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1. Bundesliga: Ragnick bei Schalke schon in der Schusslinie

Kaum ist Ralf Rangnick wieder da, hat er sich zum ersten Mal die Finger verbrannt. Sein Griff in die Transferkasse wurde von Horst Heldt vereitelt. Doch der nächste Ärger steht ins Haus. Die Königstransfers der letzten Saison sind nicht mehr gut genug. Zeigt Professor Rangnick erneut sein Zweites Gesicht?

Kaum hat Ralf Rangnicks erste reguläre Saison nach seiner Rückkehr auf Schalke begonnen, schon hat er sich zum ersten Mal die Finger verbrannt. Sein Griff in die Transferkasse wurde von Manager Horst Heldt vereitelt. Kam er bei diesem Versuch noch mit leichten Verbrennungen davon, könnte ihm der Griff nach Fanliebling Raul einen ernsthaften Brandherd bescheren.

Rückblende: Mai 2009, Hoffenheim:

Die TSG hat gerade einen Tabellensturz erstklassig überlebt. Der Herbstmeister stürzte nach zwölf sieglosen Spielen infolge vom ersten auf den neunten Tabellenplatz. Ralf Rangnick forderte reflexartig mehr Geld für Neuzugänge. "Wir haben ein Plateau erreicht, wo wir abgleichen müssen, ob unsere Vorstellungen noch deckungsgleich sind. Ich werde fighten, will das Projekt durchziehen. Es kann aber keiner glauben, dass ich bedingungslos bleibe", drohte Rangnick mit seinem Abgang.

"Wem es nicht reicht, dass wir in der Bundesliga sind, und wer einen Champions-League-Klub will, der ist in Hoffenheim an der falschen Adresse", antwortete Mäzen Dietmar Hopp und mahnte zur Bescheidenheit. Rangnicks Drohung den Club zu verlassen konterte der Mister-Hoffenheim mit einer klaren Ansage: "Ich lasse mich nicht erpressen." Rangnick stänkerte: "Selbst Hannover hat mehr Geld", klagte Rangnick. "Profis mit Qualität kommen nun mal nicht wegen der guten Landluft nach Hoffenheim."

Gegenwart: Juli 2011, Schalke:

Die Königsblauen überzeugten in der Champions League und gewannen den Pokal, doch in der Liga landeten sie nur auf Platz 14. Rangnick haderte mit dem von Felix Magath zusammengestellten Kader. "Wir brauchen noch einen schnellen Stürmer, der auch mal einen Konter setzen kann", so Rangnick laut derwesten.de. "Ich ging davon aus, dass wir die Ablöse für Manuel Neuer zum größten Teil wieder in die Mannschaft investieren könnten. Das wäre ja auch normal. Aber es ist nicht der Fall", stellte der Trainer im kicker fest.

"Wir müssen uns überlegen, ob wir das Geld, das wir zur Verfügung haben, für einen Königstransfer oder für zwei oder drei günstigere Spieler ausgeben", so Rangnick. Es gehe auch um die Frage, "ob wir weiter warten, bis die Preise fallen und dadurch riskieren, den einen oder anderen Spieler nicht zu bekommen, oder nicht". Dabei geht es wohl um Stürmer Papiss Demba Cisse vom SC Freiburg, der jetzt für ca. 13-15 Millionen Euro zu haben wäre. Dann wäre das Budget für Neuzugänge mit einem Schlag aufgebraucht, eine Tatsache, die Rangnick wurmt.

Die "Neuen": Holtby, Moravek und Fährmann

Es stellt sich allerdings die Frage, warum Schalke nach der Rückkehr von Lewis Holtby, Jan Moravek, Jermaine Jones und den Neuzugängen Ralf Fährmann, Christian Fuchs und Marco Höger weitere Spieler braucht. Es scheint - so wird berichtet -, dass Rangnick mit einer Vielzahl von Magath-Einkäufen nicht zufrieden ist. Raul zum Beispiel, soll ins offensive Mittelfeld abgeschoben werden, da er nicht schnell genug für den Sturm sei.

Darüber freuen sich die Herren Julian Draxler, Jose Jurado, Alexander Baumjohann, Jan Moravek und Lewis Holtby sicherlich nicht, denn diese ausgebildeten offensiven Mittelfeldspieler bewerben sich für zwei Positionen, links vorne und eben auf der Zehn, aber zurück zu Rangnicks Problemfällen der besonderen Art.

Fragezeichen hinter den Magaths-Korsettstangen

Neben dem auf Schalke schon nach einer Saison sehr beliebten Raul soll Rangnick auch mit Klaas-Jan Huntelaar nicht zufrieden sein. "Ich will nicht sagen, dass Huntelaar kein schneller Stürmer ist...", wird Rangnick in der Bild zitiert. Rangnick schwebt Hochgeschwindigkeits-Fußball vor. Bei Ballgewinn soll sowohl schnell umgeschaltet werden, als auch durch scharfe Diagonalbälle ein schnelles Konterspiel aufgezogen werden. Der 14 Millionenstürmer aus den Niederlanden scheint dafür fehl am Platz.

Ebenfalls ungewolltes Erbe ist Jose Manuel Jurado, den Magath vor einem Jahr für 13 Millionen Euro nach Gelsenkirchen lockte. Der ballverliebte Spielmacher scheut die Defensivarbeit und fand quasi nur auf der Bühne Champions Leauge statt (3 Tore und 5 Assist in 11 Spielen). In der Bundesliga enttäuschte er meist (3 Tore und 1 Assist in 28 Spielen). Ein weiterer Königstransfer, dem man nachsagt, er genieße nicht die höchste Wertschätzung unter Rangnick, ist Christoph Metzelder. Da er leicht angeschlagen (Sommergrippe) ist, scheint er seinen Platz in der ersten Elf an den schnellen (!) Kyriakos Papadopoulos verloren zu haben.

Fehlt bei Schalke das Konzept?

Raul, Huntelaar, Jurado und Metzelder. Magaths-Kronjuwelen sind Rangnick zu langsam, bzw. nicht handlungsschnell genug. Nachdem man auf Schalke der Meinung war, mit Rangnick wird alles besser, scheint das ewig gleiche Spiel von Clubs ohne übergreifendes Konzept auch auf Schalke weiter abzulaufen. Ein Trainer kommt, krempelt den gesamten Kader nach seinen Vorstellungen um und verlässt nach einer Spielzeit verbrannte Erde. Der nächste Trainer hat andere Vorstellungen und krempelt wieder den gesamten Kader um und...!

Fehlt Schalke also das übergeordnete Konzept und sind die Königstransfers letztlich ein Fall für den superteuren Sondertransfermüll? Dass dem nicht so ist, liegt an einer ganz anderen Verpflichtung, die Clemens Tönnies während der Amtszeit Magath tätigte. Der wahre Glücksgriff auf Schalke heißt nicht Rangnick, sondern Horst Heldt. Der besonnene Manager hat Rangnicks Plänen erst einmal einen Riegel vorgeschoben. "Ich finde Rangnicks Wunsch nach neuen Spielern definitiv gut. Ein Trainer muss das Maximum an Qualität wollen. Aber wir halten an unserer Linie fest und jetzt ist unser Konsolidierungskurs eben mit Zahlen untermauert".

Schalke muss derzeit noch einige Transfers aus der Zeit des Alleinherrschers Magath abbezahlen. "Wir beschäftigen uns sehr mit der Vergangenheit, weil einige Transfers noch nicht komplett bezahlt sind", bestätigte Schalkes Finanzvorstand Peter Peters. Ebenfalls hat man erfolgreich begonnen, den aufgeblähten Kader zu verkleinern. Bereits 12 Spieler verließen den Club, darunter Transferflops wie Ali Karimi, Angelos Charisteas, Nicolas Plestan, Junmin Hao, Tore Reginiussen, Ciprian Deac, Vasileios Pliatsikas und Danilo Avelar.

Wer setzt sich auf Schalke durch?

Die Gefahr besteht, dass der Weg, den Heldt und Peters beschreiten, dem launischen Trainer Rangnick so gar nicht passt und er wieder sein Zweites Gesicht aufsetzt. Bleibt der Erfolg aus, verliert Rangnick schnell das Vertrauen in seine Belegschaft. Diese Tendenz ist auch auf seinen früheren Stationen zu beobachten. Spieler, die er vor einem Jahr noch mit Vehemenz forderte und für die der Club Millionen ausgab, werden schnell aufgegeben.

Transferflops wie Franco Zuculini (4,6 Millionen Euro), Maicosuel (4,5 Millionen Euro) oder Wellington (5 Millionen Euro) lassen grüßen. Schalkes Erfolg hängt also auch davon ab, ob Rangnick bei Laune zu halten ist und Horst Heldt die Transferzügel in der Hand behält. Um beide mit einem Schlag zufriedenzustellen, sollte Schalke Papiss Cisse verpflichten. Rangnick bekommt damit den schnellen Stürmer, den er gefordert hat und Heldt muss nur noch einmal die Kasse aufmachen. Mindestens bis zum Winter sollte so der Trainer still und die Fans zufrieden sein.

BVB als Blaupause?

Es sei denn, Rangnick setzt Volksheld Raul auf die Bank. Dann ist der Fan-Aufstand, den Felix Magath zu spüren bekam, vermutlich erneut entbrannt. Rangnick sieht dabei wohl den BVB als Vorbild, wo man qualitativ hochwertige, aber langsame Stürmer wie Mladen Petric und Alex Frei abgab um junge, schnelle Spieler einzubauen. Doch Raul ist nicht Petric! Rangnick könnte sich schon in der ersten regulären Saison ein zweites Mal, nach dem gescheiterten Griff in die Kasse, die Finger verbrennen. Es bleibt also brenzlig auf Schalke.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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