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Nach Seuchenjahr 2018: Fußball-Nationalelf: Was Hoffnung für die Zukunft macht - und was nicht

Nach dem 2:2 gegen die Niederlande herrscht rund um die Nationalmannschaft Ratlosigkeit. Auch das letzte Spiel des Jahres hat nicht klar gemacht, wohin die DFB-Elf steuert. Was macht Hoffnung? Was macht Sorge? Eine Bestandsaufnahme.

Nationalmannschaft: DFB-Spieler Müller, Hummels und Rudy trotten vom Platz

Kein Grund zum Jubeln: Die Nationalspieler Thomas Müller, Mats Hummels und Sebastian Rudy (v.l.) zeigen nach dem 2:2 gegen die Niederlande in Gelsenkirchen, dass die DFB-Elf in einer Krise steckt.

DPA

Man kann das, was der deutschen Fußball-Nationalmannschaft jetzt bevorsteht, spannend nennen. Von Sieg zu Sieg wird "die Mannschaft" jedenfalls nicht eilen. Selten in ihrer Geschichte steuerte die ruhmreiche DFB-Auswahl in rauheren Gewässern, die Unsicherheit war vielleicht sogar noch nie so groß wie jetzt. Schafft Polen am Abend in der Nations League ein Remis gegen Portugal, würde der ohnehin schon tief gestürzte Ex-Weltmeister bei der Auslosung zur EM-Qualifikation nicht einmal mehr gesetzt - und damit wohl einem schweren Top-Team zugelost. Kann es wirklich passieren, dass sich Deutschland nicht für eine Endrunde qualifiziert? Am Ende des erfolglosesten Jahr in der Geschichte der Nationalelf gilt dieser Super-Gau des deutschen Fußballs nicht mehr als unvorstellbar.

Wohin steuert Joachim Löw das deutsche Team im kommenden Jahr? Gibt es Hoffnung auf eine rasche Rückkehr in die Weltspitze? Eine Bestandsaufnahme.

Umbruch ist da vs. Umbruch ist erzwungen

Gut: Der längst überfällige Umbruch ist eingeleitet. Im letzten Spiel des Jahres gegen die Niederlande standen mit Neuer, Hummels und Kroos nur noch drei Weltmeister auf dem Platz. Gegen Russland waren es noch weniger. Die jungen Spieler haben einer Mannschaft, die sich vor allem während der WM als satt und ausgebrannt präsentiert hat, auf jeden Fall neues Leben eingehaucht. Das nährt Hoffnung auf bessere Zeiten, wenngleich die letzten Minuten gegen die Niederländer überdeutlich gemacht haben, dass das alles nur ein Anfang sein kann. Die neue Mannschaft muss sich noch finden. Wie gut sie sein kann, wird sich erst danach zeigen.

Schlecht an diesem Umbruch ist, dass er erzwungen ist. Nach dem blamablen 0:3 im Nations-League-Hinspiel gegen Holland konnte Joachim Löw gar nicht mehr anders. Das zeugt weder von Innovationskraft noch davon, dass Löw wirklich von diesem Umbruch überzeugt ist. Dazu passt, dass er ständig betont, dass junge Spieler Führung durch einige erfahrene Stars brauchen, statt die Chancen eines Umbruchs zu betonen und die Jungen stark zu reden. Dass er mit Leory Sané nun einen echten Hoffnungsträger bringen kann, ist nicht Löws Verdienst. Seine Entscheidung den Man-City-Jungstar nicht zur WM mitzunehmen, stieß seinerzeit international auf Unverständnis. Im ARD-Interview nach dem Holland-Spiel bezeichnete Löw die Entscheidung als "Schnee von gestern"; dass er selber aus solchen Entscheidungen Lehren zieht, ließ er nicht erkennen.

Personal: Schnelle Offensive vs. altbackene Defensive

Gut: In erster Linie nährt der neue Sturm mit Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané die Hoffnungen auf einen Neuanfang im kommenden Jahr. In jedem Fall hat das Trio einer fußlahmen Mannschaft wieder zu mehr Tempo und Spaßfußball verholfen. Durch die Umstellung auf dieses Trio erzielt die Mannschaft wieder mehr Tore. Was andererseits nicht schwer ist: Das Toreschießen hatte der Ex-Weltmeister zuletzt fast völlig eingestellt. In acht von 13 Spielen im abgelaufenen Jahr schossen die Deutschen kein oder bestenfalls ein Tor. Nur beim Test gegen Russland (3:0) gab es mehr als zwei Tore - immerhin größtenteils durch das junge Sturmtrio. Ob die beschleunigte Offensive die Klasse hat, die DFB-Elf ganz oben mitspielen zu lassen, muss sich aber noch zeigen. In den beiden letzten Spielen glänzte sie jeweils nur eine Halbzeit.

Schlecht: "Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr Meisterschaften", lautet eine alte Fußball-Weisheit, die die deutsche Elf derzeit eindrucksvoll belegt. Die Unordnung in der Defensive zieht sich durch das ganze Seuchenjahr 2018 und verhagelte dem Löw-Team auch den versöhnlichen Abschluss gegen die Niederlande. Zuerst lud man Oranje mit zunehmender Spielzeit zum Anschlusstreffer ein und war danach nicht in der Lage, das Spiel über die letzten Minuten zu retten. Anders gesagt: Kaum machten die Holländer ernst, brachen schon die Dämme. Da half auch nicht, dass Löw gerade in der Abwehr erfahrene Leute brachte. Hinzu kommt: Auch wenn Manuel Neuer an den Treffern schuldlos war, bleibt der Eindruck, dass er seit seiner Verletzung nicht mehr in der Lage ist, auch mal einen "Unmöglichen" zu halten.

Neuer Realismus vs. zu wenig Mut

Richtig muss man es wohl nennen, wie die deutsche Mannschaft derzeit auftritt. Richtig jedenfalls dann, wenn man keine bessere Idee hat und nicht noch schlechter abschneiden will als man das ohnehin schon tut. Es ist das alte Mittel, das Bundesligisten in der Krise anwenden. Die Dreierkette, die Löw derzeit in der Abwehr aufbietet, ist in Wahrheit eine durch die Außen schnell ergänzte Fünferkette. Die Zeiten, in denen das deutsche Team einen Gegner über weite Strecken am eigenen Strafraum beschäftigte, in besten Phasen praktisch permanent unter Druck setzen konnte, sind also augenscheinlich vorerst vorbei. Begeisterung erzeugt das allerdings kaum; die "Grabesstille" auf den Rängen während der letzten beiden Länderspiele machte das überdeutlich. Dumm nur, dass die Mannschaft dadurch trotzdem nicht wirklich stabiler wurde. Das alles machten den Eindruck: Mehr ist derzeit nicht drin.

Schlecht: Nach Aufbruch sieht das weiß Gott nicht aus. Doch ist es wirklich so, ist wirklich nicht mehr drin? Oder ist es nicht eher so, dass das Team unter Joachim Löws Mutlosigkeit leidet? Stünde die Mannschaft nicht längst besser da, hätte Löw gleich nach der WM-Katastrophe auf den Neuanfang gesetzt, die Zeit also besser gentutzt? Dass er Sané nach dem 0:3 gegen Holland Mitte Oktober bringen musste, war ein risikoloser Selbstläufer. Gnabry kam in seinem Windschatten gleich mit in die Mannschaft - mit dem dauerkriselnden Thomas Müller konnte es schon längst nicht weitergehen. Ein Hoffnungsträger wie Mittelfeldmann Kai Havertz aber ist nach einem Testkick gegen Russland gleich wieder außen vor. Wieder andere, wie beispielsweise der Augsburger Außenverteidiger Philipp Max oder der seit Jahren hochgelobte Gladbacher Mittelfeldmann Florian Neuhaus warten dagegen weiter auf ihre Chance im A-Team. Dabei hatte sich Löw beim Confed-Cup 2017 doch selbst vorgemacht, wie man mit einem gut aufgestellten jungen Team Erfolge feiern kann. Immerhin: Bis zu den nächsten Spielen im März kann sich der Coach darauf besinnen.

Mit einer Sache wird die deutsche Mannschaft aller Voraussicht nach auf jeden Fall länger zu kämpfen haben: ihr Nimbus ist erst einmal weg. Deutschland ist schlagbar geworden, das dürfte inzwischen jedes Nationalteam gemerkt haben. Löws Mannschaft wird das während der EM-Qualifikation, deren Gruppen Anfang Dezember ausgelost werden, zu spüren bekommen. Sollte die Truppe die Endrunde verpassen, ist das Ende von Löw unweigerlich gekommen. Wie gesagt: Man kann das auch spannend finden, was jetzt auf die DFB-Elf zukommt.

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