass kein Gewinn in Sicht ist. Der Schuldenberg, den Air Berlin täglich umfliegen muss, ist gigantisch: 616 Millionen Euro.

Das problematische Hybridmodell

Dabei sind die Fehler der Airline hausgemacht. Problem Nummer eins: Was für eine Fluggesellschaft ist eigentlich Air Berlin? Eine Charterfluggesellschaft, ein Billigflieger oder ein Liniencarrier für Geschäftsreisende? Die Antwort weiß keiner. Air Berlin möchte von allem ein Bisschen sein. Diese Mischung betitelte Hunold vor Jahren als "Hybridmodell". Doch das Zauberwort scheint nicht zu greifen. Die Konkurrenz im Himmel über Europa ist beinhart und hat sich mit klaren Profilen positioniert: Ryanair als Billigflieger, Condor als Ferienflieger und Lufthansa als Qualitätsairline. Im Nachhinein wirkt Hunolds Ankündigung im März 2011, in die Langstreckenflotte eine neue Business Class einzubauen, wie ein verzweifelter Versuch mit Vielfliegern ins Geschäft zu kommen. Auch das Segment der Billigflieger wächst nicht mehr in Deutschland: Die Leute haben gelernt, dass Fliegen nicht billig ist. Die Zeiten der 29-Euro-Tickets sind längst passé.

Als weiterer Stolperstein auf dem Weg zu einem profitablen Unternehmen erweisen sich die vielen Zukäufe: 2006 wurde die DBA mit einem dichten Streckennetz in Deutschland übernommen. Im folgenden Jahr verleibte sich Hunold die Ferienfluggesellschaft LTU mit ihrer Mittel- und Langstreckenflotte ein. Ein persönlicher Trumpf, aber kein guter Deal: Hunold, der ehemalige Gepäckverlader, schaffte es bei der LTU einst bis zum Marketing- und Vertriebdirektor. Beide Übernahmen bedeuteten eine Sisyphusaufgabe, denn die Fluggesellschaften galten als Verlustbringer. Air Berlin musste sie nicht nur integrieren, sondern auch sanieren. Wenn man sich die Zahlen ansieht, ist das bis heute nicht gelungen. Air Berlins Wachstum an Passagieren kam nicht aus eigener Kraft, sondern durch Zukäufe. Das für die Einkaufstouren erforderliche Geld holte er sich 2006 mit dem Börsengang und durch Kapitalerhöhungen.

Doch damit nicht genug. 2009 kamen noch die Städteverbindungen der Tuifly hinzu, von denen jetzt viele dem Rotstift zum Opfer fallen. Bevor der Air-Berlin-Vorstandschef heute seinen Rücktritt ankündigte, gab es ein Streichkonzert: Verbindungen sollen gestrichen werden, die nicht mehr kostendeckend sind - wie zum Beispiel Hamburg-Frankfurt - sowie Flüge zwischen kleineren Flughäfen. Durch eine geschrumpfte Flotte sollen im nächsten Jahr 16.000 Flüge und rund 2,2 Mio. Sitzplätze wegfallen.

Patriarch Hunold

Der dritte Grund für die Turbulenzen ist die Person Hunold, der für seinen hemdsärmligen Führungsstil bekannt ist. Ex-Mitarbeiter berichten, wie die Airline auf den Chef zugeschnitten sei. Alles liefe über "Achims Schreibtisch". Das mag bei einem Familienunternehmen funktionieren, nicht aber bei einer börsennotierten Aktiengesellschaft internationalen Zuschnitts. Denn Air Berlin hat nächstes Jahr Großes vor, will dem Airline-Verbund One World beitreten. Dann fliegt Air Berlin in einer Liga mit British Airways, Qantas und American Airlines. Für diesen Schritt müssen die Computerreservierungssysteme, der Flugplan und die Vielfliegerprogramme aufeinander abgestimmt werden - eine gigantische Herausforderung.

Nun soll Hunolds enger Buddy Mehdorn alles richten und die angeschlagene Fluglinie wieder auf Kurs bringen. Der Mann ist zwar bekannt und auch ein Kenner der Luftfahrtbranche, aber bei Reisenden weniger beliebt. Die meisten kennen ihn noch mit seinem alten Vornamen: "Bahnchef". Wenn der Verwaltungsrat zustimmt, soll Mehdorn bereits in zwei Wochen das Ruder übernehmen. Für Air-Berlin-Kunden keine gute Nachricht. Denn der 69-Jährige ist für seinen Sparkurs bei der Bahn bekannt. Bleibt zu hoffen, dass die Pünktlichkeitsrate der Airline nicht so dramatisch absackt wie bei der Bahn. Ein Problem aber hat Air Berlin nicht, weder im tiefen Winter noch im Hochsommer: Die Klimaanlagen der Boeing- und Airbus-Flugzeuge funktionieren einwandfrei - noch.

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