HOME

Norbert Haug: "Man muss sich auch trennen können"

Gleich drei Fahrer haben beim letzten Rennen in Sao Paulo die Chance, Formel-1-Weltmeister zu werden - Norbert Haug, Mecedes-Sportchef, über seinen rebellischen Star Fernando Alonso und eine denkwürdige Saison.

Herr Haug, für den Fall, dass Ihr Fahrer Fernando Alonso am Sonntag Weltmeister wird, wie würden Sie ihm gratulieren?

Von Herzen. Ich bin Sportsmann – ob er das in allen Äußerungen war, darüber können wir mal nach der Saison sprechen. Der Titel wäre eine große Leistung für unser Team. Und das in einem Jahr, in dem man es uns nicht leicht gemacht hat – und wir es uns selbst manchmal auch nicht leicht gemacht haben.

Was würde Mercedes dazu sagen, wenn Sie Dieter Zetsche, dem Konzernchef, in diesem Interview raten, lieber zu schweigen als zu lügen – wie es Alonso über seinen McLaren- Teamchef Ron Dennis gesagt hat?

Das ist zunächst mal eine Stilfrage, die ich, so lange die Saison läuft, bestimmt nicht kommentieren will. Aber Fernando ist sein eigener Unternehmer, ein freier Mitarbeiter. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass ich nicht mal im Ansatz über solche Äußerungen nachdenken würde.

Haben Sie eine Erklärung für Alonsos Vorwurf, er werde vom Team benachteiligt?

Nach 16 Rennen trennen unsere beiden Fahrer ganze vier Punkte, das geht nicht mit Benachteiligung. Ob Fernando etwas anderes empfindet, weiß ich nicht. Dass er etwas anderes sagt, kann man nachlesen. Aber er hat ganz sicher nicht recht.

Irgendwann muss doch auch Ihre Schmerzgrenze erreicht sein.

Wenn uns jemand öffentlich kritisieren will, muss das nicht heißen, dass wir dessen Stil kopieren, ganz im Gegenteil. Wir sind zu Unrecht kritisiert worden, aber es kommt niemals für uns in Betracht, dem Fahrer das auf technischem Sektor heimzuzahlen. Wir wollen die absolut gleichen Voraussetzungen, weil das unser Sportsgeist ist und weil das Team nur so vorankommt.

Hätten Sie sich nicht eine Menge Ärger erspart, wenn Sie Weltmeister Alonso den Status als Nummer eins gegeben hätten?

Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht den Erfolg gehabt hätten, wenn sich die Fahrer nicht aneinander hätten messen können, das ist für uns gar nicht praktikabel. Was wir allerdings nicht wissen konnten, war, dass der Formel-1-Lehrling Lewis Hamilton so gut fährt wie ein Weltmeister. Möglicherweise ist auch das Teil des Problems, aber für das Team ein sehr angenehmes.

Kann Alonso nächste Saison überhaupt noch bei McLaren-Mercedes fahren?

Das diskutieren wir nach der Saison. Jetzt sind alle Kräfte erforderlich, um beim Finale alles richtig zu machen. Unter schwierigen Bedingungen besser zu sein ist ein hoher Anspruch.

Andersrum: Wenn er partout gehen will, würden Sie ihn ziehen lassen?

Kommt darauf an. Wenn jemand seinen absoluten Willen ausdrückt, nicht zu können und nicht zu wollen, dann gäbe es Mittel und Wege der Trennung. Wir haben einen gültigen Vertrag, und nach dem letzten Rennen wird sich zeigen, was Sache ist. Es gibt ja auch die Mutmaßung, wir könnten Alonso nächstes Jahr auf Eis legen und einfach nicht fahren lassen. Das ist überhaupt nicht unser Stil. Wir werden niemanden abstrafen, auch wenn er sich falsch verhalten haben sollte.

Aber Sie können sich doch nicht ewig vorführen lassen?

Ich bin großer Förderer der Fahrer, ich bin aber ein noch größerer Kritiker, wenn erforderlich. Gelegentlich muss man auch einen Strich druntermachen, das hat sich bei Nigel Mansell und Juan Pablo Montoya gezeigt. So prosaisch es in diesem Zusammenhang klingen mag: Man muss sich auch trennen können, was ausdrücklich nicht bedeutet, dass hier Beschlüsse gefasst sind.

Der Ärger mit Alonso, die Spionageaffäre mit Ferrari – wie dicht stand Mercedes vor dem Formel-1-Ausstieg?

Das war für uns kein Thema. Fakt ist, dass ein Mitarbeiter falsch gehandelt hat, und es die Regeln der FIA, des Automobilweltverbandes, zulassen, dass dafür ein Team bestraft wird. Das müssen und haben wir akzeptiert. Entscheidend für uns war aber, dass wir ausschließlich mit unseren eigenen Ideen dahin gekommen sind, wo wir jetzt stehen, und das Team keine Kenntnis des Materials besitzt.

Mercedes ist mit 40 Prozent an McLaren beteiligt – wer zahlt nun die 100 Millionen Dollar Strafe für das Urteil im Spionageprozess?

McLaren, und es schlägt dort aufs Jahresergebnis durch. Das geht zulasten der vier Teilhaber, und damit auch zu unseren.

Ferrari-Chef Luca di Montezemolo behauptet vor dem letzten Rennen am Wochenende: Wenn ein Mercedes-Pilot den Titel holt, steckt da auch Ferrari drin.

Das würde 160 Seiten FIA-Aufzeichnungen und Urteilsbegründung widersprechen. Die Kommissare des Automobilweltverbandes haben unsere Autos komplett durchleuchtet und nichts gefunden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Herr Montezemolo sich unseren Autos jemals näher als auf der Startaufstellung üblich genähert hat. Selbstverständlich sagt Ferrari-Rennchef Jean Todt, dass der ganze Druck jetzt auf McLaren-Mercedes liegt. Es ist aber anders: Wir haben zwei Titelkandidaten mit Punktevorsprung, er einen mit Punktedefizit.

Sie haben fünf Jahre mit dem jetzigen Ferrari-Piloten Kimi Räikkönen gearbeitet. Wie reagiert der Finne unter Druck?

Der ist vollkommen cool und lässt sich von außen nicht beeinflussen. Nur manchmal quatscht er halt ein bisschen viel … (grinst). Ein sehr eigener Typ, ich mag Kimi sehr, er kann den Druck aushalten. Und wenn doch nicht, dann bin ich in diesem Jahr weniger traurig als im letzten.

Sind Ihre beiden Fahrer auch so cool?

Extrem cool sogar. Im Auto sind sich Lewis und Fernando wirklich am ähnlichsten. Das ist ja auch das Phänomen, bei allen Diskussionen – wenn es losgeht, sind sie sehr schnell und dicht beieinander und haben bisher eine ganz niedrige Fehlerrate.

Außer, wenn sie sich gegenseitig von der Piste hauen. Machen die beiden das in São Paulo, könnte Räikkönen der lachende Weltmeister sein.

Es ist klipp und klar so: Sobald ein Formel- 1-Rennen losgeht, zumal ein Finale, dann ist die Mahnung zur Vorsicht etwa so Erfolg versprechend wie der Versuch, eine Kugel langsam aus dem Gewehrlauf kommen zu lassen.

Was macht Hamilton so außergewöhnlich?

Über allem steht das Talent und sein Wille zur Arbeit. Es kommt ihm sehr zugute, dass ihn sein Vater gut gecoacht hat. Er hat ihm früh vermittelt, wenn in der Schule nichts läuft, läuft auch im Motorsport nichts. Das hat Lewis kapiert. Als er beim Formel-1-Lauf in Spa nicht zufrieden war mit seiner Rennwagenabstimmung, hat er eine Woche an Verbesserungen getüftelt, danach fuhr er zweimal auf Startplatz eins und gewann in Japan bei schwierigsten Bedingungen. Mit der Fitness ist es ähnlich. Und die Leistungsfähigkeit hilft ihm bei den mentalen Belastungsspitzen in der Saison. Wer diese Berg-und-Tal-Fahrt aushält, gewinnt an Charakter.

Klingt ganz nach Michael Schumacher.

In der Einstellung, in der Strebsamkeit sehe ich durchaus Parallelen zwischen den beiden. Auch im Talent und der Herangehensweise, alles zu hinterfragen. Es ist mir nur zu viel Hype, wenn die Leute sagen, Lewis sei der Retter der Formel 1, der neue Schumacher. Man kann nicht nach 16 Rennen der neue Schumacher sein. Aber er hat eine neue Messlatte für Neueinsteiger gelegt.

Wann erleben wir den ersten Deutschen im modernen Silberpfeil?

Sobald ein Platz frei ist und sich einer anbietet. Wir wollen immer den besten verfügbaren Fahrer haben.

Wir könnten Ihnen Nico Rosberg empfehlen.

Nico ist einer, der Parallelen zu Lewis aufweist, und der – übrigens auf McLarenund Mercedes-Kosten – zwei Jahre lang schon sein Teamkollege im Kart war. Es ist beeindruckend, wie sich Nico bei Williams profiliert hat, aber er hat dort einen Vertrag. Und ob es bei uns etwas zu besetzen gibt, muss sich, wie gesagt, erst zeigen.

Hamilton könnte schon Weltmeister sein, wenn Sie beim letzten Rennen in Shanghai nicht so hoch gepokert und ihn früher zum Reifenwechsel an die Box geholt hätten. Machen Sie sich keine Vorwürfe?

Ich habe mich seit dem Rennen in China oft gefragt: Wie kann man den Titel, wenn er einem bei dieser Gelegenheit so auf dem silbernen Tablett serviert wird, nicht annehmen? Als Lewis im Kiesbett steckte, habe ich mich daran erinnert, wie Schalke 04 vor Jahren schon mal für vier Minuten Meister war. Das war noch schlimmer, denn wir können es am Wochenende immer noch packen. Warum sollte bei uns in diesem Jahr auch irgendetwas leicht gehen? Aber am Schluss wird zusammengezählt, wir führen seit einem halben Jahr die Weltmeisterschaft an, da werden wir es wohl auch noch ’ne halbe Woche schaffen.

Hamilton hat gedroht, nicht mehr lange in der Formel 1 zu bleiben, wenn so viel Politik im Spiel ist.

Na und? Soll jetzt der Onkel Norbert kommen, und ihn schimpfen: Lewis, wie kannst du so etwas sagen? Es ist gut, wenn das rausbricht aus ihm. Künftig wird er wohl lieber im geschlossenen Raum gegen die Wand treten, bevor er draußen so etwas sagt. Aber ich weiß, dass er trotzdem seine Meinung vertreten wird.

Sie nehmen die Drohung nicht ernst?

Ich habe ihm im Spaß schon mal vorgeschlagen: Komm, vergiss die Rennerei. Wir machen eine ordentliche Rock’n’Roll- Band, denn Lewis ist begeisterter Musiker. Da hat er gleich gesagt: Oh, no, no, no. Sorry, I need to drive - das kann ich wirklich nicht tun.

Interview: Elmar Brümmer und Harald Kaiser / print

Wissenscommunity