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Großer Preis der Türkei: Ohne Rücksicht auf Verluste

Der Crash zwischen den beiden Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber zeigt, wie sich das teaminterne Duell entwickeln wird: Ohne Rücksicht auf Verluste. Auch für zwei professionelle Egozentriker hinter dem Lenkrad ist auf der Ideallinie nur für einen Platz.

Von Elmar Brümmer, Istanbul

Als Unfallzeuge zu jenem Crash, der den festgefahrenen Großen Preis der Türkei in der 41. von 58. Runde plötzlich spektakulär gemacht hat, taugt Renn-Sieger Lewis Hamilton nicht. Der Weltmeister von 2008 hatte in seinem Chrompfeil den besten Blick auf das Geschehen vor Kurve zwölf, aber alles, was ihm dazu einfällt, ist: "Fantastisch, wie in einem Actionfilm!" Vor allem für ihn und seinen Teamkollegen Jenson Button natürlich, durch den Kollisionskurs der beiden Dosenkavaliere wird der Doppel-Erfolg im siebten WM-Lauf von Red Bull an McLaren weitergereicht. Dass Michael Schumacher mit einem vierten Platz eine weiterhin aufsteigende Tendenz zeigt, verblasst wie alles andere.

Und es zeigt, wie sich das vermeintlich so lässige Duell zwischen dem weiter in der Weltmeisterschaft führenden Mark Webber, der mit Ach und Krach den dritten Platz rettete, und dem Herausforderer Sebastian Vettel entwickeln wird: Ohne Rücksicht auf Verluste. Auch für zwei professionelle Egozentriker hinter dem Lenkrad ist auf der Ideallinie am Ende nur für einen Platz.

Das Motto lautet: Sturheit siegt


40. Runde im Istanbul Park, die einzige Verschiebung im türkischen Grand Prix scheint nur durch die aufkommende Regenwolke möglich zu sein. Spitzenreiter Webber wird vor Kurve zwölf etwas langsamer, Verfolger Sebastian Vettel, der sich schon in der Startkurve vom dritten auf den zweiten Platz geschoben hat, rauscht mit reichlich Geschwindigkeitsüberschuss heran. Motto: Sturheit siegt. Webber hält rechts stur die Spur, Vettel zieht innen gleich. und scheint einen Tick die Nase vorn zu haben. Gleich kommt der Linksknick, da braucht er Platz zum Bremsen. Der Heppenheimer ruckelt nach rechts, da ist es passiert – die beiden Boliden kollidieren, Vettel hat sich das rechte Hinterrad aufgeschlitzt und bleibt in der Auslaufzone stehen. Webber kreiselt zwar raus, muss aber nur einen neuen Frontflügel an der Box holen und nimmt dank seines Vorsprungs wieder Kurs auf Platz drei. Die Kameras fangen das Entsetzen am Red-Bull-Kommandostand ein, und Vettels wiederholte Handbewegungen – das internationale Zeichen für: "Der hat sie wohl nicht alle!"

Sofort bekommen die Diskussionen Schwung: Hat der Heppenheimer im internen Duell die Nerven verloren, oder hat ihn Webber absichtlich ins Unglück fahren lassen? Stallorder bei den Bullen gibt es nur in der ersten Kurve. Und die Meinungen der Experten gehen auseinander, selbst unter Österreichern, deren Flagge ja über dem in England angesiedelten Team weht. RTL-Grantler Niki Lauda urteilt: "Es war ein aggressives Vorfahren von Sebastian, er ist das Risiko der Kollision eingegangen." Red Bull-Berater Helmut Marko sagt: "Unter Teamkollegen und unter dem Druck der beiden McLaren hätte Mark so ein Manöver nie machen sollen." Teamchef Christian Horner im Versuch, salomonisch zu sein: "Wir haben den beiden immer nur gesagt: gebt euch ein wenig Platz, habt Respekt, achtet euch. Heute wollte keiner einen Kompromiss eingehen. Wir haben es verschenkt." Die Ingenieure hatten offenbar versäumt, Webber zu informieren, dass Vettel angreifen musste, um nicht selbst von Hamilton überholt zu werden.

Webber: Was für ein Desaster


Im Vorjahr hatte Vettel in Istanbul bereits einmal die Kontrolle über sein Auto verloren und hatte den Sieg gegen Platz drei hinter Webber eintauschen müssen. Im laufenden Championat darf er nach den anfänglichen Unzuverlässigkeiten des Autos und den zwei Siegen Webbers in Folge keinen Boden mehr verloren geben. Deshalb hält er drauf.

"Die Situation war ziemlich eindeutig", sagt Vettel nach dem Studium der Fernsehbilder über die Schuldfrage, "ich war auf der inneren Seite und habe mich nur noch konzentriert, den richtigen Bremspunkt zu finden. Und ja, völlig überraschend habe ich dann das Auto verloren. Mehr gibt es nicht zu sagen." Oder doch? "Ich denke, ich war nicht zu übereifrig und habe nur meine Chance genutzt. Gerade unter Teamkollegen ist so etwas blöd." Webber sagt ebenso schmallippig: "Was für ein Desaster!"

Wie es besser geht, aber ebenso spektakulär zeigt sich zehn Minuten später: Lewis Hamilton und Jenson Button rasen Rad an Rad auf dieselbe Schikane zu. Es wird ebenso knapp, aber Button kommt vorbei – und umgekehrt im nächsten Knick Hamilton. Die beiden haben sich clever und smart Platz gelassen – und sind in der WM nun die ersten Verfolger von Webber. Vettel ist Fünfter und muss mehr noch als das Auto seine Wut in den Griff bekommen.

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