HOME

Bayern-Gegner FC Barcelona: Künstler der Kontrolle

Der FC Bayern trifft am Abend (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) in der Champions League auf die wohl beste Elf Europas: den FC Barcelona. Dessen neuer Trainer stammt, wie die Hälfte des Teams, aus der Akademie des Klubs. Auch die Stars müssen sich seinem System unterordnen.

Von Wigbert Löer, Barcelona

Nach einer guten halben Stunde ergreift Nervosität das Stadion Camp Nou, das in warmes Abendlicht getaucht ist. Samuel Eto'o versiebt schon wieder eine Chance, und 75.000 Menschen stöhnen, springen auf, raufen sich die Haare. Drei Tore sind bereits gefallen für ihren FC Barcelona gegen den Tabellensechsten Málaga - Xavi, Messi und Henry -, aber Eto'o leidet, und mit ihm leiden die Fans. Mit 23 Treffern führt er die Torjägerliste in Spanien an, doch seit Wochen versagt er vor dem Kasten.

Schöne Sorgen sind das. Barça-Sorgen. Der FC Barcelona, nächsten Mittwoch und Dienstag darauf Viertelfinalgegner des FC Bayern in der Champions League, ist die im Moment wohl stärkste Fußballmacht Europas. Die Katalanen strahlen wieder, ihr Offensivkunstwerk ist unwiderstehlich. Für Fußballfreunde, aber auch für die meisten Gegner.

Dabei verführt der Barça-Fußball durch eine Zutat, die eigentlich nicht im Rezeptbuch des attraktiven Fußballs zu finden ist: Kontrolle. Die Mannschaft bietet durchkalkulierte Vorstellungen, setzt ein Konzept kühl und präzise um. Passar, passar, passar i poc regatejar - abspielen, abspielen, abspielen und nicht so viel dribbeln: Die reine Lehre Barças verlangt dauerhaften Ballbesitz, schnelles Passspiel und Ziehharmonika-ähnliches Nachrücken.

Neuer Glanz

All die Trainer und Spieler, die anderswo auf ihre Philosophie verweisen, weil das eben so modern klingt, müssten erröten, wenn sie Barça sehen. Nirgendwo sonst ist ein Stil so tief verinnerlicht, eine Handschrift so deutlich sichtbar. Philosophie heißt "Liebe zur Weisheit". Und den Mann, der jetzt das Ensemble dirigiert, haben sie früher als Spieler den "Weisen" genannt. In jedem Gespräch, das man in Barcelona über das neue Team führt, fällt sein Name spätestens im dritten Satz: Pep Guardiola, sagen Spieler und Funktionäre, Journalisten und Altvordere, gab dem Verein seinen Glanz zurück.

Die Vereinsführung wollte als Trainer den Portugiesen José Mourinho, vor einem Jahr, als klar wurde, dass sie nach dem Champions-League-Sieg 2006 und zwei dürren Jahren nicht nur die satten Stars Ronaldinho und Deco wegschicken mussten, sondern auch Trainer Frank Rijkaard. Der hatte nach fünf Jahren jede Autorität eingebüßt. Doch der unerbittliche Mourinho forderte ein knapp zweistelliges Millionengehalt, einen Vertrag mit langer Laufzeit und Unsummen für Neuzugänge. So bekam Guardiola den Job, 37 Jahre alt, erst seit einem Jahr Trainer der B-Mannschaft. Weniger Erfahrung ging kaum. Mehr Barça aber ging auch nicht.

Als vor einem Jahr die Verantwortlichen des FC Bayern erklärten, warum sie Jürgen Klinsmann geholt hatten, merkten sie an, Klinsmann kenne den Klub. Klinsmann spielte einst zwei Jahre in München. Pep Guardiola kam zu Barça, als er 13 Jahre alt war - und blieb fast zwei Jahrzehnte.

Der Vereinskenner

Der Sohn eines katalanischen Küchenverkäufers schlief in den Mehrbettzimmern des Internats, durchlief alle Jugendteams, spielte elf Jahre lang im Camp Nou, vier Jahre davon als Kapitän. Im Mittelfeld der legendären Mannschaft, die Anfang der 90er Jahre unter Johan Cruyff vier Meisterschaften in Folge und den Cup der Landesmeister gewann, war Guardiola des Trainers rechte Hand. Er weiß alles über Barça - über das Spiel, die Bosse, die Strippenzieher, die zu jeder Zeit höchsten Erwartungen. Er wohnt auf der Avinguda Diagonal, die die Stadt durchschneidet. Das typische Barça-Spiel, das der Holländer Cruyff und sein katalanischer Assistenztrainer Carles Rexach etabliert haben, hat er gelernt wie Lesen oder Fahrradfahren.

Carles Rexach, früher selbst Kapitän und nach seiner Zeit mit Cruyff auch noch Cheftrainer des FC Barcelona, ist ein kantiger Kerl von 62 Jahren. Er sitzt auf einem Sofa im üppigen Trainingszentrum "Ciutat Esportiva" am Westrand der Stadt, ein paar Meter weiter trainiert sein Nachfolger das Häuflein Profis, das nicht zu Länderspielen berufen wurde. "Pep hatte als Kind Wachstumsprobleme", sagt Rexach. "Er war nicht schnell, nicht groß, hat auch nicht gut verteidigt. Aber er hatte den Fußball im Kopf. Und wir fingen damals an, Leute zu suchen, die Fußball interpretieren können."

Dass, wie kürzlich beim kommenden Gegner FC Bayern, Spieler öffentlich die Taktik kritisieren oder überhaupt Vorgaben einfordern, scheint unter Pep Guardiola undenkbar. Alle Fragen sind längst geklärt, das Barça-System hat immer recht. Viele Spieler kennen eh nichts anderes.

Klare Hierarchie

Der Torwart Valdés, die Innenverteidiger Puyol und Piqué, Xavi, Iniesta und der 20-jährige Sergi Busquets aus dem Mittelfeld, das Sturmtalent Bojan Krkic und schließlich Lionel Messi - sie alle lernten bei Barça. Philipp Lahm hat mal festgestellt, dass Spieler aus der eigenen Jugend beim FC Bayern kaum den höchsten Stellenwert erreichen könnten. Bei Barcelona gilt unter Pep Guardiola das Gegenteil: Wer von außen kommt, muss sich anpassen. Thierry Henry, der 102 Länderspiele für Frankreich und 116 Premier-League-Tore für den FC Arsenal machte, besetzt bei Barça brav den Platz des linken Außenstürmers.

Es sind die Katalanen, die bestimmen. "Der Anführer bin ich, die Mannschaft folgt mir", sagt Pep Guardiola. Die Hierarchie im Team beginnt bei Carles Puyol, dem Sohn eines Bergbauern aus den Pyrenäen. Der wild gelockte Kapitän ist kein Denkertyp, aber er erledigt seinen Job so pflichtbewusst, dass ihm der Champions-League-Sieg 2006 zusetzte: Er musste feiern. In den fünf Jahren zuvor, zwischen seinem 23. und 28. Lebensjahr, war er nie nach drei Uhr ins Bett gegangen.

Zweiter Spielführer ist Xavi Hernández, der aus einem Dorf bei Barcelona stammt. Xavi, 1,70 Meter groß und bei der Europameisterschaft 2008 zum besten Spieler des Turniers gewählt, ist ein freundlicher Kerl, der seine Schüchternheit überwunden hat und wohl mal Trainer werden wird. Im Gespräch doziert er heute schon über Fußball. Neben Víctor Valdés, Torwart, dritter Kapitän und ebenfalls ein Katalane, hat der kleine, blasse Andrés Iniesta an Einfluss gewonnen. Es waren diese vier Spieler, die im Sommer erreichten, dass Samuel Eto'o bleiben durfte. Guardiola wollte den Kameruner loswerden, weil der als Störenfried gilt. Doch er ließ sich überzeugen, sprach immer wieder mit Eto'o und konnte ihn so zähmen.

Unter strenger Führung

Ohne große Diskussion aber änderte Guardiola die Arbeitsbedingungen. Er engagierte Fitnesstrainer und Sportpsychologen, schloss die Öffentlichkeit vom Training aus und verlegte die Einheiten von den Plätzen neben dem Stadion in die Ciutat Esportiva. Die Spieler haben dort schon zum Frühstück zu erscheinen, ihre Ankunft wird wie in einem gewöhnlichen Betrieb elektronisch erfasst. Die höchste Strafe fürs Zuspätkommen: 6000 Euro. Einen Blick in die vielen Sportzeitungen gestattet Guardiola auf dem Gelände nicht. Die bunten Blätter stören nur die Konzentration, findet der Trainer. Er selbst gibt grundsätzlich keine Interviews, dabei ist er mit Journalisten eng befreundet.

In seiner strengen Führung wirkt Pep Guardiola nicht angestrengt. Er handelt wie ein Katalane, nicht heißblütig, sondern bedacht. Katalonien unterscheidet sich vom Rest Spaniens, die Menschen sind hier misstrauischer und weniger euphorisch. Verlässlichkeit ist ein hoher Wert, dass die Dinge bei ihnen besser funktionieren, macht die Katalanen stolz. Ein drittes Jahr ohne Titel würden sie nicht hinnehmen - doch danach sieht es auch nicht aus.

Die Barça-Bosse sonnen sich in Guardiolas Erfolg. Der eitle Präsident Joan Laporta, 46, dem noch vor einem Jahr 60 Prozent der Mitglieder das Misstrauen aussprachen, sieben Prozent zu wenig, um ihn abzusetzen, spendet dem Trainer seit Monaten Applaus. Laportas Stellvertreter für sportliche Belange, Rafael Yuste, sagt, Guardiola habe "das Gefühl für die Spieler. Er kann sie lesen". Yuste, 46, steht in der Pause eines Basketballspiels im VIPRaum, tief gebräunt ist er und wirkt mit dem schütteren, glatt zurückgegelten Haar wie ein junger Berlusconi. "Von Pep", sagt er mit großer Geste, "habe ich Bescheidenheit gelernt."

Stark geförderter Nachwuchs

Dabei klotzt der Klub gern. Auf den Übungsplätzen trainieren neben den Profis unter einem Wald von 30 Flutlichtmasten die elf Barça-Nachwuchsteams. Rund 13 Millionen Euro pumpt der Verein jedes Jahr in seine Nachwuchsarbeit. Albert Puic ist einer der Trainer, 40 Jahre, ein angenehmer Mensch. Er schlendert über die Betonwege, grüßt einen jungen Israeli und den Sohn des brasilianischen Weltmeisters Mazinho. Beide leben im Internat, seit sie 14 sind. Beide wurden bei internationalen Turnieren von Barça-Scouts entdeckt.

Puic kann schwärmen über die Wettkampffreude, die schon die Jüngsten der Region mitbringen, "typisch katalanisch", sagt er, "wir messen uns gern". Katalonien sei Barças Basis. "Und wir haben die Möglichkeiten, Talente aus der ganzen Welt zu finden und zu uns zu holen."

Der Wunderstürmer Messi kam mit 13 aus Argentinien, Iniesta trennte sich mit zwölf von seiner Familie in Extremadura, am anderen Ende Spaniens. Trainer wie Puic impften ihnen auch katalanisches Selbstvertrauen ein. "Jedes Jahr sieben wir aus. Schon die Elfjährigen wissen, dass nur die Besten bei Barça bleiben."

Erlesene Auswahl

So ist es auch bei den Profis. Pep Guardiola wurde einst im defensiven Mittelfeld von Xavi abgelöst, "in Rente geschickt", wie Guardiola selbst sagt. Als Trainer hat er Xavi ins vordere Mittelfeld gestellt, dort soll er den letzten, den tödlichen Pass spielen. Genau das macht Xavi, nach seinen Pässen fielen bereits 13 Tore. Andrés Iniesta brilliert auf der linken Seite, wo ihm Ronaldinho früher die Luft nahm.

Rechts wirbelt Außenverteidiger Dani Alves, 25, ein lustiger Brasilianer, der für sagenhafte 36 Millionen Euro kam. Beim FC Sevilla trieb er sich herum, wo es ihm passte, ähnlich wie Franck Ribéry in München. Bei Barça hält er seine Position.

Im Spiel gegen den FC Málaga jedoch ist Alves irgendwann nicht mehr zu halten. Ein langer Spurt, die Vorlage kommt von Iniesta, hoch, präzise und steil in die Spitze, Alves lupft den Ball mit dem Kopf über den Torwart hinweg ins Netz. Das Spiel endet 6 : 0, Barcelona bleibt Erster, sechs Punkte vor Real Madrid.

Die Zuschauer gehen erleichtert nach Hause. Auch Eto'o hat noch getroffen.

print

Wissenscommunity