HOME

Chaos bei der Leichtathletik-EM: Pleiten, Pech und Gegenwind

Von der Leichtathletik-EM in Zürich erhofften sich Sportler und Zuschauer Höchstleistungen. Doch viele Pannen und Unwetter trüben die Stimmung. Und ein Athlet verspielt leichtsinnig seine Medaille.

Die Leichtathletik-Europameisterschaften in Zürich werden den Sportlern noch lange im Gedächtnis bleiben – wirklich gern werden sich jedoch nicht alle an die Wettkämpfe erinnern. Organisationspannen, Messfehler, Verwirrung um den Zeitplan, Unwetter und Übermut sorgen für herbe Enttäuschungen bei den Teilnehmern. Für Sturm und Regen können die Züricher nichts, aber Schweizer Präzision sieht anders aus. "Wir sind doch nicht bei einem Dorfsportfest", empörte sich gar Heide Ecker-Rosendahl, die zweifache Olympiasiegerin von München 1972, als Zuschauerin im Letzigrund-Stadion.

Die erfolgsverwöhnten deutschen Stabhochspringer mussten nicht nur gegen die Schwerkraft, sondern auch mit dem Wind kämpfen. Tobias Scherbarth war zwar mit der viertbesten europäischen Höhe von 5,73 Meter angereist, kämpfte jedoch mit Anlaufschwierigkeiten und scheiterte an seiner Einstiegshöhe von 5,50. "Im dritten Versuch kam dann Gegenwind dazu, es war viel Hin und Her. Irgendwann war die Luft raus. Dass das bei der EM passiert, ist ärgerlich", meinte der Leverkusener.

"Konnte meine Emotionen nicht zurückhalten"

Ähnliche Erfahrungen machten die Zehnkämpfer: Rico Freimuth und Kai Kazmirek wollten nach dem Wettkampf nur noch schnell weg, nur Arthur Abele war mit seiner Leistung zufrieden. Böiger Wind und peitschender Regen spielten den Königen unter den Athleten nicht nur beim Stabhochsprung übel mit. "Der Wettkampf ging über sechs Stunden. So etwas habe ich noch nie erlebt", meinte Abele, der mit 4,70 Metern noch ganz gut über die Runden kam. "Immer wenn ich angelaufen bin, hat es geschüttet wie aus Eimern."

15.000 Zuschauer im Letzigrund-Stadion staunten am Donnerstagabend vor allem über den Übermut von Mahiedine Mekhissi-Benabbad: Der Franzose zog als Führender im Finale über 3000-Meter-Hindernis eingangs der Zielgeraden sein Trikot aus, wie ein Fußballer beim Torjubel. Mit dem Stoff zwischen den Zähnen gewann er nach 8:25,30 Minuten und freute sich schon über seinen vermeintlich dritten EM-Titel nacheinander. Zunächst hatte er Glück, dass er dafür nur eine Verwarnung kassierte, doch nach einem Protest der Spanier wurde er disqualifiziert. "Da habe ich nicht viel nachgedacht. Ich konnte meine Emotionen nicht zurückhalten", erklärte Mekhissi-Benabbad beim Fernsehsender Eurosport völlig konsterniert.

Bittere Beschwerden bei der EM

Aber auch viele technische Probleme ärgerten die Sportler. Nach chaotischen Zuständen haben sich die Organisatoren "in aller Form" entschuldigt. "Der hohe Druck, bedingt durch die besondere Situation und die kurzfristig beschlossenen Zeitplanänderungen, hat in einzelnen Fällen leider zu menschlichem Fehlverhalten geführt", räumte Organisations-Chef Patrick K. Magyar ein.

"Die Organisatoren entschuldigen sich in aller Form für diese Vorkommnisse, bitten jedoch in Anbetracht der außerordentlichen Umstände um Verständnis", hieß es weiter. Windböen bis zu 90 km/h hätten die Kampfrichter und Helfer vor große Herausforderungen gestellt. Die Gesundheit von Athleten und Zuschauern habe immer im Vordergrund gestanden.

Zwei Episoden machten jedoch deutlich, wie die Organisatoren ihre Akzente auch setzen: Mitten in der Konzentrationsphase vor ihrem Sprung mussten Athleten schon mal warten, damit Supersprinter Usain Bolt als Stargast im Innenraum seine Botschaft loswerden oder Europas Verbandspräsident Hansjörg Wirz ein Interview geben konnte.

Bauschke verlässt weinend die Anlage

Viel schlimmer waren die technischen Probleme. Beim deutschen Zehnkämpfer Kai Kazmirek hatte es schon einen Messfehler in der Sandgrube gegeben. Ganz übel erwischte es dann aber Weitspringerin Melanie Bauschke, die weinend die Anlage verließ. Die deutsche Meisterin träumte nach 6,79 Metern im ersten Versuch schon von einer Medaille und lag lange auf dem Bronze-Rang. Doch der Sprung wurde 24 Zentimeter zu weit vermessen. "Ich bin total traurig. Die Schweden haben nach dem dritten Versuch Protest eingelegt. Da war ich geschockt", sagte die am Ende Sechstplatzierte aus Berlin. "Erst vor dem letzten Versuch haben sie mir gesagt, dass der erste nur 6,55 Meter weit war. Das war klar ein Messfehler des Kampfgerichts." Auch Weitsprung-Olympiasiegerin Ecker-Rosendahl schüttelte den Kopf: "Ein Unding."

Ein Softwarefehler im Computer sorgte zudem bei Hammerwerferin Betty Heidler in der Qualifikation dafür, dass sie einmal mehr als geplant ran musste. Die Athleten fühlten sich schlecht informiert über Zeitplanänderungen. Das Speerwerfen lief schon, als die Nachzügler im Stabhochsprung noch nicht mal fertig waren. "Es war ein Durcheinander", klagte auch 400-Meter-Läuferin Esther Cremer (Wattenscheid) über überforderte Organisatoren.

"Sechs- oder siebenmal musste man sich warm machen und kam total aus dem Rhythmus", schimpfte Diskus-Europameister Robert Harting nach einer ganz schwierigen Titelverteidigung. Als er endlich zum ersten Aufwärmwurf im Ring stand, stürzte er und verstauchte sich die Hand. "Es war sauglatt und schmierig. Das war wie Schlittschuhlaufen", beschwerte sich der Olympiasieger und dreifache Weltmeister über den neuen tückischen Belag im Ring.

Dabei waren sich die Fans und Experten sicher: Die EM in der Schweiz wird ein Erfolg. Schließlich gilt das alljährliche "Weltklasse Zürich" als bestes Meeting der Welt. Doch an dieses Spektakel kommen die Titelkämpfe nicht mal ansatzweise heran. Nicht nur der deutsche Verbandschef Clemens Prokop kritisierte die Politik der Gastgeber: "Möglicherweise rächt es sich am Ende, dass man mit den Ticketpreisen zu hoch eingestiegen ist." Tausende Plätze bleiben jeden Abend frei, und die "Neue Zürcher Zeitung" urteilte: "Die Titelkämpfe sind außerhalb der Leichtathletik-Familie noch nicht so richtig angekommen."

mka mit DPA

Wissenscommunity