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Coronakrise: "Vor Freude geweint": Ultras bieten Hilfe für Betroffene – und werden dafür gefeiert

Die Kumpelkiste auf Schalke ist nur ein Beispiel: In ganz Deutschland bieten Ultras in der Coronakrise Hilfe für Bedürftige. Das bessert das öffentliche Image auf, dabei gehörte soziales Engagement schon immer zu ihrem Selbstverständnis.   

Schalker Ultras in der Nordkurve

Schalker Ultras in der Nordkurve

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Einmal rief die Mutter einer vierköpfigen Familie an, sie weinte vor Freude. Ihr Mann, die Kinder und sie mussten in der Quarantäne ausharren und hatten Schwierigkeiten, sich zu versorgen. Dann brachten Schalker Ultras Hilfe in Form von zwei königsblauen Kumpelkisten, vollgepackt mit Lebensmitteln: Nudeln, Butter, Aufbackbrötchen, ein Sack Kartoffeln, Kartoffelsalat, Bockwürste, Obst, Gemüse, H-Milch, Käse und Aufschnitt, Mehl, Schlagsahne, Zucker und passierte Tomaten. 

Einige Menschen seien schon in Tränen ausgebrochen, wenn sie angerufen hätten, um Danke zu sagen, erzählt Sebastian Buntkirchen dem stern am Telefon. Auch per E-Mail meldeten sich viele. Buntkirchen ist Leiter der vereinseigenen Stiftung Schalke hilft!, die die Ultras des Klubs tatkräftig unterstützt, wenn diese rausfahren zu den Menschen, die besonders von der Coronakrise betroffen sind. Das sei die "Zielgruppe", sagt Buntkirchen: Alte, Vorerkrankte, Menschen in Quarantäne, auch medizinisches Personal, um es zu entlasten.

Ultras: Solidarität ist eine Waffe

Überall in Deutschland organisieren Ultras derzeit Hilfsaktionen: Sie besorgen Lebensmittel, erledigen Botengänge, rufen zu Spenden auf und informieren über Hilfseinrichtungen. "Solidarität ist eine Waffe. Gemeinsam gegen den Virus!", schrieben Karlsruher Anhänger auf große Banner, die sie in der ganzen Stadt aufhängten. Ihre Stärke ist der Zusammenhalt. Das zahlt sich nun aus.

In Dortmund bietet das Fanbündnis Südtribüne Hilfe für Betroffene. Die Anhänger überschwemmten die Stadt mit Flyern, um auf die Aktion aufmerksam zu machen. "80 bis 90 Leute machen mit", sagt ein BVB-Ultra am Telefon knapp, wenn man die Hotline anruft. Bekanntermaßen reden Ultras nicht so gerne mit Journalisten. Wie reagieren die Menschen auf das Hilfsangebot? "Sehr, sehr dankbar", sagt er.  

Johannes Bagus vom Dortmunder Fanprojekt (hat nichts mit den Ultras zu tun) betont: "Sie machen das, was sie immer machen". Er meint damit das Selbstverständnis der meisten Ultragruppen, sich sozial zu engagieren, denn das haben sie schon immer getan. Nur treten sie damit bewusst nicht an die Medien heran, auch jetzt nicht, aber die Coronakrise bringt ihnen natürlich viel Aufmerksamkeit. Die haben sie auch in der Vergangenheit gehabt, aber nicht für ihr soziales Engagement, sondern für den Radau im Stadion. Entsprechend ist das Image der Ultras in der breiten Öffentlichkeit und auch unter vielen Fußball-Fans eher nicht so gut. Zuletzt brachten sie mit Schmähplakaten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp halb Fußball-Deutschland gegen sich auf. Die leidige Debatte um die Pyrotechnik nicht zu vergessen.

Ultras auf Schalke arbeiten eng mit Klub zusammen

Im Gegensatz zu den BVB-Ultras, die streng "selbst organisiert" sind, arbeiten die Ultras vom Erzrivalen Schalke 04 mit dem Verein zusammen. Sie kamen von sich aus auf den Klub zu, um eine Hilfsaktion anzuregen. Dafür griffen sie eine Idee aus den Zeiten der Flüchtlingskrise von 2015 auf: die Kumpelkisten, die eigentlich Umzugskartons sind. Diesmal werden sie mit Lebensmitteln im Wert von 35 Euro gefüllt. Die Schalke-Stiftung schießt Geld dazu, so dass die Kisten für 19,04 Euro ausgeliefert werden - eigentlich. 

Im Moment sind die Lieferungen sogar kostenlos. Dafür sorgen Spenden von außerhalb und vom Klub selbst. Und das wird noch eine Weile so bleiben. Auch, weil vom Schalker Profi Amine Harit eine große Summe eingehen wird. Der 22-jährige Profi wurde kürzlich bei einem nächtlichen Ausflug in einer Sisha-Bar in Essen von der Polizei erwischt und zu einer saftigen Geldstrafe inklusive Zahlung an die Kumpelkiste verdonnert. 

Jürgen Klopp und der FC Liverpool bedanken sich bei den Corona-Helfern

Gepackt werden die Kisten von Klub-Mitarbeitern in der Arena auf Schalke, geliefert wird von Supermärkten. Die Ultras holen die Kisten schließlich in Schichten jeweils zu zweit ab und liefern sie aus. Die Adressen werden über eine WhatsApp-Gruppe weitergegeben. Alles unter Wahrung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen, klar. Vor Ort stellen die Ultras die Kartons vor der Haustür ab und klingeln. Oft liege ein Umschlag mit Trinkgeld bereit, sagt Buntkirchen. So ähnlich läuft es republikweit bei Einkäufen, die die Ultras erledigen.

Zehn bis 20 Kisten pro Tag

Der Bedarf liegt bei 10 bis 20 Kisten pro Tag, manchmal weniger. Oft rufen die Betroffenen nicht selbst an, sondern Kinder, Nachbarn, Verwandte, die sich Sorgen machen und Bestellungen aufgeben. Der Bedarf ist in diesen bedrückenden Zeiten auf jeden Fall vorhanden. Und die Idee der Solidarität wächst und verbreitet sich genauso wie das Virus. "Das Netzwerk wird größer, die Idee kommt gut an", sagt Buntkirchen. Sogar die Arbeiterwohlfahrt sei schon auf das Projekt aufmerksam geworden und habe 50 königsblaue Kartons bestellt.

Quellen: "t-online.de", "WAZ", Kumpelkiste 2.0, Südtribüne Dortmund, "Neue Welle"

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