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Formel-1-Pilot Vettel: Sonnyboy und abgezockter Profi

Die Neuen von Brawn-GP siegten, aber wieder war es Sebastian Vettel, der für Emotionen sorgte. Auf Platz zwei liegend schied er aus, die deutsche Fangemeinde schrie auf. Vettel ist die Hoffnung vieler: Jung, talentiert, sympathisch - der 21-Jährige tut einfach gut im sterilen Geld- und Machtapparat Formel 1.

Von Jens Fischer

Nach einem harten Kampf von fast zwei Stunden sah es so aus, als hätten die Deutschen endgültig einen neuen Helden. Hoffnungsträger Sebastian Vettel fuhr bis drei Runden vor Ende des Grand Prix von Australien auf Platz zwei liegend ein tolles Rennen, bis es krachte. BMW-Sauber-Pilot Robert Kubica wollte an Vettel vorbei, der machte keinen Platz, Unfall, Renn-Aus für beide Piloten. "Ich bin ein Idiot", dröhnte es aus dem Cockpit Vettels via Teamfunk. Eindeutiger hätte es Vettel nicht sagen können. Der Unfall geht auf seine Kappe. Und die Folgen des Blechschadens sind mannigfaltig.

Der neue deutsche Hoffnungsträger des PS-Spektakels Formel 1 hat sich einen hervorragenden Auftritt selbst kaputt gemacht und sich den perfekten Saisonstart versaut. Zumal er von den Rennkommissaren für sein Umherfahren mit kaputtem Rad mit 50.000 Dollar und dem Verlust von zehn Startplätzen im nächsten Rennen in Malaysia betraft wurde.

Spätestens hiermit sind die Emotionen rund um den vermeintlichen Michael-Schumacher-Erben nun erst einmal ein wenig eingedampft. Denn es ist nur zu offensichtlich, wie der Rennfahrer Vettel die Hoffnungen der deutschen PS-Freaks befriedigt. Abseits der Rennstrecke der charmante Sunnyboy, während der Arbeit der coole, abgezockte Vollprofi. Das ist Vettel, 21 Jahre alt, Pilot des Rennstalls Red Bull.

Ein Mann tut gut

Auch wenn diesmal noch die beiden Piloten des sensationellen neuen Teams Brawn-GP, Jenson Button und Rubens Barrichello, ganz vorne landeten, darf man Vettel dankbar sein. Denn in einem Sport, der sich in den letzten Wochen mehr durch juristische, technische und nicht zuletzt juristische Ränkespiele auszeichnete, wirkt dieser ehrgeizige junge Mann wie ein Robin Hood in der Formel Geld.

Die Auftritte des "kommenden Weltmeisters" (Formel-1-Chef Bernie Ecclestone) nehmen dem PS-Spektakel die schnöde Aura von sterilen Machtkämpfen. Bei Vettel – auch wenn er sein enormes Talent durch weitere Siege noch beweisen muss - kommen wehmütige Erinnerungen hoch an die glorreichen Schumi-Zeiten. Mitfiebern, mitleiden, mitjubeln - das können die Fans mit Vettel endlich wieder. Auch in Melbourne. Sein Ausscheiden tat weh.

Ehrliche Analyse

"Es ist sehr enttäuschend. Wir waren heute richtig schnell", meinte Vettel mit traurigem Blick nach dem Rennen. Natürlich: Im Nachhinein hätte er zwei, drei Schritte voraus denken und Kubica ziehen lassen müssen. Aber Vettel wirkte auch in der Enttäuschung sympathisch. Er sorgt im millionenschweren Wetteifern um wenige Zehntelsekunden für die emotionalen Momente.

Immense Forschungsarbeit, hungernde Fahrer, Sparen um jeden Preis, waghalsige Regeldiskussionen, nervende Gerichtsklagen - für den gemeinen Fan versank die Formel 1 zuletzt im Sumpf der Nebensächlichkeiten. Unverständliche Regel-Entscheidungen der Obersten Automobilbehörde Fia rund um Boss Max Mosley, Machtgehabe der großen Hersteller in deren Vereinigung Fota und über allem der große Ecclestone, der nur eines im Blick hat: seinen Geldbeutel.

Vettel – und was dann?

Wer taugt zum Star? Wer ist Vorbild, Sieger und zum Helden geboren? Lewis Hamilton, in Melbourne nach toller Fahrt mit schwachem Auto noch Dritter - zu glatt. Nick Heidfeld, in Melbourne unter ferner liefen, wird es wohl nicht mehr packen. Räikkönen? Massa? Nein, danke. Timo Glock, in Melbourne guter Fünfter, fehlt die Aura. Und Nico Rosberg bleibt irgendwie weiter ein "Finne".

Es gibt nur Vettel. Denn der hat alles. Talent, Ausstrahlung und noch viel Zeit, wirklich einmal Weltmeister zu werden. Früher oder später wird er in einem Top-Auto sitzen und dann holt er sich den Titel. Der 21-Jährige hat Zukunft, jetzt schon jede Menge Fans und den Boulevard auf seiner Seite. Da werden Fehler wie in Australien schnell verziehen. Es sind ja zum Glück noch 16 Rennen.

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