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1. Bundesliga: Der BVB profitiert von der Pleiten der Konkurrenz

Jubel und gewohntes Understatement in Dortmund, Frust und Ärger bei den Bayern und auf Schalke. Im Kampf um die Meisterschaft könnten die Gemütslagen der Titelkandidaten kaum unterschiedlicher sein. Bei den Bayern geraten mit Thomas Müller und Jerome Boateng mittlerweile sogar schon die Spieler aneinander.

Gerade in Dortmund will von einer Vorentscheidung im Titelkampf niemand etwas wissen. Dabei lief der 24. Spieltag bisher – der vierte Spitzenclub aus Mönchengladbach muss noch in Nürnberg antreten – wie gemalt für den BVB. Das 2:1 gegen den FSV Mainz war der achte Sieg in Folge, die Verfolger aus München und Gelsenkirchen patzten dagegen bei ihren Auswärtsauftritten in Leverkusen und Freiburg.

Dortmund fast so erfolgreich wie im Meisterjahr

Die Gesänge auf der bebenden Südtribüne waren ähnlich laut und leidenschaftlich wie bei der Titelfeier im vorigen Mai. Begleitet vom Fan-Refrain "Und schon wieder deutscher Meister BVB" tanzten die Dortmunder Profis ausgelassen auf dem Rasen und feierten den Vereinsrekord von acht Siegen in Serie. "Wir freuen uns sehr über dieses Wochenende. Die Niederlage der Bayern war ein Riesenansporn", kommentierte Torhüter Roman Weidenfeller mit breitem Lächeln. "Wir sind jetzt wieder so gut wie im Meisterjahr", ergänzte Manndecker Mats Hummels.

Erneut scheint der Revierclub auf gutem Weg zur Bundesliga-Alleinherrschaft. Das Punkte-Konto weist lediglich drei Zähler weniger auf als nach dem 24. Spieltag der vorigen Saison. Und ähnlich wie damals stürmen die Borussen zwar von Sieg zu Sieg, bevorzugen aber jenseits des Rasens das Understatement. Hummels entpuppte sich auch in verbaler Hinsicht als Meister der Defensive. Zwar befürchtet er für die kommenden Wochen keinen Einbruch seines Teams, wollte aber nicht von einer Vorentscheidung im Titelkampf sprechen: "Der FC Bayern ist für alle weiter der Top-Favorit."

Ähnlich wie die Profis mied auch Hans-Joachim Watzke das M-Wort. "Jetzt fangen wieder alle an, uns zum Titel zu gratulieren, aber wir dürfen uns das nicht einreden lassen", sagte der BVB-Geschäftsführer. "Die Bayern hatten in der Hinserie auch schon acht Punkte Vorsprung auf uns. Das zeigt, wie schnell man das verspielen kann."

Dennoch sprechen vor allem zwei Dinge für eine weitere Meisterparty: Der aktuelle Tabellenstand und die Mentalität der Mannschaft. Mit unbändigem Willen und bemerkenswerter Raffinesse zwingt sie derzeit jeden Gegner in die Knie. Allerdings steht das direkte Kräftemessen mit den weiteren Spitzenteams aus München, Schalke und Mönchengladbach noch aus. Diese drei möglicherweise vorentscheidenden Partien bestreitet der BVB binnen eineinhalb Wochen im April. Mit Blick auf diesen Showdown verzichtete Trainer Jürgen Klopp auf forsche Sprüche zum Meisterkampf: "Wir haben nicht das Gefühl, schon halb im Ziel zu sein. Wir bringen uns nur in Position für ein spannendes Finish."

Bayern trifft auswärts das Tor nicht mehr

Bei den Bayern war der Frust dagegen riesengroß. "Nach dem heutigen Tag müssen wir sicherlich nicht mehr von der Meisterschaft reden", stellte der total frustrierte Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger nach dem vielleicht vorentscheidenden Tiefschlag fest und fügte wohlwissend hinzu: "Natürlich kommt jetzt die Kritik und wir sind unter Druck."

Dies gilt auch für Chefcoach Jupp Heynckes, der als Fußball-Weiser eine Art Brückenbauer in eine glorreiche Zukunft sein sollte und nun vielleicht sogar um seinen Arbeitsplatz bangen muss, auch wenn die Verantwortlichen eine Diskussion auf alle Fälle vermeiden wollen. "Wenn man Trainer beim FC Bayern ist, muss man mit solchen Situationen umgehen, gelassen und souverän sein", sagte der 66-Jährige, den Nerlinger aber demnächst zum Gespräch bitten will: "Zum gegebenen Zeitpunkt. Den muss ich nicht verkünden."

Die Bayern brachten sich ähnlich wie in Freiburg (0:0), in Hamburg (1:1) oder beim FC Basel (0:1) wegen eklatant schlechter Chancenverwertung selbst um den Erfolg - und wohl auch um die 23. Meisterschaft. "Wenn man so hochkarätige Chancen nicht nutzt, kann der Schuss nach hinten losgehen", sagte Heynckes. Weder David Alaba (2. Minute) noch Arjen Robben (13.), Thomas Müller (36.) oder Mario Gomez (40.) konnten allerbeste Möglichkeiten in Tore ummünzen.

Dass die Bayern-Profis Jerome Boateng und Müller in der 29. Minute lautstark und handfest aneinandergerieten, passte ins Bild des alles andere als harmonischen Teamgefüges. "Das ist gar nicht schlecht. Es muss ein bisschen Feuer in die Mannschaft", meinte Robben zur Fast-Prügelei. Während Müller wie die meisten seiner Kollegen griesgrämig und wortlos verschwand, meinte Boateng angesäuert zu dem Streit: "Wir sind doch keine Mädchen." Auch Heynckes spielte die Sache herunter: "Es gehört dazu, dass Emotionen gelebt werden."

Schalke ohne Huntelaar zu schlecht

Beim FC Schalke regierte nach dem 1:2 in Freiburg die Erkenntnis, ohne Torjäger Klaas-Jan Huntelaar nur die Hälfte wert zu sein. "Ich rede nicht über Spieler, die nicht da sind", grantelte Trainer Huub Stevens im Stil des "Knurrers von Kerkrade", als er zur Bedeutung von Huntelaars Ausfall gefragt wurde.

Seine ebenfalls völlig frustrierten Spieler gaben indes unumwunden zu, dass der erzwungene Verzicht auf den Führenden in der Torjägerliste ein wesentlicher, wenn nicht gar der entscheidende Faktor für die nicht einkalkulierte Pleite war. "Man darf nicht vergessen, dass Huntelaar nicht dabei war", sagte Mittelfeldmann Jermaine Jones. Innenverteidiger Joel Matip, der sich zunächst wie fast alle Teamkollegen wortlos davonschleichen wollte, meinte nach mehrfachem Nachhaken: "Huntelaar und Farfán haben sehr viel Qualität. Ihr Fehlen könnte auch ein Grund gewesen sein."

Während der niederländische Stürmer-Star schlichtweg nicht spielen konnte, mutete Jefferson Farfáns Fehlen recht seltsam an. "Wenn ein Spieler sich nicht fit fühlt, kann ich keine Geldstrafe verhängen", sagte Manager Horst Heldt. "Er sagte, dass er sich nicht in der Lage gefühlt hat zu spielen, was soll ich da arbeitsrechtlich machen." Gut möglich, dass Schalke mit dem weiter um einen Vertrag pokernden Peruaner in nächster Zeit noch jede Menge Probleme bekommt.

Sportliche Probleme hat der Tabellenvierte nach dieser "bitteren Niederlage" (Heldt) auf alle Fälle. Der Titel ist angesichts von elf Punkten Rückstand auf Erzrivale Borussia Dortmund außer Reichweite; der vor kurzem noch scheinbar sichere Champions-League-Platz bei nur noch vier Zählern Vorsprung auf Bayer Leverkusen ernsthaft in Gefahr.

sportal.de / sportal

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