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Bayern München: Höchst zufrieden mit dem Klinsmann-Ersatz

Erleichterung beim FC Bayern: Die Arbeit von Interimscoach Jupp Heynckes trägt erste Früchte. Im Spiel eins nach Klinsmann wahrte der Rekordmeister gegen Borussia Mönchengladbach die Chance auf den Meistertitel. Im Hintergrund läuft die Suche nach einem neuen Cheftrainer auf Hochtouren. Zwei Namen werden heiß gehandelt.

Von Sebastian Krass, München

Nach 33 Minuten war klar: Die Zeit der fliegenden Gliedmaßen ist vorbei beim FC Bayern. Der FC Bayern hatte soeben das 1:0 erzielt, und am Spielfeldrand stand kein Trainer in entrückten Jubelposen, sondern: niemand. Jupp Heynckes nahm das freudige Ereignis im Sitzen auf. Als seine Mannschaft zum zweiten Mal getroffen hatte, erhob der neue Trainer des FC Bayern sich dann doch, aber aus rein pädagogischen Motiven. Philipp Lahm war zur Seitenlinie gekommen, um etwas zu trinken. Und er bekam gleich ein paar taktische Anweisungen mit auf den Weg. Es war ein schönes Symbol dafür, wie der Fußballlehrer Heynckes seinen Interimsjob ausfüllt: ruhig und mit Konzentration auf das Wesentliche. Und er wurde belohnt für seine Arbeit.

Im Spiel eins nach Jürgen Klinsmann gewann der FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach 2:1 (2:1) und wahrte damit seine Chancen auf das momentan ausgegebene Ziel Platz zwei, aber auch auf die deutsche Meisterschaft. "Man hat gesehen, dass die Spieler heute viel Freude hatten", sagte Heynckes. "Aber wir müssen uns auch noch viele Facetten erarbeiten."

Ein paar Facetten aber hat der neue Trainer schon verbessert, indem er intensiv an den Grundlagen des Spiels arbeitete. So ließ er unter der Woche zum Beispiel Standardsituationen üben - seit Jahren ein Problembereich beim FC Bayern. "Die Eckbälle waren ein bisschen holprig", sagte Heynckes. "Man muss die Leute so vor dem Tor postieren, dass sie sich dann in Position bringen können, aber ohne dass ein Knubbel entsteht. Und solche Dinge muss man immer wieder wiederholen." Und siehe da: Im Spiel gegen Mönchengladbach klappten diese Szenen schon deutlich besser. In der 32. Minute landete ein Kopfball von Lucio nach Ecke von Zé Roberto am Pfosten.

Blockade gelöst

Es war auch von der ersten Minute an zu erkennen, dass die psychotherapeutischen Ansätze von Heynckes - neben den einfachen spielerischen Elementen die zweite Großbaustelle - gefruchtet haben. Die Blockade im Kopf der Spieler war gelöst. Denn, wie angekündigt, hatte Gästetrainer Hans Meyer seine Mannschaft sehr defensiv eingestellt. Doch die Bayern ließen sich von diesen Sicherheitsvorkehrungen nicht beeindrucken. Es war ein augenfälliger Kontrast zum Spiel gegen Schalke eine Woche zuvor. Damals waren die Bayern hektisch losgestürzt, was Vereinspräsident Franz Beckenbauer veranlasste, darauf hinzuweisen, dass man Fußball "mit Hirn" spielen und ein Spiel nicht unbedingt in den ersten 20 Minuten entscheiden müsse. Genau das scheint auch Jupp Heynckes seinen Spielern vermittelt zu haben. Die Bayern nutzten geduldig die ganze Breite des Platzes. In der 33. Minute dann kam Luca Toni im Strafraum halbrechts an den Ball, er flankte flach auf die andere Seite. Dort war Bastian Schweinsteiger in Position gelaufen und bugsierte die Kugel unter die Latte zum 1:0.

Zwar wurde die Freude kurz darauf jäh unterbrochen, als Mönchengladbach per Elfmeter von Filip Daems ausglich (38.). "Das war ein Rückschlag, den man verdauen muss. Aber es war toll, wie wir reagiert haben", sagte Heynckes. In der 42. Minute spielte Lukas Podolski einen herrlichen Pass auf Hamit Altintop, der Türke nahm den Ball im Lauf mit und platzierte sie elegant zum verdienten 2:1 im Netz.

Toni fehlte Treffsicherheit

Auch in der zweiten Halbzeit erspielten sich die Bayern Chance um Chance, namentlich durch Luca Toni. Doch dem Italiener fehlte an diesem Tag die Treffsicherheit. "Es war schade, dass wir das Spiel nicht früher entschieden haben und dass wir nicht mehr für unser Torverhältnis getan haben", monierte Manager Uli Hoeneß. Doch Trainer Heynckes hat aus dieser zweiten Halbzeit einige Anregungen mitgenommen, was es in der kommenden Woche zu tun gibt: "Wir müssen im fußballspezifischen und taktischen Bereich arbeiten und den Spielern noch mehr Sicherheit geben." Besonderen Wert wird er auf das Flankentraining legen. "Das mache ich schon immer zweimal die Woche, für die Stürmer ist es elementar, dass sie üben, Bälle zu verwerten, und dass sie dadurch Selbstvertrauen gewinnen." Es wirkt, als habe Heynckes ein gutes Gespür für die Sorgen und Bedürfnisse seiner Spieler. Vor allem für Stürmer. Er war ja selbst mal einer.

Es ist erstaunlich, wie gelöst Heynckes seine Aufgabe angeht. Von seinen vergangenen Bundesliga-Engagements hatte man das Bild eines gealterten, stets angespannten Trainers in Erinnerung. Nun, nach eineinhalb Jahren Pause, präsentiert Heynckes sich frisch, offen und humorvoll. Vor dem Pressegespräch am Freitag bat er alle anwesenden Journalisten, es waren etwa 20, sich vorzustellen - ein Novum. Und als die Runde lief, schaute er sich jeden aufmerksam an.

Zufrieden mit Heynckes

Auch im Verein sind sie nach knapp einer Woche höchst zufrieden mit ihrem Klinsmann-Ersatz. Chef-Charmeur Franz Beckenbauer sagte nach der Partie über die Interimslösung Heynckes: "Jupp wäre der Richtige, wenn er zehn oder 15 Jahre jünger wäre." So wollte das der 63 Jahre alte Heynckes nicht stehen lassen: "So schlecht habe ich mich ja auch nicht gehalten." Aber er ließ, wie auch alle anderen Beteiligten, keinen Zweifel daran, dass das Engagement über die Saison hinaus nicht verlängert wird.

Und so läuft die Suche nach einem neuen Cheftrainer für kommende Saison im Hintergrund auf Hochtouren. Dass Louis van Gaal zum engsten Kandidatenkreis gehört, hat Uli Hoeneß bereits bestätigt. Beckenbauer verriet am Samstag, dass auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer auf der Liste steht. Auf Martin Jol, derzeit in Diensten des Hamburger SV angesprochen, wich Beckenbauer aus: "Ich habe nicht mehr alle im Kopf, ist schon ein paar Tage her, und ich bin ein bisschen vergesslich." Doch klar ist: Die Personalie soll schnellstmöglich geklärt werden. "Wir hätten die Entscheidung gern bis Ende Mai, auch damit die Spieler Bescheid wissen, wenn sie in Urlaub gehen", erklärte Manager Uli Hoeneß am Samstag. Doch das ist sicher nicht der wichtigste Grund: Es geht schließlich auch darum, schnellstmöglich eine andere Blockade zu lösen: So lange der neue Trainer nicht feststeht, sind den Bayern auf dem Transfermarkt die Hände gebunden.

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