Interview mit Luca di Montezemolo "Ohne uns geht's nicht"


Luca di Montezemolo ist der Präsident des Nationalheiligtums Ferrari. Ein Gespräch mit Boxenstopps über italienische Leidenschaft und deutsche Methodik.

Mugello in der Toskana, nicht einmal die Rennstrecke kann diese zauberhafte Gegend verschandeln. Michael Schumacher brettert gerade mit seinem neuen Dienstwagen über den hügeligen Kurs, ansonsten: winterliche Ruhe. Mit der ist es vorbei, als das Flap-Flap eines Helikopters zu hören ist: Der Chef kommt, und mit einem Mal rennen die Ferrari-Angestellten aufgeregt durchs Fahrerlager. Ein Fiat-Van fährt an der Box vor, Rennleiter Jean Todt steigt aus, dann hat ER seinen Auftritt: Marchese Luca Cordero di Montezemolo, 56, Präsident von Ferrari und Maserati, Multifunktionär und wichtigster Mann in Italien - zumindest nach dem Papst und Regierungschef Silvio Berlusconi. Er hat sein Handy am Ohr, trägt einen feinen, eng geschnittenen Anzug. Man sollte sich beeilen mit dem Interview. "L'avvocato", wie der Jurist respektvoll genannt wird, ist ein viel beschäftigter Mann.

Avvocato, Sie schauen sich die Rennen immer nur im Fernsehen an?

... und zwar allein, damit niemand sieht, wie ich leide. Man weiß nie, welche Probleme es am Auto gibt, das sieht man ja im Fernsehen nicht. Deshalb rufe ich auch permanent unseren Rennchef Jean Todt am Kommandostand an.

Ihr Team gewinnt eh dauernd - allmählich könnten Sie doch entspannt an der Strecke zusehen und die Atmosphäre spüren.

Nein, nein, niemals. Ich habe auch keinen Grund, dort zu sein. Um Öffentlichkeitsarbeit für uns zu machen? Unnötig. Als wir vor ein paar Jahren in Schwierigkeiten steckten, da habe ich mich blicken lassen, um zu zeigen, dass ich dem Team sehr nahe stehe. Jetzt werde ich an der Strecke nicht mehr gebraucht, und mir ist es lieber, dass all der Glanz auf die Beteiligten fällt, dass die sich feiern lassen. Und ich hoffe, wir kommen nicht wieder in eine Situation, die meine Anwesenheit erfordert.

Keine Hoffnung für Ihre Konkurrenten?

Lieber nicht.

Können Sie verstehen, dass viele Leute genervt sind von diesen Ferrari-Festspielen?

Das ist ja das Komische. Vor ein paar Jahren hat jeder noch Angst gehabt, dass Ferrari sich aus der Formel 1 zurückzieht, falls wir nicht gewinnen. Jetzt sind plötzlich alle genervt von uns, weil wir zu viel siegen. Vergangenes Jahr haben wir uns den Titel erst in der zweiten Hälfte des letzten Rennens gesichert. Also, mir reicht das an Spannung.

Andere Teams gehen beim Design ihrer Neuwagen mehr Risiko ein, bauen revolutionäre Frontflügel und dergleichen. Ihr F2004 sieht auf den ersten Blick aus wie sein Vorgänger. Haben Sie spektakuläre Neuentwürfe nicht nötig?

Exakt den gleichen Frontflügel, den Williams da jetzt entwickelt hat, haben wir vor vier Jahren schon im Windkanal getestet. Hat uns nichts gebracht. Mal schauen, ob er Williams hilft. In der Formel 1 sind Entwicklungsschritte nur sehr klein, deshalb ist die Konkurrenzsituation auch so eng. Und deshalb bin ich so stolz auf unseren letzten Titelgewinn und auf Michele.
Sein Handy klingelt. Sorry, nur eine Sekunde.
"Pronto? Ciao, ich ruf später an, ich bin mitten in einem Interview. - Wie bitte?" Wieder die entschuldigende Geste.
Eine Sekunde.
Etwa zweihundert Sekunden später sagt er ins Handy: "Grazie, ich umarme dich, ciao."
Tut mir leid. Äh, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Michele. Überlegen Sie mal: Keiner hat so viele Rennen gewonnen wie er, und kein Fahrer war so lange bei Ferrari. Und vor allem: Wenn er seine Karriere beendet, dann bei uns. Was ich damit sagen will - unsere größten Stärken sind Menschlichkeit, Teamgeist, Motivation und ein großer Respekt voreinander.

Aber wenn man sich anschaut, wer bei Ihnen das Sagen hat, bekommt man den Eindruck, zugunsten des Erfolges habe Ferrari seine italienische Seele eingebüßt.

Die Formel 1 ist nun mal ein internationales Geschäft, und schauen Sie sich Williams an - die sind noch internationaler besetzt. Oder McLaren: Deren Aerodynamik-Chef ist ein Grieche. Wir haben 800 Leute bei Ferrari, davon sind gerade mal zehn Prozent Ausländer. Ich will diesen Mix aus italienischem Enthusiasmus, Passion und deutscher Methodik. Und schauen Sie sich bei uns um: Sie werden Italiener sehen, ein rotes Auto, Tortellini...
Das Handy. Es ist ihm allmählich peinlich.
Sorry.
"Pronto! Si." - "Si." - "Un secondo." Er entschuldigt sich wieder, jetzt hat es in seinem Handy nämlich auch noch angeklopft.
Ein anstrengender Tag.
"Bitte bleiben Sie dran, eine Sekunde." Und zum ersten Anrufer: "Also, schnell bitte." Er hört geduldig zu, nach zwei Minuten verabschiedet er sich: "Ja, das mache ich ganz sicher, das mache ich ganz sicher. Ciao." Er wendet sich dem in der Leitung Wartenden zu: "Hello? Yes, where are you?" Er fährt sich mit der Hand durchs Haar, die große Montezemolo-Geste. Wenige Minuten später wünscht er einen schönen Tag und natürlich: "Eine Umarmung."

Bene, wir rekapitulieren: Ihre Pasta ist italienisch, der Motor, der Ferrari-Präsident. Und trotzdem hätten die Tifosi gern mal einen Landsmann im Cockpit, nicht wahr?

Uns geht es ja nicht um Popularität, sondern um Leistung. Wir sind zum Siegen verpflichtet, selbst für zweite Plätze werden wir kritisiert. Außerdem haben wir schon die beiden besten Fahrer der Welt.

Sie haben den besten. Und Barrichello.

Er hat eine hervorragende Saison abgeliefert, höchst motiviert, gereift und perfekt mit Michael vernetzt. Also, wir brauchen im Moment keinen anderen Fahrer.

Heißt das, Ihr Team soll gemeinsam altern und in den verdienten Ruhestand gehen?

Oh, die Zeit drängt, können wir gleich im Helikopter weiterreden? Ich möchte noch Michele hallo sagen. Ist das in Ordnung? Äh... Er springt auf, mit wehendem Schal durchschreitet er das Fahrerlager, sein Hofstaat wimmelt dienstbeflissen um ihn herum. Wir gehen in die Box. Jeden seiner Angestellten begrüßt Montezemolo euphorisch. Fragt nach dem Befinden und fügt hinzu: "Seid ihr auch alle hochkonzentriert?" Er läuft hektisch durch die Garage, fragt: "Wann kommt Michele in die Box?" Die Ingenieure am Kommandostand zucken mit den Schultern. Eine Runde später steht der Wagen aufgebockt in der Garage, die Reifen abmontiert. Montezemolo fasst jeden an, um die Temperatur zu prüfen, um Formel 1 zu fühlen. Schumacher klettert aus dem Cockpit, nimmt den Helm ab. Noch ehe er weiß, wie ihm geschieht, hat ihn Montezemolo fest an die Brust gedrückt. Wie einen Freund, den er jahrelang nicht mehr gesehen hat. Beide lächeln für den Fotografen, und einen Augenblick später ist Montezemolo auch wieder aus der Box gestürmt. Schumacher grinst: "Was ist denn hier los?" Doch da kommt schon ein Ferrari-Angestellter: "Bitte, der Presidente muss weiter." Draußen läuft der Motor des Fiat-Vans. Der Chauffeur düst durchs Fahrerlager, auf einmal schreit Montezemolo: "Stopp!" Er reißt die Tür auf und lehnt sich aus dem Wagen, ruft ein paar Wortfetzen zum Rennstreckengebäude, von wo aus ein grauhaariger Mann ehrfürchtig herüberschaut.

Wer war das denn jetzt?

Der Reporter der "Gazzetta dello Sport", den kenne ich schon seit dreißig Jahren. Der ist bei jedem Rennen, jedem Test. Und jedes Mal fragt er mich: "Kann ich ein Interview haben?" Ich antworte immer: "Eigentlich müsste ich ein Interview mit dir machen." Der weiß mehr als ich. Der Hubschrauber ist schon angelassen. Der Avvocato sieht jetzt zum ersten Mal wirklich entspannt aus. 20 Minuten, in denen das Handy nicht klingeln kann.

Sie wollten noch über Michael Schumacher sprechen.

Ja, er identifiziert sich mit Ferrari wie kein Fahrer zuvor. Ein wundervoller Mensch! Ich liebe seine Kinder, seine Frau! Ich verbringe gern Zeit mit seiner Familie. Und Michael und ich teilen eine große Liebe: Harley Davidson. Wir wollen eine Tour durch die Toskana machen. Sie sehen, das ist keine rein berufliche Beziehung.

Fällt es Ihnen deshalb so schwer, über einen Nachfolger für ihn nachzudenken?

Warum sollte ich das überhaupt tun? Wir erleben gerade einen Generationswechsel in der Formel 1. Also können wir uns den passenden Mann in aller Ruhe aussuchen. Ein junger Fahrer muss kontinuierlich herausragende Leistungen bringen, bevor wir uns mit ihm beschäftigen, nicht nur eine gute Saison. Erst nach zwei, drei Jahren kann man wirklich ein Urteil fällen.

Macht es nicht mehr Sinn, jetzt ein Talent an Schumachers Seite auszubilden?

Bei Ferrari ist kein Platz für unerfahrene Piloten.

Gilt das auch für den spanischen Renault-Piloten Fernando Alonso?

Absolut.

Erstaunlich!

Er ist ein Kandidat für die Zukunft, er hat großes Potenzial. Aber mit ihm ist es ähnlich wie damals mit Michael bei Benetton: Ein fantastisches Talent, dem man noch Zeit geben muss. Der Marchese brüllt gegen den Lärm des Helikopters an. Bringt ihn das aus der Fassung? Natürlich nicht.

Herr Montezemolo, im Streit mit Formel-1-Chef Bernie Ecclestone waren Sie der Wortführer auf Seiten der Autohersteller. Nun gibt es eine Einigung mit Ecclestone und den Banken, aber Details sind noch nicht bekannt. Verraten Sie uns welche?

Die Erklärung, die beide Seiten unterschrieben haben, muss nun in ein Vertragswerk übersetzt werden. Ich bin zufrieden mit dem Deal. Die Zukunft der Formel 1 ist für die nächsten zehn Jahre gesichert, wir haben mehr Transparenz und einen größeren Spielraum für die Autofabrikanten. Mehr kann ich nicht sagen.

Die Entscheidungsträger bleiben die gleichen, hat sich überhaupt etwas geändert?

Der Einfluss der Autohersteller wird sich gewaltig steigern. Wir werden mitreden, wenn es darum geht, ob wir in Shanghai oder Südafrika fahren. Sonst hätte ich diese Erklärung nicht unterzeichnet. Bedenken Sie: Die Formel 1 braucht Ferrari.

Ist Ferrari wichtiger für die Formel 1 als die Formel 1 für Ferrari?

Bei allem Respekt vor den Konkurrenten: Ohne Ferrari wäre die Formel 1 nicht mehr die Formel 1, aber Ferrari ohne Formel 1 wäre auch ein anderes Ferrari.

Die Konkurrenz ist offenbar neidisch auf Ihre guten Drähte zum Weltverband Fia...

Ganz ohne Polemik - das hätte jedes Team mit unserer Tradition. Eine Bevorteilung unseres Teams kann ich nicht erkennen.

Und die Gerüchte, dass Sie einen üppigen Bonus kassiert haben, um mit den Autoherstellern und Teams gemeinsame Sache gegen Ecclestone zu machen?

Die treffen zu. Ich sehe uns da aber völlig im Recht. Wie bereits gesagt: Ohne uns ist die Formel 1 nicht vorstellbar. Und wenn sich Teams wie etwa Jordan darüber beklagen, dann muss ich Ihnen sagen: Das kommentiere ich nicht einmal. Der Helikopter setzt zur Landung an.

Avvocato, eine letzte Frage: Wenn demnächst der Aufsichtsrat für die neue Formel 1 besetzt wird, müssten Sie doch den Vorsitz übernehmen, oder?

Ferrari wird sicher eine große Rolle spielen, darauf können Sie sich verlassen. Aber als Vorsitzender wäre ich zu jung. Und außerdem: viel zu beschäftigt.

Interview: Markus Götting und Giuseppe Di Grazia

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker