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Mercedes im Titel-Duell: Wie eine Kupplung die Formel-1-WM entscheidet

In Austin kann Nico Rosberg den entscheidenden Schritt zum WM-Titel machen. Das hat Gründe: Der Mercedes-Pilot ist besser geworden - und er beherrscht ein technisches Detail in seinem Rennauto besser als Erzrivale Lewis Hamilton.

Lewis Hamilton und Nico Rosberg: Zweikampf um den WM-Titel in der Formel 1

Lewis Hamilton und Nico Rosberg: Zweikampf um den WM-Titel in der Formel 1

Das magische Zahlenverhältnis heißt 4:2. Es sind die Zahlen, die erklären, warum Nico Rosberg in dieser Saison erstmals Formel-1-Weltmeister werden kann. Viermal gewann Rosberg in den bisherigen 17 Saisonrennen den Start, während Lewis Hamilton seinen Mercedes abwürgte und wertvolle Meter verlor. Nur zweimal entschied Rosbergs Teamkollege und schärfster Konkurrent das Duell zu Beginn des Rennens für sich - ein entscheidender Nachteil. Wer im schnellsten Auto der Formel 1 in der ersten Kurve vorne liegt, und die Führung übernimmt, ist im Rennen kaum noch zu schlagen. Zuletzt war das in Suzuka und in Monza der Fall. Rosberg gewann am Start und triumphierte.

Der Grund, warum Rosberg bislang so überlegen startet, ist eine technische Komponente, die jedem Fahranfänger Probleme bereitet: die Kupplung. Gang einlegen, Gas geben, Kupplung kommen lassen, losfahren - das ist in der Formel 1, wie alles andere auch, ein hochkomplexer Vorgang. Durch Regeländerungen vor der Saison wurde die Technik der Kupplung verändert. Für den Laien: Technische Hilfsmittel beim Starten wurden verboten, es kommt jetzt mehr auf das Feingefühl des Piloten an. Bislang kommt Rosberg damit besser zurecht als Hamilton. Zudem ist die neu konstruierte Silberpfeil-Kupplung die große Schwachstelle des ansonsten technisch besten Autos. "Die Kupplung, die wir für sie herstellen, ist nicht einfach", bedauert Teamchef Toto Wolff. Aber er betont auch: "Beide Fahrer haben daran gearbeitet, sogar Machart und Nähte des Handschuhs verändert." Beide haben also die gleichen Chancen.

Die neue Stärke von Nico Rosberg

Doch die neue Stärke Rosbergs, der vier Rennen vor Schluss mit 33-Punkten die WM-Wertung anführt, erklärt sich nicht allein am dem sensibleren Umgang mit dem Kupplungshebel am Lenkrad. Der 31-Jährige hat sich fahrerisch und mental entwickelt. Der höfliche Herr Rosberg, der seiner Mutter auf einer Pressekonferenz einst artig zum Geburtstag gratulierte, ist härter geworden.

Beispiel: Ein Überholmanöver gegen Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen. Rosberg rammt den Finnen. Das hätte Rosberg früher nicht gewagt. In Singapur fuhr er im Qualifying eine Fabelrunde und deklassierte Hamilton um eine halbe Sekunde. Das war ihm vorher nie gelungen. "Auch wenn es dieses Jahr mal nicht so läuft, wie beispielsweise in Hockenheim, steckt er das weg. Die letzten zwei Jahre gegen Lewis haben Nico stärker werden lassen", urteilt "Sky"-Experte Marc im Magazin "Speedweek".

Rosberg will den Titel mehr denn je – das ist offensichtlich. Der gebürtige Wiesbadener fährt seit zehn Jahren in der Formel 1, er ist in seinem sechsten Jahr bei Mercedes und hat in den vergangenen beiden Jahren das Duell gegen Hamilton mal mehr, mal weniger knapp verloren. Rosbergs Stärke ist die Beharrlichkeit, er muss mehr für den Erfolg arbeiten.

Weniger Fehler auf der Formel-1-Strecke

Während Hamilton sein Leben zelebriert und von einem hippen Event zum anderen um den Globus jettet, verbringt Rosberg die Zeit mit den Ingenieuren und seiner Familie. Er lässt sich nicht auf Provokationen seines Teamkollegen ein, die dieser bislang meisterlich beherrschte: Und er macht unter Druck weniger Fehler auf der Strecke - ein bedeutender Faktor im Kampf mit dem Formel-1-Genie Hamilton.

Der Brite, der das Duell in den vergangenen beiden Jahren für sich entschied, galt lange als die größere Begabung. Hamilton fuhr von Beginn an in einem Spitzenteam. Er musste sich nicht hocharbeiten wie Rosberg. Er strotzte schon im ersten Jahr seiner Formel-1-Karriere vor Selbstbewusstsein. In der vergangenen Saison gewann Hamilton zehn Grand Prixs, Rosberg nur sechs. Der Deutsche kam erst zum Zug, als Hamilton als Weltmeister feststand und die Konzentration nachließ. Auch bei den Pole Positions war Hamilton 2015 klar überlegen. Er gewann elf, Rosberg nur sieben. Doch 2016 hat sich das Blatt gewendet. Rosberg holte bislang neun Siege, Hamilton lediglich sechs. Bei den Pole Positions ist es ausgeglichen. Und an dieser Stelle kommt eben wieder die Kupplung ins Spiel.

Lewis Hamilton und die Rückschläge

Allerdings hat Hamilton bislang auch das größere Pech. Er fiel zweimal aus, Rosberg nur einmal. Das zeigte Wirkung beim Titelverteidiger. Nach dem Motorschaden in Sepang, der einen großen Rückschlag im WM-Kampf bedeutete, fabulierte Hamilton über Verschwörungstheorien. Schon als es zu Beginn der Saison nicht lief, beschwerte sich Hamilton darüber, dass Mercedes das Mechaniker-Team ausgetauscht hatte. Rosberg bekam Hamiltons Leute und umgekehrt. Wie angespannt Hamilton ist, zeigte sich zuletzt auf einer Pressekonferenz vor dem Japan-Grand-Prix, wo sich der eigenwillige Star mit britischen Journalisten anlegte. Das Problem von Hamilton ist: Er hält sich für den besseren Fahrer. Doch er ahnt jetzt, dass sein großer Traum von drei Titeln in Folge zu platzen droht. Weil der Teamkollege stärker geworden ist. Das erschüttert ihn in seinem Selbstverständnis.

Am Wochenende steht der große Preis der USA in Austin an. Im vergangenen Jahr gewann Hamilton in Texas frühzeitig die WM. Er demütigte den Teamkollegen mit einem brutalen Manöver in der ersten Kurve. Diesmal sind die Voraussetzungen andere. Rosberg genügen theoretisch drei zweite Plätze und ein dritter Platz, um Weltmeister zu werden. Doch damit gibt sich der neue Rosberg nicht zufrieden. "Im vergangenen Jahr verlief das Rennen nicht nach meinem Geschmack. Deshalb freue ich mich darauf, dorthin zurückzukommen, und alles dafür zu geben, damit es in diesem Jahr besser läuft", sagte Rosberg. Mal sehen, wer am Sonntag den besseren Start erwischt.

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