Shangri-La Seelenmassage im Marmorbad


Die Hotelgruppe Shangri-La, benannt nach einem mystischen Ort im Himalaya, will ihre asiatische Philosophie der Entspannung nach Europa bringen.

Quirlig, immer laut, Bangkok schlaucht. Als die Touristen aus Deutschland und Italien am Abend ins Hotel zurückkehren, sind ihre Gesichter von den Strapazen in Thailands Hauptstadt gezeichnet, Schweißflecken zeichnen sich auf ihren Hemden ab. Das Knattern der Tuk-Tuk-Dreiräder klingt in den Ohren, und in der Nase haben sie nicht nur die Gerüche der Garküchen.

Für Sabine und Bernd, ein Ehepaar aus Wuppertal, beginnt die Verwandlung von gehetzten Touristen zu reisenden Genießern mit Luxus und Entspannung im Spa-Bereich des Hotels, es heißt Shangri-La. "Du wirst tiefe innere Ruhe, Reife und Weisheit erlangen. Vor allem aber wirst du eines haben: Zeit." So steht es über der Liste mit zwei Dutzend Massagen. Das Zitat stammt aus dem Buch "Der verlorene Horizont" des englischen Schriftstellers James Hilton. Anfang der 30er Jahre beschrieb er darin die Entführung von vier Engländern und Amerikanern in ein abgelegenes Tal im Himalaya. Hugh Conway, Held des Buches, findet Glück und Harmonie in einem geheimnisvollen, buddhistischen Kloster, dem Shangri-La. Robert Kuok, malaysischer Geschäftsmann, war von dem Buch so inspiriert, dass er seiner Hotelgruppe bei der Gründung vor 35 Jahren den Namen Shangri-La gab. Seitdem ist der Begriff zu einem Synonym für fast paradiesische Gästebetreuung geworden.

"Gefundenes Paradies" heißt das Vergnügen für Körper und Seele, das Sabine und Bernd vier Stunden genießen. Siriat, die freundliche Dame am Spa-Empfang, hat zuvor mit einem Fragebogen festgestellt, welches Element der traditionellen chinesischen Medizin dem Naturell der beiden Deutschen am nächsten kommt: Feuer, Wasser, Erde, Holz oder Metall. Bei Bernd ist es Metall, bei Sabine Erde. Danach wählt sie die Zutaten für das Bad und die Kräuter für die Massage aus. "Wir bringen Yin und Yang, eure gegensätzlichen Pole, in eine Balance und lassen das Qi, die Lebensenergie, frei durch eure Körper fließen", sagt Siriat mit einem Lächeln. Die Deutschen schauen sich staunend und mit einem Ich-verstehe-nichts-Blick an. Beide sind zum ersten Mal in Asien.

Dann gleiten sie in eine Marmorbadewanne. Zu den Klängen einer Erhu, der zweisaitigen Geige, verfärbt sich das Wasser im Scheinwerferlicht weiß, gelb, rot, grün, blau. Es sind die fünf heiligen Farben des Buddhismus. Armdicke Kerzen tauchen den Raum in ein sanftes Licht, Lotusblumen treiben auf der Wasseroberfläche. Nach verschiedenen Massagen und Kräuterpackungen mit Zitronengras und Bergamotte sind die Gesichter von Bernd und Sabine entspannt wie die von schlafenden Babys.Zum Abschluss wärmt die Masseuse Kieselsteine in einem kleinen Ofen, taucht sie in Öl und verteilt sie auf den Körpern der Deutschen. Die großen legt sie auf den Rücken, die kleinen klemmt sie zwischen die Zehen. In die Steine, die vom Kokonor See im tibetischen Hochland kommen, hat ein Steinmetz alte Schrift- und Tierkreiszeichen eingraviert. Ihnen werden heilende Kräfte zugesprochen. "Die moderne Welt ist laut, schnell und für viele Reisende voller Stress, wir setzen einen Gegenpol", sagt Martin F. Waechter, der deutsche Marketing-Vorstand der Hotelgruppe. "Wir bieten unseren Gästen eine Oase, einen Ort vollkommener Gastlichkeit und heiterer Ruhe."Zum Beispiel für Geschäftsreisende, die nach Hongkong kommen und dort tagsüber im chinesischen Haifisch-Kapitalismus kämpfen. Draußen die Hetze aus Jetlag, Terminkalender und tropischer Hitze. Drinnen mehr als nur Ruhe, die gibt es in anderen teuren Hotels auch. Das Shangri-La trainiert seine Bediensteten, nicht mit Besteck zu klappern. Und die Angestellten in der Lobby scheinen zu schweben - sie haben Anweisung, sich nicht hektisch zu bewegen. Wer abends auf sein Zimmer kommt findet auf dem Kopfkissen einen besinnlichen Vers wie diesen aus Hiltons Buch: "Aber hier, im Shangri-La, lag alles in tiefer Stille. Am Himmelszelt ohne Mond leuchteten die Sterne in vollem Glanz."

Mit dieser Philosophie will die Shangri-La-Gruppe den internationalen Hotelmarkt aufmischen. Zum Familienunternehmen, mit dem 82-jährigen Robert Kuok an der Spitze, gehören mehr als 40 Luxushotels in China und Asien. Nun expandiert es nach Australien, Arabien und Amerika. Auch Europa will die asiatischste der Ketten aus dem Fernen Osten erobern. 2008 eröffnet Paris, 2010 London. In Deutschland ist Hamburg als Standort geplant. Wie die Konkurrenten "Mandarin Oriental" und "Peninsula" setzen die Shangri-La-Manager darauf, dass immer mehr reiche Chinesen weit reisen. Umgekehrt hoffen sie auf die Asien- und Chinafaszination im Westen.In einem weiteren Shangri-La-Hotel auf der anderen Seite der Hongkong Bay, im Stadtteil Kowloon, begrüßt Chefbutler Edward Wa die letzten Heimkehrer mit einer tiefen Verbeugung. Auf besondere Gäste wartet er stets am Hoteleingang, erfüllt auch ausgefallene Wünsche dezent. Für einen exzentrischen Rockstar ließ er Sand und einen Strandkorb ins Zimmer bringen. Gleich nach dem Einchecken gibt's auf dem Zimmer einen duftenden Tee. Der Clou für Stammgäste: Sie finden in der Minibar ihre Lieblingsgetränke - dank dem Reservierungscomputer, in dem solche Vorlieben gespeichert sind.Firmenpatriarch Robert Kuok, Herr auch über ein Palmöl-, Immobilien- und Medienimperium, kümmert sich oft selbst um das Design der Hotelräume und der Speisekarte. Zur chinesischen Führung in Peking unterhält er exzellente Kontakte, lobt schon mal die "organisatorische Stärke der Kommunistischen Partei" und fordert für die Volksrepublik einen "gebührenden Platz in der Welt". Im Hongkonger Flaggschiffhotel hängt ein 51 Meter langes Seidengemälde mit chinesischen Berggipfeln im Nebel. Titel: Vaterland China. Kuok, der Malaysier, würdigt so das Land, in dem er die dicksten Geschäfte macht.Fürsorglich und streng zugleich lenkt die Kuok-Familie ihre Angestellten. Als während der Sars-Seuche 2003 die Gäste ausblieben, entließen die Kuoks keinen Mitarbeiter. Zum chinesischen Neujahrsfest erhalten Manager Belohnungen für gute Leistungen, müssen aber stets erreichbar sein, auch an Wochenenden. Sind die Gewinnmargen zu niedrig, werden sogar die Etats für Bleistifte und Papier gekürzt. Der Druck auf das Führungspersonal führt auch schon mal dazu, dass ein Hoteldirektor eine Angestellte in die Schranken weist, weil sie zu lange mit den kleinen Kindern eines Gastes spielt. Zum Beispiel mit dem Satz: "Das dauert noch 20 Jahre, bis die mal selbst hier wohnen." Immer lächeln, natürlich, aber knallhart, wenn es ums Geschäft geht.

Auf der Insel Borneo lässt sich Denis Schüler, ein Oberkellner aus Rodgau bei Frankfurt, am Strand des Shangri-La-Resorts die Arme massieren, während er in den Sonnenuntergang schaut. Seine Freunde, Marina und Sascha, trinken Cocktails, ehe die drei zum Kopfjäger-Tanz in eines der Hotelrestaurants aufbrechen. Die Einheimischen stampfen im wilden Rhythmus, nehmen die weißen Gäste an die Hände, die sich willig in eine andere Zeit und Kultur führen lassen. "Wir wollen Europa und Asien miteinander verbinden", sagt Direktor Alain Borgas, ein Belgier.Wird es in dem Hotel auf Borneo zu paradiesisch, greifen die Manager in die Trickkiste und schicken ihre Gäste auf eine Regenwaldtour. Wie zum Beispiel die Australierinnen Lisa und Gloria, die perfekt geschminkt antreten. Doch schon kurz darauf spritzt Schlamm in ihre Augen, Wimperntusche läuft die Wangen runter. Weil sie kaum noch sehen können, fahren die beiden Frauen ihre Quads, eine Art Motorräder mit vier wuchtigen Reifen, im Sumpf fest. Lisa, ein zierliches Mädchen, steigt ab und sinkt bis zum Schienbein ein. Sofort sind Moskitos da, zerstechen ihre Arme. "Oh mein Gott, wann hört diese Tortur endlich auf?", wimmert die 18-Jährige. Schon legt sich eine rettende Hand auf ihre Schulter. Panjaran, der Führer aus dem Shangri-La, lacht sie an und manövriert ihr Gefährt wieder auf festen Grund.Später in der Hotellobby ziehen Lisa, Gloria und die anderen Gäste, die den Abenteuer-Kurztrip gebucht hatten, eine Schmutzspur hinter sich her. Sie sehnen sich jetzt nach dem Komfort. Der Psychotrick hat geklappt. Der Direktor schmunzelt: "Wenn es keine Strapazen gibt, schaffen wir sie für unsere Gäste."

Matthias Schepp print

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