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Großer Preis von Australien: Unberechenbarer Reigen

Die Formel 1 steht Kopf, und down under ist der ideale Ort dafür: Jenson Button und Rubens Barrichello bescheren nach einem Chaos-Auftakt dem neuen Brawn-Team einen doppelten Erfolg, Sebastian Vettel rammte seinen sicheren Podiumsplatz drei Runden vor Schluss in den BMW von Robert Kubica.

Von Elmar Brümmer, Melbourne

Nach drei Tagen (und vor allem Nächten) Protest-Weltmeisterschaft vor dem Saisonauftakt hat die Formel 1 dann doch noch die Kurve gekriegt: Die Wahrheit liegt eben aufm Asphalt. Manchmal ist sie überraschend, und manchmal ist sie ziemlich hart.

"Im Nachhinein wäre es besser gewesen, ich hätte ihn durchgewunken und wäre Dritter geworden", sagte Vettel mit einem Anflug von schlechten Gewissen nach der Kollision in Kurve drei. Der 21-Jährige war auf dem besten Weg, sich gleich zu Beginn nach seiner Beförderung in den Rennstall der großen Bullen in der Champions League einzuigeln, fünf Minuten fehlten dem Heppenheimer zum zweiten Podiums-Finish in seiner Karriere. Bis dahin war er der einzige, der Button folgen konnte. Trotzdem wäre es am Ende dann wohl Rang drei geworden, denn der BMW-Sauber von Robert Kubica nahte mit reichlich Geschwindigkeitsüberschuss, während die Reifen am Red Bull abbauten. Gleichauf rasten sie in Turn drei, der Pole schob sich außen ein Stückchen vor, zog vor der nächsten Schikane leicht nach innen – auf die Linie, von der Vettel keinen Millimeter weichen wollte.

Verlegener Vettel

Crash, Boom, Bang! Beide rissen sich die Frontflügel ab und knallten wenig später in die Mauer. Später, bei einbrechender Dunkelheit im Fahrerlager, lieferten sie sich ein Rede-Duell. An Lautstärke und Gesten ablesbar wähnte sich der BMW-Fahrer im Recht, Vettel rieb sich verlegen die Nase.

Nicht zu unrecht: Vettel wurde nach dem Rennen von den Rennkommissaren mit einer 50.000-Dollar-Strafe belegt, weil er auf drei Reifen weiterfuhr. Außerdem wird er im nächsten Rennen um zehn Plätze in der Startaufstellung zurückversetzt. Die Rennleitung sieht in dem Heppenheimer den Schuldigen beim Crash mit Kubica.

Die andere große Erkenntnis des Saisonauftakts ist eine Wahrheit, die sehr schön ist: Wenn man nämlich Jenson Button heißt und in einem Rennwagen von Ross Brawn dem australischen Sonnenuntergang entgegen fahren darf, und mit schlappen 3,9 Sekunden Vorsprung aus der ersten Runde kommt und sich in der chaotischen Schlussphase des Großen Preises von Australien fein raushalten kann. Totgesagte fahren länger – vor vier Wochen noch ohne Perspektive im Job, plötzlich der Favorit Nummer eins. Ohne die beiden Safety-Car-Phasen wäre er wie ein einsamer Cowboy dem 200. Grand-Prix-Sieg eines britischen Piloten entgegen gerast. Aber die Neu-Starts wirkten wie Wachmacher für die Fernseh-Frühaufsteher in Europa.

Barrichello macht Doppelerfolg perfekt

Rubens Barrichello im zweiten Brawn-Renner, der den Start komplett verpennt hatte (er ist ja auch der Branchen-Senior!), machte den doppelten Erfolg für das britische Team perfekt. Aufs Podium schrubbte zunächst Jarno Trulli, obwohl der Toyota wegen eines flexiblen Heckflügels ans Ende des Starterfeldes verbannt worden war und der Italiener in der Safety-Car-Phase noch von der Piste gerutscht war. Nach dem Rennen verlor er seinen Podestplatz an Titelverteidiger Lewis Hamilton. Trulli hatte während der Safety-Car-Phase überholt. Hamilton fand sich im lahmenden Silberpfeil, nach einem Getriebewechsel von Platz 18 gestartet, nach einer unauffälligen Aufholjagd ganz vorne wieder.

Als bester Deutscher durfte Timo Glock, ebenfalls einer der verbannten Toyoten, auf Rang vier gefeiert werden, Nico Rosberg im Williams rutschte als Sechster doch wieder in die Punkte. Ebenso wie der einzige Neuling im Feld, der Schweizer Sébastien Buemi, Nachfolger von Sebastian Vettel bei ToroRosso. Man muss sich erst dran gewöhnen, dass manche Namen so weit oben auftauchen in der Ergebnisliste.

Die Unfälle, das Fiasko von Ferrari mit einem Doppel-Ausfall unter den Augen von Berater Michael Schumacher, Nick Heidfelds frühes Pech – die Formel Zweitausendneu präsentiert sich als unberechenbarer Reigen. Aber von den Unfällen und Zufällen mal abgesehen, scheint sich jetzt schon der Trend auszuprägen, dass ein Rennjahr voller Überraschungen vor uns liegt. Allein für die bunte Reihe von Melbourne hat sich die Regel-Revolution schon gelohnt.

Der beste Pilot behält die Nerven

So viel wurde über die neuen Anforderungen an die Herren Rennfahrer in dieser Saison diskutiert, so viel in den Job hinein interpretiert. Aber der beste Pilot ist dann am Ende doch der, der im besten Rennwagen sitzt. Und die Nerven behält, denn auch Button musste auf den letzten Umläufen gegen den sich auflösenden Reifengummi kämpfen. Auch wenn bis zu einer Berufungsverhandlung wegen der angeblich illegalen Diffusoren in den Rennwagen von Brawn, Williams und Toyota am 14. April das Ergebnis von Melbourne noch in der Schwebe bleibt: Gratulieren ist besser als protestieren.

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